Können Entspannungsverfahren helfen?

Foto von Gruppe bei der Entspannung (PantherMedia / Robert Kneschke) Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung können zur Linderung leichter bis mittelschwerer Depressionen beitragen. Sie sind aber nicht so wirksam wie eine kognitive Verhaltenstherapie.

Depressionen sind weit verbreitet: In Deutschland haben schätzungsweise 16 bis 20 von 100 Erwachsenen mindestens einmal im Leben damit zu tun.

Typische Anzeichen einer Depression sind länger anhaltende Niedergeschlagenheit, Antriebs- und Freudlosigkeit sowie ein allgemeines Desinteresse – selbst zuvor gern ausgeübte Hobbys bereiten keine Freude mehr. Depressionen äußern sich manchmal aber auch durch körperliche Symptome wie Müdigkeit und Schlafstörungen (Insomnie). Gleichzeitig können andere Beschwerden wie Angstzustände oder Schmerzen auftreten. Schwere Depressionen sind mit dem Risiko einer Selbsttötung verbunden und müssen professionell behandelt werden.

Depressionen werden am häufigsten mit Medikamenten (sogenannten Antidepressiva) oder einer Psychotherapie behandelt. Entspannungsverfahren können ergänzend dazu angewendet werden.

Entspannungsverfahren

Ein weit verbreitetes Entspannungsverfahren ist die progressive Muskelentspannung, auch Muskelentspannung nach Jacobson oder Tiefenmuskelentspannung genannt. Bei dieser Technik legt man sich hin und konzentriert sich auf eine bestimmte Muskelpartie. Sie wird zunächst bewusst für eine Weile angespannt und anschließend wieder vollständig entspannt. Auf diese Weise werden nacheinander die wichtigsten Muskelpartien des Körpers gelockert. Ziel ist ein Zustand tiefer Entspannung und eine bessere Wahrnehmung des eigenen Körpers.

Ein anderes Entspannungsverfahren ist das autogene Training. Dabei sitzt oder liegt man bequem und konzentriert sich auf kurze formelhafte Sätze wie etwa „meine Arme sind schwer“. Ziel ist, sich intensiv verschiedene Zustände wie Schwere, Wärme, Kühle oder Ruhe vorzustellen und wahrzunehmen. Dadurch soll ein tiefer Entspannungszustand erreicht und Stress abgebaut werden.

Auch bei Yogaübungen geht es darum, sich des eigenen Körpers bewusst zu werden und einen Entspannungszustand zu erreichen. Beim Yoga werden Atemübungen, Meditation, Muskelentspannung sowie Dehnung und Kräftigung in bestimmten Körperhaltungen kombiniert.

Forschung zur Wirksamkeit von Entspannungsverfahren

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration haben 15 vergleichende Studien zur Wirksamkeit von Entspannungsverfahren bei Menschen mit einer Depression analysiert. In jeder Studie lernte jeweils eine Teilnehmergruppe ein Entspannungsverfahren, die andere Gruppe nicht.

An den Studien nahmen insgesamt rund 800 Menschen teil, etwa 70 % davon waren Frauen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der meisten Studien waren zwischen 30 und 40 Jahre alt, in einigen auch unter 18 Jahre. Da die Teilnehmenden überwiegend eine leichte bis mittelschwere Depression hatten, lassen die Ergebnisse der Studien keine Aussagen für Menschen mit einer schweren Depression zu.

In 10 der 15 Studien wurde die progressive Muskelentspannung untersucht. Die anderen Studien untersuchten weitere Verfahren wie autogenes Training oder Kombinationen, zum Beispiel progressive Muskelentspannung als Teil eines Yoga-Kurses. Die Teilnehmenden erlernten die Entspannungstechnik überwiegend in Kursen mit ausgebildeten Trainerinnen und Trainern. Die Anzahl der Kurstermine bewegte sich zwischen 5 und 40.

In den Vergleichsgruppen wurden verschiedene andere Behandlungen eingesetzt, zum Beispiel die kognitive Verhaltenstherapie, eine Form der Psychotherapie. In einigen Studien wurden die Teilnehmenden in den Vergleichsgruppen auf eine Warteliste gesetzt und erhielten erst nach der Studie die Behandlung. Dadurch konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen, wie wirksam Entspannungsverfahren im Vergleich zu keiner Behandlung sind. Zum Vergleich von Entspannungstechniken mit Medikamenten gab es nicht ausreichend Studien, ebenso wenig zu autogenem Training.

Entspannung kann vermutlich helfen – allerdings nicht so sehr wie Psychotherapie

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die eine progressive Muskelentspannung anwendeten, waren am Ende der Studien weniger depressiv als die Vergleichsgruppen ohne Behandlung. Die Studien waren für sichere Aussagen zu den meisten Fragen jedoch zu klein, außerdem dauerten sie höchstens einige Monate. Daher bleibt offen, wie lange die Wirkung der Entspannungstechnik andauerte und ob die Teilnehmenden nach dem Ende der Studien damit weitermachten.

Ob Entspannungsverfahren unerwünschte Wirkungen haben können, wurde in den Studien nicht untersucht. Die Wissenschaftlergruppe fand andererseits auch keine Anzeichen dafür. Menschen mit Depressionen kann es allerdings sehr schwerfallen, etwas Neues wie eine Entspannungstechnik zu erlernen.

Die Studien zum Vergleich von Entspannungsverfahren und kognitiver Verhaltenstherapie zeigten, dass es allen Teilnehmenden am Ende der Studie besser ging. Dabei zeigte die kognitive Verhaltenstherapie eine stärkere Wirkung als die progressive Muskelentspannung.

Die Cochrane-Wissenschaftlergruppe kam zu dem Schluss, dass Entspannung eine erste Möglichkeit sein kann, depressive Symptome zu lindern – insbesondere für Menschen, die zum Beispiel keine Medikamente nehmen möchten oder für die keine andere Behandlung infrage kommt. Je nach Schweregrad der Depression können Entspannungstechniken andere Behandlungen ergänzen.

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