Einleitung

Lenvatinib (Handelsname Lenvima) ist seit August 2018 zur Therapie für Erwachsene mit Leberzellkrebs zugelassen, die zuvor noch keine systemische Therapie erhalten haben. Lenvatinib kommt infrage, wenn der Leberzellkrebs fortgeschritten ist oder nicht operiert werden kann.

Leberzellkrebs (hepatozelluläres Karzinom) entsteht durch bösartige Veränderungen von Zellen der Leber. Anfangs macht sich ein Leberzellkrebs meist nicht bemerkbar. Erst im fortgeschrittenen Stadium treten häufig allgemeine Beschwerden auf wie Übelkeit oder Appetitverlust. Große Tumoren verursachen oft einen Druckschmerz im rechten Oberbauch. Außerdem kann der Bauch durch Flüssigkeit anschwellen (Aszites).

Ein Leberzellkrebs lässt sich nur schwer behandeln. Er kann in seinem Wachstum bereits so weit fortgeschritten sein, dass der Krebs durch eine Operation nicht mehr geheilt werden kann.

Oft haben Patientinnen und Patienten mit Leberzellkrebs auch eine Leberzirrhose, bei der die Leber zunehmend schlechter arbeitet. Wenn die Leberzirrhose fortgeschritten ist, kann auch ein Krebs nicht mehr optimal behandelt werden. Wie weit eine Leberzirrhose fortgeschritten ist, wird anhand des Child-Pugh-Scores beurteilt.

Lenvatinib soll verschiedene Proteine blockieren und so das Tumorwachstum bremsen. Außerdem soll der Wirkstoff das Tumorwachstum direkt in den Leberzellen hemmen.

Anwendung

Lenvatinib wird einmal täglich als Kapsel eingenommen. Die Dosierung hängt vom Körpergewicht ab:

  • Körpergewicht unter 60 kg: Die empfohlene Dosis beträgt 8 mg Lenvatinib pro Tag. Das entspricht zwei 4-mg-Kapseln.
  • Körpergewicht über 60 kg: Die empfohlene Dosis beträgt 12 mg Lenvatinib pro Tag. Das entspricht drei 4-mg-Kapseln.

Die Dosierung kann je nach Nebenwirkungen angepasst werden.

Andere Behandlungen

Bei Erwachsenen mit fortgeschrittenem oder inoperablem Leberzellkrebs, die zuvor noch keine systemische Therapie erhalten haben, hängt die Standardtherapie davon ab, ob eine Leberzirrhose vorliegt und wie weit diese fortgeschritten ist.

  • Für Patientinnen und Patienten ohne Leberzirrhose oder mit einer leichten Leberzirrhose (Child-Pugh A) kommt als Standardtherapie Sorafenib infrage.
  • Für Patientinnen und Patienten mit einer mittelschweren Leberzirrhose (Child-Pugh B) kommt eine bestmögliche unterstützende Behandlung („Best Supportive Care“ oder BSC) infrage. Die unterstützende Behandlung soll sich an den individuellen Bedürfnissen orientieren, Beschwerden wie Übelkeit, Appetitverlust oder Schmerzen lindern und die Lebensqualität verbessern.

Bewertung

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2018 geprüft, ob Lenvatinib für Personen mit fortgeschrittenem oder inoperablem Leberzellkrebs, die noch keine systemische Therapie erhalten haben, Vor- oder Nachteile im Vergleich zu den Standardtherapien hat.

Für Patientinnen und Patienten mit einer mittelschweren Leberzirrhose (Child-Pugh B) legte der Hersteller keine Daten vor. Ob Lenvatinib für diese Patientengruppe Vor- oder Nachteile hat, bleibt deshalb unklar.

Für Patientinnen und Patienten ohne Leberzirrhose oder mit einer leichten Leberzirrhose (Child-Pugh A) legte der Hersteller eine noch laufende Studie mit knapp 1000 Personen zur Auswertung vor. Die eine Hälfte der Untersuchten erhielt Lenvatinib, die andere Hälfte Sorafenib. Die Zwischenauswertung zeigte folgende Ergebnisse:

Welche Vorteile hat Lenvatinib?

  • Rollenfunktion: Bei diesem Aspekt der Lebensqualität deuten erste Schätzungen darauf hin, dass mit Lenvatinib behandelte Patientinnen und Patienten sich in ihrem Alltag, ihrer Freizeit oder Arbeit weniger eingeschränkt fühlten als mit Sorafenib behandelte Patientinnen und Patienten.
  • Körperbild und Ernährungszustand: Auch bei diesem Aspekt der Lebensqualität deuten erste Schätzungen darauf hin, dass mit Lenvatinib behandelte Patientinnen und Patienten sich mit ihrem äußeren Erscheinungsbild wohler fühlen und weniger Probleme mit dem Essen haben als mit Sorafenib behandelte Patientinnen und Patienten.
  • Durchfall: Erste Schätzungen deuten hier auf einen Vorteil von Lenvatinib verglichen mit Sorafenib für Personen unter 75 Jahren hin: Bei Personen unter 75 Jahren, die mit Lenvatinib behandelt wurden, verschlechterte sich Durchfall im Mittel (Median) nach ungefähr 5 Monaten. Bei Personen unter 75 Jahre, die mit Sorafenib behandelt wurden, war dies bereits nach etwa 3 Monaten der Fall. Für Personen über 75 Jahren zeigte sich hingegen kein Unterschied.

Welche Nachteile hat Lenvatinib?

Kognitive Funktion: Bei diesem Aspekt der Lebensqualität deuten erste Schätzungen darauf hin, dass mit Lenvatinib behandelte Patientinnen und Patienten sich schlechter konzentrieren und erinnern konnten als mit Sorafenib behandelte Patientinnen und Patienten.

Wo zeigte sich kein Unterschied?

  • Lebenserwartung: Hier zeigte sich kein Unterschied zwischen der Behandlung mit Lenvatinib und Sorafenib. In beiden Behandlungsgruppen starben innerhalb von im Mittel (Median) 27 Monaten über 70 von 100 Personen.
  • Krankheitsbeschwerden: Zwischen den Behandlungen zeigte sich ebenfalls kein Unterschied bei:
    • Erschöpfung
    • Übelkeit und Erbrechen
    • Atemnot (Dyspnoe)
    • Schlaflosigkeit
    • Appetitminderung
    • Verstopfung (Obstipation)
    • Gelbsucht (Ikterus)
    • Fieber
    • aufgeblähter Bauch
  • Gesundheitsbezogene Lebensqualität: Bei verschiedenen Aspekten der Lebensqualität konnte kein Unterschied zwischen den Behandlungen nachgewiesen werden:
    • Bewältigung von Aktivitäten des Alltags wie beispielsweise Einkaufen oder Waschen (körperliche Funktion)
    • Gefühle wie Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit, Sorge und Angespanntheit (emotionale Funktion)
    • Beeinträchtigung im Familienleben, bei Unternehmungen mit Freunden und anderen sozialen Aktivitäten (soziale Funktion)
    • Beeinträchtigung des Sexuallebens
  • Schwere Nebenwirkungen und Therapieabbrüche aufgrund von Nebenwirkungen: Hier zeigte sich ebenfalls kein Unterschied zwischen den Behandlungen.
  • Krankheitsbedingte Schmerzen: Auch für krankheitsbedingte Schmerzen konnte kein relevanter Unterschied zwischen den Behandlungen nachgewiesen werden. Die Daten waren widersprüchlich.

Welche Fragen sind noch offen?

  • Gesundheitszustand: Zur Frage, wie sich Lenvatinib im Vergleich zu Sorafenib auf den Gesundheitszustand auswirkt, legte der Hersteller keine geeigneten Daten vor.
  • Nebenwirkungen: Für verschiedene Nebenwirkungen lagen ebenfalls keine geeigneten Daten vor. Deshalb bleibt unklar, wie sich Lenvatinib im Verglich zu Sorafenib auf einzelne Nebenwirkungen auswirkt.

Weitere Informationen

Dieser Text fasst die wichtigsten Ergebnisse eines Gutachtens zusammen, das das IQWiG im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) im Rahmen der Frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln erstellt hat. Der G-BA beschließt auf Basis der Gutachten und eingegangener Stellungnahmen über den Zusatznutzen von Lenvatinib (Lenvima).