Das Ganze habe ich lange Zeit auf mein Übergewicht geschoben

Foto von Frau mit Tagebuch (Victor Potasyev / Hemera / Thinkstock) Renate, 62 Jahre

„Als klar war, dass ich Depressionen habe, war ich erst mal platt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mein schlechtes Befinden ja immer auf meinen Körper und mein Übergewicht geschoben.“

Irgendwann habe ich gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich habe mich sehr zurückgezogen und fühlte mich wie das letzte Rad am Wagen. Ich war regelrecht in mich eingeschlossen. Nur meine Arbeit hat mir eine gewisse Tagesstruktur gegeben und ich war dadurch abgelenkt. Das Ganze habe ich lange Zeit auf mein Übergewicht geschoben.

Nach einem heftigen Traum habe ich mich entschieden, dass etwas passieren muss. Ich habe mich mit einem Kollegen darüber unterhalten und er hat mir einen Therapeuten empfohlen. Auch meine Schwester hat mir geraten, dort anzurufen.

Der erste Schritt fiel mir schwer

Aber ich war sehr gehemmt und ein wenig ängstlich. Ich konnte mich nicht zu einem Anruf aufraffen. Dann hat das meine Schwester für mich gemacht. Aber der Therapeut sagte zu ihr, dass ich schon selber anrufen müsste. Das habe ich auch gemacht, weil ich wusste, dass meine Schwester nicht locker lassen würde. Ich habe in der Praxis angerufen und lange mit dem Therapeuten gesprochen und letztendlich einen Termin mit ihm vereinbart.

Vor diesem Termin war ich sehr nervös. Zu Beginn sollte ich ihm erzählen, warum ich zu ihm gekommen bin. Da fiel mir erst mal gar nichts dazu ein, bis auf mein Übergewicht. Ich wusste ja eigentlich selbst nicht, was mit mir los war. Ich war sehr angespannt, aber er ging sehr einfühlsam mit mir um. Zu Beginn hatte ich zweimal pro Woche einen Termin, später dann einmal pro Woche, dann vierteljährlich.

Therapie bedeutet auch, aktiv an sich zu arbeiten

Der Therapeut hat von Beginn an deutlich gemacht, dass nicht er, sondern ich in der Therapie die Hauptarbeit leisten muss. Ich bekam auch Hausaufgaben.

Beispielsweise hatte ich mich damals fast komplett sozial zurückgezogen und ich sollte wieder üben, auf Menschen zuzugehen. Das habe ich wieder nach und nach gelernt.

Ich habe oft nach den Sitzungen daheim den PC angemacht und aufgeschrieben, wie ich mich gefühlt habe. So konnte ich am besten formulieren, was mich belastet. Das tat mir gut. Die Zettel habe ich immer zur Therapie mitgenommen und wir haben darüber gesprochen.

Gedanken, das Leben zu beenden

Damals hatte ich manchmal, wenn ich aus dem Fenster schaute oder wenn ich auf der Straße ging, das Bedürfnis in ein Haus zu gehen, in den obersten Stock und durch das Fenster zu gehen. Meine Eltern lebten damals noch und an sie habe ich in diesen Augenblicken immer gedacht. Ich habe mich innerlich gegen diese Gedanken gewehrt. Ich wollte das ja eigentlich nicht. Aber diese Anziehungskraft war enorm. Darüber habe ich lange mit meinem Therapeuten gesprochen. Das hat mir gutgetan.

Ich nehme auch Psychopharmaka: täglich jeden Morgen eine und eine zur Nacht. Wir mussten die Dosis ein wenig anpassen, aber jetzt klappt das gut.

Depressionen begleiten mich schon länger

Ich denke, dass ich seit den 80er Jahren Depressionen habe. Vielleicht auch schon länger, aber da war es nicht so auffällig. Ich hatte es nie kontinuierlich, sondern immer in Schüben. In der ersten Zeit hauptsächlich im Winter. Wenn ich es im Sommer hatte, dann hat es nicht so lang gedauert, bis ich wieder darüber hinweg war. Sonst dauern die Schübe etwa von November bis Februar. Im Sommer dauern sie eher etwa acht Tage oder längstens mal drei Wochen. Der längste Schub war etwa ein dreiviertel Jahr. Ich muss immer damit rechnen, dass die Depressionen wiederkommen, aber ich versuche dagegen zu steuern. Aber der letzte Winter war der erste Winter seit Langem, in dem ich keine Depressionen hatte.

Ich merke es, wenn die Depressionen wiederkommen. Wenn ich mir nichts mehr zu essen mache, dann weiß ich: Es geht wieder los. Dann koche ich nicht mehr, habe kein Interesse mehr am Essen und esse zu viel Süßes. Irgendwann mache ich nichts mehr im Haushalt. Ich bin einfach zu müde und erschöpft. Ich zwinge mich so lange wie es geht rauszugehen, weil mir das Licht guttut. Wenn es schlimmer wird, dann schotte ich mich mehr ab, lasse auch die Rollos unten.

Aktiv zu bleiben und Termine zu setzen, hilft mir

Ich bin chronische Schmerzpatientin. Wenn es mir körperlich schlecht geht, dann belastet mich das psychisch sehr. Wenn ich Depressionen habe, helfen mir so Eckpfeiler in meinem Leben wie Termine bei der Krankengymnastik, Einkaufen oder Arzttermine. Dadurch komme ich raus. Beim Einkaufen kaufe ich nicht alles auf einmal ein, sondern hole mir jeden Tag, was ich brauche. Dadurch muss ich täglich rausgehen. Ich versuche, mich regelmäßig mit Bekannten und Freunden zu treffen oder zu telefonieren. Das ist mir sehr wichtig und das Reden hilft mir.

Wenn mich jetzt etwas ärgert, dann fresse ich das nicht mehr wie früher in mich hinein, sondern kläre das gleich. Ich habe auch autogenes Training gelernt. Das tut mir gut.

Ich finde es schön, sich etwas vorzunehmen: mit Freunden in den Zoo zu gehen, sich mit ehemaligen Kollegen in der Stadt zum Kaffeeklatsch zu treffen oder Nordic Walking zu machen. Ich habe immer etwas zu tun. Ich kümmere mich um den Gemeinschaftsgarten. Manchmal fällt mir das schwer mit meinen Schmerzen, aber ich sehe immer zu, dass ich das schaffe. Das hilft mir auch bei depressiven Gedanken. Ich versuche bei schönem Wetter draußen im Garten zu frühstücken, um morgens schon Licht zu bekommen und die Ruhe zu genießen.

Man sollte keine Hemmungen haben, zum Therapeuten zu gehen. Und wenn man sich mit dem Therapeuten nicht versteht, dann hat man die Möglichkeit zu wechseln. Aber man muss sich schon in die Therapie einbringen. Die Therapeuten können das Problem nicht allein lösen. Eine Therapie ist keine Kaffeestunde. Man muss an sich arbeiten und es klingt komisch, aber die Therapie sollte auch Freude machen. Ab und zu mal ein Lachen, das tut einfach gut.

Als klar war, dass ich Depressionen habe, war ich erst mal platt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mein schlechtes Befinden ja immer auf meinen Körper und mein Übergewicht geschoben. Ich habe die Depressionen jetzt als einen Teil meines Lebens akzeptiert und versuche das Beste daraus zu machen.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

 

Was möchten Sie uns mitteilen?

Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Bewertungen und Kommentare werden von uns ausgewertet, aber nicht veröffentlicht. Ihre Angaben werden von uns vertraulich behandelt. Pflichtfelder sind mit einem Sternchen (*) markiert.

Bitte beachten Sie, dass wir Sie nicht persönlich beraten können. Hinweise auf Beratungsangebote finden Sie in unserem Text "Wie finde ich Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen?"

Auf der IQWiG-Plattform „ThemenCheck Medizin“ können Bürgerinnen und Bürger Forschungsfragen stellen. Fachleute werten dann das Wissen zu ausgewählten Themen aus. Die Ergebnisse sollen in künftige Entscheidungen über die Gesundheitsversorgung einfließen.

Empfehlen Sie diesen Artikel

Hier können Sie einen Button dauerhaft aktivieren. Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.