Zwangsstörung: Kann eine Psychotherapie helfen?
Eine kognitive Verhaltenstherapie kann dabei helfen, Zwangsstörungen besser zu bewältigen. Auch Kinder und Jugendliche können von dieser Behandlung profitieren. Ob andere Psychotherapien ebenfalls wirksam sind, ist bislang nicht ausreichend untersucht.
Manche Menschen waschen sich aus Angst vor Keimen dauernd die Hände. Andere leben in ständiger Furcht, etwas vergessen zu haben – zum Beispiel, den Herd auszuschalten –, sodass sie dies dauernd kontrollieren. Und wieder andere können nicht aufhören, Bäume, Autos oder andere Dinge in ihrer Umgebung zu zählen. Wenn die Zwänge stark ausgeprägt sind, kann das auf eine Zwangsstörung hinweisen.
Solche zwanghaften Gedanken und Verhaltensweisen mögen übertrieben oder eigenartig wirken, aber Menschen mit einer Zwangsstörung helfen sie dabei, ihre Ängste abzubauen. Man unterscheidet Zwangsgedanken, wie zum Beispiel den Zwang zu Ordnung oder Sauberkeit, und Zwangshandlungen, etwa Kontrollieren, Reinigen, Zählen und Beten. Mehr über Zwangsstörungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten erfahren Sie hier.
Menschen mit einer Zwangsstörung sehen ihr Verhalten fast immer als problematisch an. Sie wollen all diese Dinge eigentlich nicht tun, schaffen es aber nicht allein, die Gedanken und Handlungsweisen dauerhaft loszuwerden. Wenn sie versuchen, sie zu unterdrücken – zum Beispiel sich nicht wieder und wieder die Hände zu waschen -, haben sie Angst und sind stark angespannt.
Zwangsstörungen sind recht häufig: Etwa 2 bis 3 von 100 Menschen haben im Laufe ihres Lebens damit zu tun (2 bis 3 %). Bei Frauen treten sie etwas häufiger auf. Grundsätzlich kann man in jedem Alter eine Zwangsstörung entwickeln. Meist beginnt sie aber nach der Pubertät.
Eine Zwangsstörung ist oft sehr belastend, auch für Freunde und die Familie. Zwanghafte Handlungen können jeden Tag viel Zeit kosten und alltägliche Tätigkeiten kompliziert oder gar unmöglich machen. Eine Zwangsstörung kann so weit führen, dass die Arbeit, die persönlichen Beziehungen oder die Freizeit deutlich darunter leiden.
Typisch für eine Zwangsstörung ist, dass die Menschen selbst wissen, wie übertrieben ihre Zwänge und Ängste sind. Es ist nicht immer leicht, eine Zwangsstörung sicher festzustellen, da es andere Störungen mit ähnlichen Symptomen gibt. Der Besuch in einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis ist wichtig, um eine klare Diagnose zu bekommen. Wenn jemand sich die ganze Zeit übertriebene Sorgen macht, könnte es sich beispielsweise auch um eine generalisierte Angststörung handeln. Mehr darüber können Sie hier lesen. Angst vor Bakterien könnte auch auf eine Phobie hinweisen.
Behandlungsmöglichkeiten bei Zwangsstörungen
Es gibt unterschiedliche Wege, eine Zwangsstörung zu behandeln. Dazu zählen psychotherapeutische Verfahren, Medikamente (Antidepressiva) oder eine Kombination aus beidem. Hier berichten wir über aktuelle Forschungsergebnisse zu Psychotherapien bei Zwangsstörungen. Mehr Informationen über andere Behandlungsmöglichkeiten finden Sie in unserem Merkblatt.
Menschen mit Zwangsstörungen stehen unterschiedliche Formen der Psychotherapie zur Verfügung. Dazu gehören vor allem die kognitive Therapie und die Verhaltenstherapie. Bei einer kognitiven Therapie geht es darum, die eigenen Denkmuster ("Kognitionen") zu hinterfragen. Das Ziel dabei ist, problematische Gedanken und Vorstellungen aufzuspüren und diese anschließend zu verändern. Dabei setzt man sich mit Fragen auseinander wie: Was nützt es mir wirklich, wenn ich zehnmal nachschaue, ob die Tür abgeschlossen ist? Können mich meine Handlungen wirklich vor etwas schützen?
Die Verhaltenstherapie setzt direkt an den Zwangshandlungen an. Sie zielt darauf ab, Möglichkeiten zu finden, mit denen sich der Alltag wieder besser bewältigen lässt. Ein bei Zwangsstörungen häufig eingesetztes Verfahren der Verhaltenstherapie ist die sogenannte "Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung".
Bei dieser Behandlung wird man nach und nach mit den Auslösern des eigenen zwanghaften Verhaltens konfrontiert (Reizkonfrontation). Zum Beispiel könnte die Psychotherapeutin oder der Psychotherapeut darum bitten, etwas anzufassen, was man als schmutzig empfindet. Anschließend gilt es, nicht wie üblich darauf zu reagieren, also zum Beispiel nicht gleich die Hände zu waschen (Reaktionsverhinderung).
Ziel dieser Konfrontation ist es, zu lernen, mit der dann entstehenden Angst und Unruhe umzugehen, und zu begreifen, dass sie auch verschwinden wird, wenn man sich nicht die Hände wäscht. Dabei ist eine therapeutische Begleitung vor, während und nach dieser Konfrontation wichtig.
Häufig werden die beiden beschriebenen Ansätze kombiniert. Dann spricht man von einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Das Ziel dieser Therapie ist es, durch die Veränderung von Gedanken und Verhaltensweisen die Ängste und Zwänge zu bewältigen. In Deutschland werden kognitive Therapien unter dem Begriff "Verhaltenstherapien" angeboten.
Studien zur Psychotherapie bei Erwachsenen
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration haben untersucht, ob Psychotherapien für Erwachsene mit einer Zwangsstörung hilfreich sind. Sie analysierten acht randomisierte kontrollierte Studien, in denen verschiedene Psychotherapien erprobt wurden. In den Studien erhielt jeweils eine Gruppe eine kognitive Therapie, eine Verhaltenstherapie oder eine KVT. Die Vergleichsgruppen erhielten zunächst keine psychotherapeutische Behandlung, sondern wurden auf eine Warteliste gesetzt. Das heißt, sie konnten erst nach der Studie eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen.
In vielen, aber nicht allen Studien wurde die Methode der Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung verwendet. Die meisten Studienteilnehmenden – auch die in den Vergleichsgruppen – verwendeten gleichzeitig Medikamente gegen ihre Zwangsstörung. Insgesamt nahmen gut 300 Männer und Frauen an den Studien teil. Die meisten waren zwischen 35 und 40 Jahre alt. Sowohl Gruppen- als auch Einzeltherapien wurden untersucht.
Die Forschungsergebnisse
Die Wissenschaftlergruppe folgerte aus der Analyse der Studien, dass kognitive und / oder Verhaltenstherapien Erwachsenen mit einer Zwangsstörung helfen können. Die Männer und Frauen in den Behandlungsgruppen konnten ihr zwanghaftes Verhalten deutlich verringern. Die Psychotherapie half ihnen auch dabei, ihre Ängste abzubauen. Sowohl Einzel- als auch Gruppentherapien waren wirksam. Es schien keine Rolle zu spielen, ob die Therapie etwas mehr oder weniger als drei Monate umfasste. Andere Formen der Psychotherapie zur Behandlung von Zwangsstörungen wurden bislang nicht ausreichend in Studien untersucht; daher wissen wir nicht, ob sie ebenfalls helfen können.
Es ist wichtig, zu beachten, dass viele der Männer und Frauen in den Studien zusätzlich zur Psychotherapie Medikamente einnahmen. Daher lässt sich nicht beurteilen, wie gut die Psychotherapien als alleinige Maßnahme wirken. Außerdem lieferten die Studien Hinweise darauf, dass die untersuchten Psychotherapien bei Menschen mit einer stark ausgeprägten Zwangsstörung etwas weniger wirksam sein könnten. Es sind jedoch größere Studien erforderlich, um das sicher sagen zu können.
KVT auch bei Kindern und Jugendlichen hilfreich
Eine andere Wissenschaftlergruppe der Cochrane Collaboration interessierte, ob verhaltenstherapeutische Verfahren oder kognitive Verhaltenstherapien Kindern und Jugendlichen mit Zwangsstörungen helfen können. Die Forschergruppe leitete aus ihrer Analyse ab, dass sich Kinder und Jugendliche durch eine KVT oder Verhaltenstherapie weniger zwanghaft verhalten. Diese Therapien scheinen mindestens genauso wirksam zu sein wie eine Behandlung mit Medikamenten. Unerwünschte Wirkungen sind zwar denkbar, zeigten sich in den ausgewerteten Studien jedoch nicht.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Nächste geplante Aktualisierung: Februar 2014. Mehr darüber, wie unsere Gesundheitsinformationen aktualisiert werden, erfahren Sie hier.
- Letzte Aktualisierung: 03. Februar 2011 10:47
- Erstellt am: 13. Oktober 2008 14:05
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Gava I, Barbui C, Aguglia E, Carlino D et al. Psychological treatments versus treatment as usual for obsessive compulsive disorder (OCD). Cochrane Database of Systematic Reviews: Version 2007, Issue 2. CD005333 [Cochrane-Zusammenfassung]O'Kearney RT, Anstey K, von Sanden C. Behavioural and cognitive behavioural therapy for obsessive compulsive disorder in children and adolescents. Cochrane Database of Systematic Reviews: Version 2006, Issue 4. CD004856 [Cochrane-Zusammenfassung]
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