Meine Migräne läuft nach einem Rhythmus ab

Foto von Frau bei Yoga-Übungen im Freien (Denis Raev / iStock / Thinkstock) Veronika, 51 Jahre

„Während eines Anfalls bin ich extrem licht- und geräuschempfindlich und kann keine Berührungen ertragen. Mein Mann kann mir nicht einmal über den Arm streicheln, das halte ich nicht aus. Auch Gerüche stören mich.“

Schon als Kind hatte ich ab und zu Kopfschmerzen. Mit 16 Jahren bekam ich dann zum ersten Mal Migräne. Im Alter von etwa 25 bis 30 Jahren waren die Migräneanfälle bisher am häufigsten und am stärksten. Danach hatte ich erst einmal etwas Ruhe und manchmal nur einmal im halben Jahr Migräne. Dann wurde es langsam wieder häufiger. Jetzt bin ich 51 Jahre alt und habe etwa jeden Monat, abhängig vom Zyklus, einen Migräneanfall.

Als ich die Anfälle nicht so regelmäßig hatte, waren sie heftiger als sonst und ich bin sogar manchmal ins Krankenhaus gefahren, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Seit ich sie regelmäßiger habe, sind sie nicht ganz so heftig und ich kann besser mit dem Schmerz umgehen.

Anfälle kosten Lebenszeit und Kraft

Ich habe die Migräne meistens am Wochenende, von Freitagabend bis Montagmorgen. Die Wochenenden sind immer weg, meine Pläne kann ich nicht umsetzen und die Erholung fehlt. Das kostet mich sehr viel Kraft. Ich habe das Gefühl, dass mir Tage meines Lebens verloren gehen, weil ich wegen der Kopfschmerzen im Bett bleiben muss. Das zieht mich sehr runter. Auch diese Angst, dass irgendwas in meinem Kopf kaputt geht oder platzt und die Frage, ob ich einen Notarzt rufen oder in eine Klinik fahren soll, haben mich sehr belastet. Ich finde es furchtbar, wenn man so machtlos ist und nichts beeinflussen kann. Lange Zeit konnte ich auch nicht glauben, dass es nur Kopfschmerzen sind und habe mich gefragt, ob ich nicht doch einen Gehirntumor oder etwas anderes habe.

Migräne hat einen Rhythmus

Meine Migräne läuft nach einem gewissen Rhythmus ab und ich weiß genau, wann es wieder losgeht. Etwa so eine Woche vor meiner Regel bin ich extrem müde, muss gähnen, habe tränende Augen, gesteigerten Appetit und esse dementsprechend viel und unkontrolliert. Ich habe nicht so richtig Kopfschmerzen, sondern eher ein Spannungsgefühl im Kopf und fühle mich regelrecht matschig. Auch meine gesamte Körperhaltung verändert sich und ich ziehe die Schultern nach oben, da kann ich nichts dagegen machen. Daran merke ich, dass es wieder losgeht.

Ein Migräneanfall dauert bei mir meistens etwa zwei Tage, wenn es schlimm ist, drei Tage. Es gibt bei mir keine Regel, wo die Schmerzen auftreten. Mal habe ich Schmerzen auf der einen Kopfseite, mal auf der anderen und mal wechselt es während eines Migräneanfalls. Früher fing es immer in der Stirn an, jetzt oft im Nacken. Das wird dann so stark, dass ich den Nacken kaum mehr bewegen kann.

Während eines Anfalls bin ich meist extrem licht- und geräuschempfindlich und kann kaum Berührungen ertragen. Mein Mann kann mir nicht einmal über den Arm streicheln, das halte ich nicht aus. Auch Gerüche stören mich. Wenn mein Nachbar unter mir raucht und ich habe oben das Fenster auf, wird mir schlecht. Mir ist ja eh schon übel, das verstärkt es dann noch. Manchmal schlafe ich im Sitzen, weil es im Liegen noch mehr weh tut.

Ich habe schon einiges probiert: zum Beispiel Akupunktur, Medikamente, Massagen. Aber ich kann nicht alles machen und bezahlen, was andere mir raten: von Pendeln bis Yoga, Tai Chi, Akupunktur, Ernährungsumstellung. Wenn ich das alles ausprobieren würde, hätte ich gar keine Zeit mehr. Da ist auch großer Druck dabei. Ich habe das Gefühl, dass ich mich verteidigen muss, wenn ich Dinge nicht ausprobiere, die anderen geholfen haben. Aber eigentlich hilft bei mir außer Schmerzmedikamenten nur warten, bis es vorbei geht.

Ich war im letzten Jahr in einer Schmerzklinik, dies hatte mir mein Neurologe geraten. So würde ich auch einmal komplett durchgecheckt werden. Außerdem würden dort sicherlich auch neue oder andere Medikamente verschrieben werden. Ich hatte nicht mehr den Überblick über die Einnahme meiner Tabletten. Ich habe sie oft falsch dosiert – manchmal zu viel, manchmal zu wenig – und insgesamt sehr viele Schmerzmittel genommen.

Der Klinikaufenthalt war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Ich wurde zuerst von den Schmerzmitteln komplett entwöhnt und alle Tabletten wurden abgesetzt. Ich durfte dann fast vier Monate keine Schmerzmittel nehmen. Eine völlig neue Erfahrung! Das hat mir das Vertrauen gegeben, dass ich nicht davon abhängig bin. Und dass ich viel selber steuern kann, auch ohne Medikamente.

Auszeit nehmen und entspannen

Ich denke jetzt anders über meine Migräne und gehe anders mit ihr um. Beispielsweise nehme ich mir nichts mehr vor, wenn sich ein Migräneanfall ankündigt. Ich kann mir selbst sagen, dass ich zu Hause bleiben kann und setze mich selber nicht mehr so unter Druck.

Ich habe in meinem Leben nie viel Alkohol getrunken. Aber immer wenn ich etwas getrunken habe, bekam ich Migräne. Das war ein ganz starker Auslöser für mich. Ich verzichte jetzt fast auf Alkohol und mir geht es damit viel besser! Das war eine Erkenntnis für mich. Dadurch habe ich jetzt etwas mehr Kontrolle über die Migräne.

Auch Entspannungs- und Meditationstechniken helfen mir, mich nicht mehr so ausgeliefert zu fühlen. Ich versuche, mir auch immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass ich keinen Tumor habe und nichts in meinem Kopf platzen kann. Wissen hilft! In der Klinik sind wir auch die Schmerzabläufe im Kopf durchgegangen, das kann ich in Schmerzsituationen wieder abrufen. Was mir auch hilft, ist Sport, vor allem Ausdauersport. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio. Frische Luft tut mir auch gut, aber vor allem der Sport.

Ich bin sehr froh, dass ich jetzt ganz gut ohne Tabletten auskommen kann. Die Tabletten bringen meinen Kreislauf durcheinander und ich bin immer wie auf Drogen. Das ist beängstigend. Ich habe dann das Gefühl, dass mir mein Körper irgendwie nicht mehr gehorcht. Mir wird oft auch von den Tabletten schlecht. Aber ich passe auf, dass ich keinen falschen Ehrgeiz entwickle, jetzt gar keine Tabletten mehr zu nehmen, wenn die Schmerzen zu stark werden.

Zu Hause habe ich immer ein Notfallkästchen mit Medikamenten parat. Pfefferminzöl tut mir gut, da achte ich drauf, dass da immer welches drin ist. Wenn es mir nicht gut geht, dann weiß ich, wo die Sachen sind.

Wenn ich merke, dass ich einen Migräneanfall bekomme, denke ich mir heute: „Du musst nichts machen, kannst alles absagen, du musst nirgendwo hingehen. Es gibt keine Zwänge und Verpflichtungen.“ Das klingt so einfach, aber tatsächlich zu sagen: 'Nein, ich kann nicht', und es auch so umzusetzen, ist für mich nicht leicht. Wenn ich es schaffe, ist das ein Erfolgserlebnis.

Früher habe ich mich viel mehr unter Druck gesetzt. Da habe ich mir immer gesagt: 'Augen zu und durch!' Ich habe auch mit ganz starker Migräne noch gearbeitet. Oft wäre ich fast umgekippt, aber ich habe irgendwie die Zähne zusammengebissen, obwohl ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Es sollte niemand etwas von meinen Schmerzen wissen. Und abends bin ich dann kaputt ins Bett gefallen. Der Akku war leer. Aber das mache ich heute nicht mehr.

Jetzt versuche ich, mir eher eine Auszeit zu nehmen. Manchmal geht das ganz gut. Aber wenn ich am Wochenende oder im Urlaub diese Schmerzen bekomme, belastet mich das besonders. Dann geht auch wieder diese Spirale im Kopf los: Warum jetzt? Warum ich? Dann rechtzeitig „Stopp“ zu sagen und zu akzeptieren, dass ich es nicht ändern kann, muss ich immer wieder aufs Neue lernen. Das kostet aber immer sehr viel Energie.

Schmerzen sieht man nicht

Mein Mann macht sich bei den Migräneanfällen immer sehr große Sorgen. Er ist sehr mitfühlend. Aber richtig helfen kann er mir nicht. Meine Mutter ist da ganz anders. Burschikoser und wenig einfühlsam. Sie ist eher der Auffassung, dass man wegen solcher Sachen nicht stirbt und dass es wieder vorbeigeht. Das hilft mir noch weniger. Aber man hat es als Angehöriger auch schwer, es richtig zu machen.

Ich brauche jemanden, der einfach nur da ist. Andere können das nur schwer nachvollziehen und ich finde es auch schwer zu beschreiben. Schmerz empfindet ja jeder anders. Das hat mich immer an dieser Krankheit gestört, dass man das Ausmaß des Schmerzes nicht sehen kann. Es ist nicht wie mit einem blauen Fleck, den man sieht.

Ich tue immer alles, damit bei der Arbeit niemand merkt, dass ich Schmerzen habe. Das kann ich ziemlich gut. Ich möchte nicht, dass meine Arbeitskollegen von meiner Migräne erfahren. Aber ob das gut ist, ist wieder eine andere Sache. Meistens habe ich die Anfälle ja am Wochenende, so dass ich bis Freitag arbeite und am Montag wieder zur Arbeit gehe.

Was ich für mich in der Klinik Wichtiges gelernt habe: Loslassen und annehmen. Nicht dagegen angehen. Dem Schmerz etwas entgegensetzen, zum Beispiel mit Meditation. In der Vergangenheit habe ich mich immer maßlos geärgert, dass ich geplante Dinge nicht machen konnte, und gehadert und getrauert. Das versuche ich zu ändern: Ich schaue, was mir gut tut, oder lege mich einfach hin. Aber zuzugeben, dass ich Migräne habe oder es mir nicht so gut geht, fällt mir nach wie vor schwer.

Zu akzeptieren, dass die Migräneanfälle zu meinem Leben dazu gehören, fand ich sehr schwierig. Für mich ist es wichtig, einen Mittelweg zu finden: aktiv nach Behandlungen zu suchen, die mir helfen, und die Migräne einfach anzunehmen.

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

 

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