Ich habe wie gelähmt und betäubt zu Hause gesessen

Foto von Frau mit Schirm beim Spaziergang (Marcus Miranda / iStockphoto / Thinkstock) Petra, 46 Jahre

„Jede Bewegung war unendlich anstrengend und hat sich angefühlt, als wenn ich durch eine zähe Suppe laufe.“

Die ersten Anzeichen einer Depression liegen bei mir schon lange zurück. Da war ich 17 oder 18 Jahre alt. Jetzt bin ich 46 Jahre. Ich habe diese Anzeichen damals aber nicht mit einer Erkrankung in Verbindung gebracht.

Meine schulischen Leistungen wurden immer schlechter

Ich war in der Schule immer eine gute bis sehr gute Schülerin. Ab etwa der 10. Klasse habe ich aber gemerkt, dass es mir immer schwerer fiel zu lernen und mich zu konzentrieren. Ich bin leistungsmäßig stark abgesackt, habe mich überfordert gefühlt und konnte mir das überhaupt nicht erklären. In der anschließenden Ausbildung lief dann wieder alles ganz gut und ohne Probleme. Dann trat ich mein Studium an und die Anzeichen kamen wieder. Ich habe die Anforderungen meines Lebens damals nicht mehr auf die Reihe bekommen. Es wurde mir alles zu viel. Auch zu Hause. Manchmal habe ich ohne Grund angefangen zu weinen, richtig heftig zu weinen. Heute würde ich das als viele kleine Nervenzusammenbrüche bezeichnen. Nach einer gewissen Zeit habe ich mich aber immer wieder gefangen und konnte mein Studium abschließen.

Ich habe gedacht, dass ich mich nur zusammenreißen muss

Nach dem Studium musste ich mir eine Arbeitsstelle suchen. Ich saß jedoch monatelang bei mir zu Hause auf dem Sofa und habe Löcher in die Luft gestarrt. Ich habe es nicht geschafft, mich zu bewerben. Mein damaliger Freund hat gearbeitet und ich habe zu Hause gesessen. Ich habe damals nicht gedacht, dass ich krank sein könnte. Ich hatte eher den Eindruck, dass ich nicht richtig funktioniere, nicht so wie die anderen. Ich habe dann wieder irgendwann allein die Kurve gekriegt: Bin aus dem Loch rausgekommen, habe mich beworben, eine Stelle bekommen und war wieder im ganz normalen Leben. Aber auch in den guten Zeiten kam ich mir anders vor als Freunde und Kollegen, hatte vor allem weniger Energie. Und ich bin immer wieder in solche tiefen Löcher gefallen.

Einmal war der Freund einer Bekannten an einer schweren Depression erkrankt und war in Therapie. Ich habe diese Bekannte gefragt, ob ich so etwas auch haben könnte. Sie meinte dann nur: „Nee, du doch nicht. Du musst dich nur mal zusammenreißen.“ Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Aber ich habe ihr das geglaubt. Diese Erfahrung hat sich tief in mich eingegraben und hat es mir viele Jahre schwer gemacht, Hilfe zu holen.

Ich bin dann auch körperlich erkrankt. Ich bekam in Lebenskrisen immer eine Augenentzündung. Die Ärzte haben mich auf den Kopf gestellt und keine Ursache gefunden. Aber immer, wenn in meinem Leben etwas nicht stimmte, kam die Entzündung zurück.

Gute Phasen wechselten sich mit schlechten Phasen ab

Diese depressiven Phasen wechselten sich mit guten Phasen ab. Ich bin oft so zwei, drei Jahre gut zurechtgekommen. Und dann gab es Zeiten, wo ich über Monate nicht klarkam. Nach einer Trennung von meinem damaligen Partner bin ich dann tatsächlich zu einem Psychiater gegangen, nachdem ich in Heulkrämpfen zusammengebrochen bin und wie gelähmt war. Mir war klar, dass das kein normaler Trennungsschmerz mehr war. Der Arzt sprach zum ersten Mal von Depressionen und einer Therapie, aber ich bekam Angst, wollte das nicht und bin nicht mehr hingegangen. Ich saß zu Hause wie ein Häufchen Elend. Erinnerungen kamen hoch. Ich wusste, was in meiner Kindheit und Jugend schief gelaufen war und habe einen Deckel draufgehalten. Ich habe damals gedacht, wenn dieser Deckel ein klein wenig angehoben wird, dann läuft es über und überschwemmt mich. Ich wollte das damals nicht und habe beschlossen, alleine damit klarzukommen.

Einige Jahre später hatte ich bei der Arbeit einen großen Konflikt mit meinem Chef. Er übertrat eine Grenze und in mir zerbrach etwas. Ich bin nach diesem Konflikt immer wieder körperlich krank geworden, hatte zum Beispiel immer wieder Infekte. Ich war richtig von der Rolle. Zu Hause habe ich aber nicht gewusst, was ich machen soll und war nach Urlauben und Krankschreibungen froh, wieder arbeiten gehen zu können. Aber ich fing an, im Beruf Flüchtigkeitsfehler zu machen, habe Aufgaben nicht rechtzeitig fertigbekommen, habe mich total überfordert gefühlt und war sehr unkonzentriert.

Der Gedanke depressiv zu sein, fühlte sich jetzt „richtig“ an

Die Situation auf der Arbeit spitzte sich weiter zu. Ich bin dennoch die ganze Zeit zur Arbeit gegangen und habe ständig gedacht: „Ich muss funktionieren, kann doch die Kollegen nicht im Stich lassen!“ Ich bekam dann noch eine unberechtigte Abmahnung und hatte keine Kraft, mich dagegen zu wehren. In dieser Phase hat mich ein Freund angesprochen, ob ich eventuell Depressionen habe. Da hatte ich das Gefühl, dass er Recht haben könnte. Es fühlte sich „richtig“ an und ich habe mir gesagt, dass jetzt endlich etwas passieren muss und ich mir Hilfe holen muss.

Ich habe dann nach einem Therapeuten gesucht. Bei mir im Ort war das nicht so schwer. Im ersten Gespräch habe ich Rotz und Wasser geheult. Ich war völlig durch den Wind, da Dinge angesprochen wurden, die ich mein ganzes Leben zugedeckelt hatte. Ich habe gedacht, ich rutsche ab und bekomme das nicht bewältigt und hatte das Gefühl, dass es nicht für mich passt. Aber ich habe auch gedacht, eine Therapie muss so sein.

Ich hatte nach den ersten Gesprächen wieder einen Zusammenbruch und habe stundenlang geweint und gezittert, so schlimm, dass ich da nicht mehr rauskam. Mein Freund hat dafür gesorgt, dass ich zum Arzt gehe und ich wurde krankgeschrieben. Dann habe ich wie gelähmt und betäubt zu Hause gesessen. Jede Bewegung kostete unendlich viel Kraft. Ich habe wirklich auf dem Sofa gesessen und mich nicht bewegt. Jede Bewegung war unendlich anstrengend und hat sich angefühlt, als wenn ich durch eine zähe Suppe laufe. Da war mir manchmal der Weg in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen, zu weit. Einkaufen war ein Projekt für den ganzen Tag. Mehr habe ich nicht geschafft. Das ging mehrere Wochen so. In dieser Zeit kündigte mir auch mein Arbeitgeber, was im Grunde nur eine große Erleichterung war.

Ich habe die richtige Therapeutin für mich gefunden

Ich habe dann die Therapie bei meiner ersten Therapeutin abgebrochen und aufgrund der Empfehlung eines Freundes Kontakt zu einer anderen Therapeutin gesucht. Im Erstgespräch wusste ich sofort: Sie ist es. Ich hatte gleich Vertrauen zu ihr. Es ging mir aber inzwischen so schlecht, dass meine Hausärztin mich erstmal in eine Klinik eingewiesen hat. Ich war drei Monate in dieser Klinik. Dort habe ich den Deckel aufgemacht und die ganzen Belastungen aus der Kindheit und Jugend rausgelassen. In der Klinik habe ich das erste Mal darüber gesprochen und es zugelassen. Mir wurde das erste Mal überhaupt klar, dass ich traumatisiert bin. Nach der Entlassung begann ich dann die ambulante Therapie.

Ich war später auch noch ein zweites Mal für zwei Monate stationär in einer Klinik. Es fing damals wieder mit den Symptomen an, dass ich mich fehl an meinem Platz gefühlt habe, unkonzentriert und überfordert war. Bei diesem zweiten Aufenthalt habe ich mich weiter intensiv mit meiner Geschichte auseinandergesetzt und bekam langsam wieder Boden unter den Füßen.

Ich war insgesamt sehr lange krankgeschrieben, die akute Krankheitsphase mit der Diagnose schwere Depression dauerte zwei Jahre. Dabei waren auch drei Monate in einer Tagesklinik, weil ich mit einer Therapiestunde pro Woche nicht zurechtkam.

Über die Tagesklinik wurde mir eine berufliche Rehabilitation vermittelt und nach zwei Jahren Krankschreibung und zwei Jahren medizinisch-beruflicher Rehabilitation konnte ich wieder anfangen, zu arbeiten. Aber Vollzeit arbeiten geht nicht mehr, dazu fehlt mir einfach die Kraft. Ich arbeite seitdem in Teilzeit und bin teilberentet.

Ich bin wieder lebensfähig

Ich bin jetzt aus der akuten Depression schon länger heraus und wieder lebensfähig. Ich mache heute eine zweite, analytische Therapie mit einer Traumatherapie und lerne, mit meiner Familiengeschichte zu leben. Ein wichtiges Thema für mich ist, Grenzen zu setzen und auf mich zu achten. Wenn andere auf mich zukommen und nach Hilfe fragen, fällt es mir immer noch sehr schwer, das auch mal abzulehnen. Es ist auch nach wie vor eine Aufgabe für mich, zu akzeptieren, dass ich leistungseingeschränkt bin und viele Pausen brauche. Man vergleicht sich immer mit anderen, aber es ist wichtig, dass man „bei sich bleibt“.

Ich habe auch mal eine verhaltenstherapeutische Psychotherapie ausprobiert. Das war irgendwie nicht das Richtige für mich. Die tiefenpsychologische Therapie fühlte sich für mich und meine Lebensgeschichte besser, passender an. Ich musste mich schon an die Tiefe der Gespräche gewöhnen. Aber ich habe gemerkt, dass dies ein Weg ist, an den für mich wichtigen Lebensthemen und an meiner Lebensgeschichte zu arbeiten. Das ist ein langer Weg. Aber ich kann schon viel besser Grenzen setzen. Und wenn ich es schaffe, dann bin ich immer stolz auf mich!

Medikamente sind nach wie vor unverzichtbar für mich

Ich nehme auch Medikamente. Die Antidepressiva haben mich damals überhaupt erst in die Lage versetzt, eine Therapie machen zu können, gesprächsfähig zu sein. Ich brauche die Medikamente auch heute noch. Wenn ich mal vergesse, die Tabletten zu nehmen, spüre ich das. Ich ziehe mich dann immer mehr zurück und alles wird zu viel. Für mich ist klar: Ich brauche die Medikamente und muss sie regelmäßig nehmen. Ich habe keine schlechten Erfahrungen mit Nebenwirkungen, bis auf den Umstand, dass ich etwas zugenommen habe. Aber das ist für mich nicht wirklich schlimm.

Depressionen haben nichts mit Zusammenreißen zu tun

Depressionen haben nichts mit Zusammenreißen zu tun. Depressionen können jeden treffen. Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen. Ich erzähle nicht jedem von meiner Erkrankung. Aber wenn es die Situation für mich erforderlich macht, dann stelle ich klar, warum ich etwas nicht machen kann. Das kann sicher auch mal nach hinten losgehen, aber bisher habe ich immer Glück gehabt. Es wurde bisher immer akzeptiert und dann war oft der Umgang miteinander leichter. Bei meiner aktuellen Arbeitsstelle habe ich ein Riesenglück mit meinem Chef und meinen Kollegen. Mir wird großes Verständnis entgegengebracht. Es ist zum Beispiel meist kein Problem, wenn ich kurzfristig ein paar Tage Urlaub brauche, weil ich merke, dass es zu viel wird.

Es gab Zeiten, da habe ich keine Zukunft für mich gesehen. Mein Leben bestand aus den nächsten drei Tagen, weiter zu denken hat mir Angst gemacht. Ich war nie akut suizidal, aber der Gedanke war schon da, oft auch täglich. Wenn die Gedanken, mir das Leben zu nehmen, stärker wurden, habe ich mir Hilfe gesucht. Zum Beispiel bin ich zu meiner Ärztin gegangen oder habe auch mal bei der Seelsorge angerufen. Diese Gespräche haben mir aus meinem Tunnel und den Gedankenkreiseln herausgeholfen.

Die schönen Momente werden mehr, die Freude kommt wieder

Durch die Behandlung merke ich, wie es mir wieder besser geht und ich wieder Freude an Dingen spüre. Ich bin früher viel geritten. Und ich kümmere mich jetzt wieder um ein junges Pferd. Das macht mir richtig Freude. Und diese Freude hat in meinem Leben sehr lange gefehlt. Ich wusste gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn das Leben schön ist. Ich habe aber auch noch große Angst, dass es wieder so schlimm wird wie damals. Wenn es einem mal so extrem schlecht ging, vergisst man das nicht so leicht und es dauert lange, bis sich wieder Vertrauen in sich selbst aufbaut. Aber durch das in der Therapie Erlernte bin ich zuversichtlich.

Meine Diagnose lautete zuerst: wiederkehrende Depression. Mit der Zeit ist die Depression bei mir chronisch geworden. Aufgrund meiner Lebensgeschichte habe ich zusätzlich zur Depression auch eine posttraumatische Belastungsstörung und eine abhängige Persönlichkeitsstörung.

Ich finde es wichtig, dass sich Menschen trauen, Hilfe zu holen. Das kostet unendlich viel Kraft und Mut. Und Therapie ist auch richtig harte Arbeit. Wenn man zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten gehen möchte, dann hat man in der Regel etliche Wochen Wartezeit. Aber man darf da nicht aufgeben. Manchmal rutscht man irgendwo dazwischen. Notfalls kann man auch jemand anderen bitten, einen Termin für sich zu vereinbaren. Und man braucht manchmal etwas Zeit, bis man den Therapeuten findet, bei dem man sich aufgehoben fühlt. Es kann sein, dass man Geduld und einen langen Atem braucht, bis man den findet, der passt.

Eine Möglichkeit der zusätzlichen Unterstützung ist eine Selbsthilfegruppe. Eine Psychotherapie ist ja irgendwann zu Ende oder in der Zeit, in der man auf einen Therapieplatz oder einen Termin bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten wartet, tut manchen Menschen eine Selbsthilfegruppe gut. Es kann schon ein wenig Überwindung kosten, den ersten Kontakt zu einer solchen Gruppe aufzunehmen. Aber man ist da unter Menschen, die das Problem genau kennen und einen verstehen.

Wie offen man mit seiner Erkrankung umgeht, ist eine ganz individuelle Sache. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich habe für mich den Weg der Offenheit gewählt und komme damit sehr gut zurecht.

 

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

 

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