Diabetes mellitus: Was sagen Studien zur Sicherheit des langwirksamen Insulinanalogons Glargin (Lantus)?
Das langwirksame Insulinanalogon Glargin stand in den letzten Jahren im Verdacht, das Risiko für Krebs zu erhöhen. Bisherige Untersuchungen lieferten jedoch widersprüchliche und lückenhafte Ergebnisse. Eine aktuelle Studie hat die Sicherheitsbedenken zu Glargin nicht bestätigt.
Alle Menschen mit Typ-1-Diabetes und manche mit Typ-2-Diabetes benötigen Insulin. Seit den 1980er Jahren wird Humaninsulin zur Behandlung von Diabetes eingesetzt. Es wird biotechnisch hergestellt und ist in seiner Grundstruktur mit menschlichem Insulin identisch. Humaninsulin ist in der Insulintherapie bewährt und gibt den allgemein akzeptierten Sicherheitsstandard vor. Seit den 1990er Jahren sind auch Formen von Humaninsulin erhältlich, deren Moleküle gezielt verändert wurden. Sie werden als Insulinanaloga bezeichnet.
Frühere Studien warfen Sicherheitsbedenken zum Insulinanalogon Glargin auf
Das erste langwirksame Insulinanalogon, das in Europa für die Diabetesbehandlung zugelassen wurde, war Glargin (Handelsname Lantus). In den Jahren nach der Zulassung von Glargin wurden verschiedene Studien zum Krebsrisiko bei Diabetes durchgeführt. In einigen, aber nicht allen Labortests führte Glargin im Vergleich mit Humaninsulin zu einem verstärkten Wachstum von Krebszellen. In Versuchen mit Krebszellen aus menschlichem Brustkrebsgewebe zum Beispiel beschleunigte sich die Zellteilung, wenn Glargin gegeben wurde. Diese Versuche hatten das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) durchgeführt. Wenn sich Zellen in einem Reagenzglas im Labor verändern, heißt das aber noch nicht, dass sie im menschlichen Körper ebenso reagieren.
Im Jahr 2009 wurde eine Auswertung von anonymisierten Daten von mehr als 125.000 AOK-Versicherten aus den Jahren 1998 bis 2005 veröffentlicht. Diese große Bevölkerungsstudie deutete ebenfalls darauf hin, dass Patientinnen und Patienten, die anstelle von Humaninsulin das langwirksame Analoginsulin Glargin verwenden, ein erhöhtes Krebsrisiko haben. Allerdings war auch diese Studie aufgrund ihrer Methodik nicht dazu in der Lage, eine sichere Antwort zu liefern: Sie verglich rückblickend Menschen, die Glargin anwendeten, mit Menschen, die Humaninsulin anwendeten. Bei einem solchen Rückblick ist nicht auszuschließen, dass die Glargin-Anwender ohnehin ein höheres Krebsrisiko hatten, zum Beispiel weil sie häufiger rauchten. Doch diese und andere Informationen ließen sich aus den AOK-Daten nicht ableiten und konnten in den Analysen auch nicht berücksichtigt werden.
Neue Studie bestätigt diese Vorbehalte nicht
Eine sichere Aussage darüber, ob Glargin im Vergleich zu Humaninsulin das Krebsrisiko erhöht, könnte nur eine randomisierte kontrollierte Studie liefern, die diese beiden Insuline vergleicht. In einer solchen Studie werden Freiwillige nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt (randomisiert). Die zufällige Zuteilung stellt sicher, dass sich die beiden Teilnehmergruppen im Durchschnitt nicht in wichtigen Merkmalen unterscheiden. Dies ermöglicht einen fairen Vergleich der zu testenden Therapien.
Im Juni 2012 wurde die bislang größte randomisierte kontrollierte Studie veröffentlicht, in der eine Behandlung mit und ohne Glargin verglichen wurde. An dieser Studie nahmen mehr als 12.000 Freiwillige teil. Die Hälfte von ihnen wurde mit Glargin behandelt, in der anderen Gruppe erhielten die meisten Teilnehmenden gar kein Insulin. Nach einem Zeitraum von sechs Jahren lieferte die Studie keine Hinweise darauf, dass Glargin das Risiko für Krebs erhöht. Krebs wurde bei den Teilnehmenden, die Glargin nahmen, nicht häufiger erfasst als bei denjenigen, die dieses Medikament nicht anwendeten. Die Sicherheitsbedenken werden durch diese Studie also nicht bestätigt. Allerdings war es nicht das eigentliche Ziel der Studie, alle Nebenwirkungen wie zum Beispiel Krebserkrankungen zu erfassen. Zudem wussten die Teilnehmenden und ihre Ärztinnen und Ärzte, wer mit Glargin behandelt wurde und wer nicht. Aus diesen Gründen lässt sich nicht sicher sagen, ob in beiden Gruppen alle Krebserkrankungen auf die gleiche Weise gezählt wurden.
Die Geschichte des Insulinanalogons Glargin zeigt, wie schwierig es in der Medizin ist, Ursache- und Wirkungs-Zusammenhänge (Kausalität) nachzuweisen. Auch eine noch so große Untersuchung mit Daten von hunderttausenden Personen hilft dabei nicht, wenn die Studie die Möglichkeit offen lässt, dass sich Teilnehmergruppen nicht nur durch die Behandlung, sondern auch durch andere Eigenschaften unterscheiden. Trotzdem sind auch in solchen Situationen Warnhinweise gerechtfertigt, weil die Sicherheit von Patientinnen und Patienten bei Arzneimittelprüfungen im Vordergrund steht. Gerade wenn es mehrere alternative Medikamente gibt, sollten Sicherheitsbedenken ernstgenommen werden. Dies galt auch für Glargin, denn es gibt mehrere andere Insuline, die ebenso gut zur Behandlung des Diabetes mellitus eingesetzt werden können.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
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- Letzte Aktualisierung: 13. September 2012 13:05
- Erstellt am: 15. Dezember 2009 16:38
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