Weichteilsarkome: Hilft eine hochdosierte Chemotherapie in Verbindung mit einer Transplantation eigener Blutstammzellen?
Inwiefern eine hochdosierte Chemotherapie in Verbindung mit einer Transplantation eigener Blutstammzellen bei bösartigen Weichteiltumoren (Weichteilsarkomen) hilft oder schadet, ist nur unzureichend untersucht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen daher, sie nur im Rahmen von klinischen Studien einzusetzen.
Ein Sarkom ist ein bösartiges (malignes) Krebsgeschwür, das im Binde- und Stützgewebe entsteht. Es kann in den Knochen, Knorpeln oder Sehnen sowie im Muskel- oder Fettgewebe wachsen. Als Weichteilsarkome bezeichnet man Tumore, die in den weichen Gewebearten, also beispielsweise im Muskel- und Fettgewebe entstehen. Insgesamt gibt es über 100 verschiedene Arten von Weichteilsarkomen. Sie können an allen Körperstellen auftreten, am häufigsten kommen sie jedoch an den Beinen vor.
Wenn Weichteilsarkome wachsen, können sie auf in der Nähe liegende Organe und Nerven drücken und – vor allem, wenn sie im Bauchraum auftreten – zu Schmerzen und anderen Beschwerden führen. Gefährlich wird der Tumor, wenn er in andere Organe hineinwächst oder in andere Regionen des Körpers streut und dort Tochtergeschwüre (Metastasen) bildet.
Ein Weichteilsarkom ist eine sehr seltene Krebserkrankung. Eine europäische Krebsgesellschaft schätzt, dass in Europa jedes Jahr 4 von 100.000 Erwachsenen daran erkranken (0,004 %). Welche Altersgruppen hauptsächlich betroffen sind, ist je nach Art des Sarkoms ganz unterschiedlich. Beispielsweise tritt das sogenannte Rhabdomyosarkom, ein Tumor in der Skelettmuskulatur, vor allem bei Kindern auf.
Warum ein Weichteilsarkom entsteht, lässt sich meist nicht eindeutig sagen. Es gibt jedoch einige Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen. Zum Beispiel erkranken Menschen, die krebserregenden Substanzen ausgesetzt waren, sowie Menschen mit bestimmten Viruserkrankungen eher an einem Weichteilsarkom. Mehr Informationen darüber, wie Krebs entsteht, finden Sie hier.
Weichteilsarkome können behandelt werden, indem die Geschwulst operativ entfernt und das Restgewebe gegebenenfalls bestrahlt wird. Bei fortgeschrittenen Weichteilsarkomen wird in der Regel zusätzlich eine Chemotherapie eingesetzt. Welche Behandlungen infrage kommen, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem vom Alter, von der Art des Sarkoms und vom Erkrankungsstadium.
Hochdosierte Chemotherapie mit Transplantation eigener Blutstammzellen bei Weichteilsarkomen
Manchmal wird auch eine hochdosierte Chemotherapie in Erwägung gezogen. Dabei handelt es sich genaugenommen um eine Kombination aus einer Hochdosis-Chemotherapie und einer Transplantation eigener Blutstammzellen. Diese Kombinationstherapie wird manchmal auch verkürzt Stammzelltransplantation genannt. Von einer autologen Stammzelltransplantation spricht man, wenn ein und derselben Person Blutstammzellen entnommen und später wieder transfundiert werden. Mehr zur Blutstammzelltransplantation bei Krebserkrankungen finden Sie hier.
Blutstammzellen befinden sich hauptsächlich im Knochenmark, einige auch im Blut selbst. Sie sind die „Mutterzellen“, aus denen alle anderen Blutzellen heranreifen. Die meisten Blutzellen haben nur eine kurze Lebensdauer von einigen Tagen oder Wochen. Daher müssen aus den Blutstammzellen ständig neue heranreifen.
Eine Chemotherapie greift nicht nur Krebszellen, sondern auch gesunde Zellen an. Wenn durch eine hochdosierte Chemotherapie die Blutstammzellen zerstört werden, kann der Körper nicht mehr ausreichend neue Blutzellen bilden. Die Blutstammzelltransplantation kann Blutstammzellen ersetzen, die durch eine Chemotherapie vernichtet worden sind, und so dafür sorgen, dass wieder ausreichend Blutzellen gebildet und schwerwiegende Folgen der Zerstörung der Blutstammzellen verhindert werden können. Dadurch wird es möglich, die Chemotherapie höher zu dosieren und – so die Hoffnung – den Krebs besser zu bekämpfen. Aus diesem Grund werden vor einer Hochdosis-Chemotherapie körpereigene Blutstammzellen entnommen. Wie genau das gemacht wird, beschreiben wir hier.
Die Transplantation körpereigener Blutstammzellen verläuft in drei Schritten: Zunächst werden dem Körper Blutstammzellen entnommen und konserviert – heutzutage werden sie in der Regel aus dem Blutkreislauf herausgefiltert. Daraufhin erfolgt eine Hochdosis-Chemotherapie, nach der die Blutstammzellen mit einer speziellen Transfusion über eine große Vene in den Körper zurückgegeben werden. Über das Blut finden sie ihren Weg zurück in das Knochenmark, wo sie sich einnisten und den Nachschub von neuen Blutzellen gewährleisten.
Im Gegensatz zu Blutstammzellen, die von einem gesunden Spender gewonnen werden, bieten körpereigene (autologe) Stammzellen den Vorteil, dass sie sich auf jeden Fall mit dem eigenen Körper vertragen. Allerdings gibt es keine Garantie dafür, dass die Transplantation gelingt: Es besteht immer ein geringes Risiko, dass sich die eigenen Blutstammzellen nicht im Knochenmark ansiedeln.
Eine Kombination aus Hochdosis-Chemotherapie und Blutstammzelltransplantation wird bei Weichteilsarkomen nicht routinemäßig eingesetzt. Sie ist für den Körper sehr belastend und mit Risiken verbunden. Daher kommt sie in der Regel nur infrage, wenn die Standardtherapie kein zufriedenstellendes Ergebnis gebracht hat und der Tumor bereits Metastasen gebildet hat oder das Rückfallrisiko besonders hoch ist. Die intensive Behandlung setzt außerdem einen ansonsten stabilen Gesundheitszustand voraus.
Wie aussagekräftige Studien aufgebaut sind
Um beurteilen zu können, ob Patientinnen und Patienten von einer hochdosierten Chemotherapie mit einer Transplantation eigener Blutstammzellen profitieren und inwiefern die Behandlung schädliche Wirkungen hat, benötigt man aussagekräftige Studien – insbesondere sogenannte randomisierte kontrollierte Studien (RCTs). Solche Studien gelten in der modernen Medizin als Standard, um die Vor- und Nachteile von medizinischen Maßnahmen zu überprüfen. In einer RCT werden Freiwillige nach dem Zufallsprinzip in zwei (oder mehrere) Gruppen eingeteilt; diesen Vorgang nennt man Randomisierung. Jede Gruppe erhält daraufhin eine bestimmte Behandlung. Am Ende der Studie – nach einigen Monaten oder Jahren – kann dann ausgewertet werden, ob eine der Behandlungen besser war als die andere – zum Beispiel, ob die Teilnehmenden gesünder waren oder länger lebten.
Der Vorteil der Randomisierung ist, dass sie es für jeden Teilnehmenden gleich wahrscheinlich macht, in eine der Gruppen zu gelangen. Bei einer ausreichend großen Studie stellt dies sicher, dass in den beiden Gruppen beispielsweise gleich viele junge und alte Menschen sowie Frauen und Männer sind. Dies ist wichtig, denn Menschen können sich in vielen Eigenschaften unterscheiden, zum Beispiel in ihrer genetischen Veranlagung, dem Krankheitsstadium, ihren persönlichen Lebensumständen, ihrer Ernährung und ihren Lebensgewohnheiten sowie darin, ob sie bereits bestimmte Erkrankungen haben. Darüber hinaus gibt es häufig unbekannte Faktoren, die Einfluss auf eine Krankheit haben können. Die Randomisierung stellt sicher, dass sich in beiden Gruppen Menschen mit einigen dieser Eigenschaften finden – und zwar weitgehend gleichmäßig verteilt. Dies ermöglicht einen fairen Vergleich von verschiedenen Behandlungsalternativen.
Hochdosis-Chemotherapie mit Transplantation eigener Blutstammzellen bei Weichteilsarkomen nur unzureichend untersucht
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben Studien ausgewertet, in denen Menschen mit einem Weichteilsarkom eine Kombinationsbehandlung aus hochdosierter Chemotherapie und einer Transplantation eigener Blutstammzellen erhielten. Die Wissenschaftlergruppe interessierte sich für verschiedene Aspekte, zum Beispiel dafür, ob die Behandlung im Vergleich zu einer konventionellen Chemotherapie die Lebenserwartung erhöht oder die Lebensqualität verbessert und welche unerwünschten Wirkungen es gibt.
Die Wissenschaftlergruppe konnte insgesamt 105 Studien mit 940 Teilnehmenden finden. Viele dieser Untersuchungen waren Fallberichte, in denen Ärztinnen und Ärzte die Behandlung einzelner Erkrankter schilderten. Unter den Studien befand sich keine randomisierte kontrollierte Studie und nur 5 Studien hatten überhaupt eine Kontrollgruppe. Dies ist sehr problematisch, denn der Nutzen und Schaden der Stammzelltransplantation lässt sich nur beurteilen, wenn man sie mit einer anderen Behandlung, wie einer konventionellen Chemotherapie, vergleicht. Und dazu benötigt man Studien mit Kontrollgruppen, die eben diese Behandlung erhalten.
Vier der fünf Studien mit einer Kontrollgruppe untersuchten die Transplantation körpereigener Blutstammzellen beim Rhabdomyosarkom, einem Tumor der Skelettmuskeln. Diese Studien kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen: In einer der Studien war die Sterblichkeit nach der Transplantation höher, in einer anderen war sie niedriger – allerdings nur bei Menschen, bei denen der Tumor bereits Metastasen gebildet hat. Die anderen beiden Studien zeigten keinen eindeutigen Unterschied zwischen den Gruppen.
Alle Studien hatten methodische Mängel. Beispielsweise fehlten Informationen darüber, wie die Studienteilnehmenden den Gruppen zugeordnet wurden – dadurch blieb unklar, ob die Gruppen überhaupt vergleichbar sind. Auch in Bezug auf andere Aspekte wie Lebensqualität und den Schaden der Behandlung konnten aus den Studien keine aussagekräftigen Ergebnisse abgeleitet werden. Zu anderen Formen des Weichteilsarkoms wurde nur eine Studie mit einer Vergleichsgruppe gefunden. Diese hatte ebenfalls erhebliche methodische Mängel und ließ keine aussagekräftigen Schlüsse zu.
IQWiG empfiehlt Behandlung nur im Rahmen von Studien
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG ziehen das Fazit, dass der Nutzen und Schaden einer Kombination aus Hochdosis-Chemotherapie und der Transplantation eigener Blutstammzellen bei Weichteilsarkomen bislang nicht abschätzbar ist. Vor diesem Hintergrund empfehlen sie, diese Behandlung nur im Rahmen von sorgfältig geplanten Studien einzusetzen. Dadurch ließe sich herausfinden, wie Nutzen und Schaden der Behandlung ausfallen und wann Menschen mit einem Weichteilsarkom davon profitieren können.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Hinweis
Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de.
Nächste geplante Aktualisierung: Februar 2014. Mehr darüber, wie unsere Gesundheitsinformationen aktualisiert werden, erfahren Sie hier.
- Letzte Aktualisierung: 19. März 2012 12:47
- Erstellt am: 22. Februar 2011 14:24
- Quellen:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Autologe Stammzelltransplantation bei Weichteilsarkomen. Abschlussbericht N05-03D. Version 1.0. Köln: IQWiG. September 2009. [Volltext]
Links zum Glossar
Nutzerbefragung
Häufig gestellte Fragen
Themen vorschlagen
Bewertet durch
„Relevant, objektiv und unabhängig“



