Kurzwirksame Insulinanaloga: Bieten sie Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes Vorteile gegenüber kurzwirksamen Humaninsulinen?
Ob kurzwirksame Insulinanaloga bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes Vorteile gegenüber herkömmlichen Humaninsulinen haben, ist unklar. Zumindest wenn sie über einen kurzen Zeitraum angewendet werden, scheinen alle Insuline ähnlich wirksam zu sein. Die langfristige Sicherheit von Insulinanaloga lässt sich bislang jedoch nicht beurteilen.
Die meisten Kinder und Jugendlichen mit Diabetes mellitus haben einen sogenannten Typ-1-Diabetes. Beim Typ-1-Diabetes setzt die Bauchspeicheldrüse nur sehr wenig oder gar kein Insulin mehr frei. Insulin ist aber lebenswichtig: Es wird benötigt, um den Zucker im Blut, den wir durch unsere Nahrung aufnehmen, in die Körperzellen zu transportieren, damit er dort in Energie umgewandelt werden kann. Bei einem Insulinmangel bleibt der Zuckerspiegel im Blut ständig zu hoch. Wer Typ-1-Diabetes hat, muss daher täglich Insulin spritzen, um den Körper regelmäßig damit zu versorgen. Umfassende Informationen und einen Film zu den Themen Insulin und Diabetes finden Sie hier.
Die Insuline zur Diabetesbehandlung werden nach ihrer Wirkungsdauer in drei Hauptgruppen eingeteilt: kurzwirksames Insulin, mittellangwirksames und langwirksames Insulin. Kurzwirksame Insuline regulieren kurzfristige Blutzuckerschwankungen, die durch Mahlzeiten ausgelöst werden. Mittellang- und langwirksame Insuline sorgen für den Grundbedarf an Insulin, die „Basalrate“. Es stehen auch vorgefertigte Mischungen aus unterschiedlich lang wirkenden Insulinen zur Verfügung.
Insulinanaloga sind chemisch leicht verändert
Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes können zwischen verschiedenen kurzwirksamen Insulinarten wählen: Biotechnologisch hergestelltes Humaninsulin entspricht in seiner chemischen Struktur dem Insulin aus der menschlichen Bauchspeicheldrüse. Eine Alternative dazu sind die ebenfalls biotechnologisch hergestellten Insulinanaloga. Ihre chemische Grundstruktur wurde verändert, sodass zum Beispiel die blutzuckersenkende Wirkung der kurzwirksamen Insulinanaloga etwas rascher einsetzt und kürzer anhält als die des kurzwirksamen Humaninsulins.
Kurzwirksame Insuline werden vor einer Mahlzeit gespritzt. Aufgrund ihrer raschen Wirkung können kurzwirksame Insulinanaloga ihrer Zulassung gemäß im Ausnahmefall auch direkt nach einer Mahlzeit gespritzt werden. Manche Betroffene sehen darin einen Vorteil, da sie sich dadurch flexibler fühlen. Das könnte gerade für Kinder und Jugendliche eine Erleichterung sein, da sie nicht mehr vor der Mahlzeit abschätzen müssen, wie viel Insulin sie wohl benötigen werden, sondern die Dosis nachträglich der Nahrungsmenge anpassen können.
In Deutschland sind drei kurzwirksame Insulinanaloga auf dem Markt: Insulin Lispro (Handelsnamen „Humalog“ und „Liprolog“), Insulin Aspart (Handelsname „NovoRapid“) und Insulin Glulisin (Handelsname „Apidra“). Insulin Glulisin ist erst für Kinder ab 6 Jahren zugelassen.
Studien zum Vergleich von Insulinanaloga und herkömmlichen Insulinen
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – der Herausgeber dieser Website – hat sogenannte randomisierte kontrollierten Studien ausgewertet, in denen kurzwirksame Humaninsuline mit kurzwirksamen Insulinanaloga bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes verglichen wurden. Wie solche Studien durchgeführt werden und warum sie die aussagekräftigsten Ergebnisse liefern, erfahren Sie hier.
Das IQWiG wollte unter anderem herausfinden, welche Vor- und Nachteile die Insuline im Vergleich haben – zum Beispiel wie gut Kinder und Jugendliche im Alltag mit ihnen zurechtkommen und wie häufig sie zu Unterzuckerungen und anderen unerwünschten Wirkungen führen. Bei einer Unterzuckerung kann der Blutzucker in einen gefährlich niedrigen Bereich sinken, was zu Zittern, Verwirrtheit und schließlich sogar Krämpfen mit Bewusstlosigkeit führen kann.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interessierten sich vor allem für Studien mit mindestens 24 Wochen Behandlungsdauer. Es dauert eine Weile bis sich die Kinder und Jugendlichen an die Behandlung mit einem neuen Insulin gewöhnt haben und ihr Blutzucker gut eingestellt ist. Daher sind Studien von weniger als 24 Wochen weniger aussagekräftig. Ergänzend hat das IQWiG aber auch Studien kürzerer Dauer (12 bis 24 Wochen) betrachtet.
Insulinanaloga bei Kindern und Jugendlichen nur unzureichend untersucht
Durch eine umfassende Recherche und eine Anfrage bei den Herstellern der Insulinanaloga konnte das IQWiG vier Studien mit einer Dauer von mindestens 24 Wochen finden. An diesen Studien nahmen insgesamt 1029 Kinder und Jugendliche teil. Drei der Studien mit zusammen fast 1000 Kindern und Jugendlichen dauerten zwischen 24 und 26 Wochen. Lediglich eine Studie mit 38 Teilnehmenden hatte mit 12 Monaten eine längere Laufzeit.
Alle Studien überprüften die Anwendung kurzwirksamer Insulinanaloga im Rahmen einer intensivierten Insulintherapie, bei der man sich mehrmals täglich Insulin spritzt. Wie genau eine intensivierte Insulintherapie aussieht, können Sie hier nachlesen. Zur Insulinpumpentherapie mit kurzwirksamen Insulinanaloga wurden keine aussagekräftigen Studien mit mindestens 24 Wochen Laufzeit gefunden.
Die Kinder und Jugendlichen, die Humaninsulin verwendeten, mussten einen zeitlichen Abstand von 15 bis 45 Minuten zwischen Spritzen und Essen einhalten. Bei kurzwirksamen Humaninsulinen muss man nach dem Spritzen jedoch mit dem Essen eigentlich nicht warten. Es wird lediglich empfohlen, innerhalb von 30 Minuten nach dem Spritzen eine Mahlzeit einzunehmen.
Vor- und Nachteile von Insulinanaloga gegenüber Humaninsulin unklar
In den Studien mit mindestens 24 Wochen Laufzeit wurden längst nicht alle für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes wichtigen Fragen untersucht. So wurden lediglich Daten zum HbA1c-Wert, zur Häufigkeit von Unterzuckerungen und zu anderen unerwünschten Wirkungen erhoben. Der HbA1c-Wert gibt an, wie hoch der Blutzucker in den letzten drei Monaten im Durchschnitt war. Andere wichtige Aspekte wie die Lebensqualität oder die Therapiezufriedenheit wurden hingegen nicht oder nur unzureichend untersucht.
In Bezug auf den HbA1c-Wert, die Anzahl der Unterzuckerungen und andere unerwünschte Wirkungen fanden sich in den Studien keine Unterschiede zwischen den Insulinanaloga und Humaninsulin. Das bedeutet, dass es bislang keinen Beleg dafür gibt, dass Insulinanaloga einen Vorteil gegenüber Humaninsulin haben. Aufgrund der kurzen Laufzeit der Studien lassen die Studien auch keine Aussagen über die langfristige Sicherheit der Insulinanaloga zu.
Ergänzend zu den Studien von mindestens 24 Wochen Laufzeit wertete das IQWiG neun Studien mit einer kürzeren Laufzeit (12 bis 24 Wochen) aus. Sie zeigten ebenfalls keine Unterschiede zwischen den Insulinanaloga und Humaninsulin. Allerdings fiel in einer Studie, in der das Insulinanalogon Insulin lispro erst nach der Mahlzeit gespritzt wurde, auf, dass es den HbA1c-Wert nicht so gut senken konnte wie das Humaninsulin. Zwei weitere Studien zeigten keinen solchen Unterschied. Insgesamt folgerten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass die kurzwirksamen Insulinanaloga bei Anwendung nach Einnahme einer Mahlzeit für bestimmte Kinder und Jugendliche Nachteile gegenüber kurzwirksamen Humaninsulinen haben könnten. Es ist jedoch dringend weitere Forschung nötig, um hier Klarheit zu schaffen.
Manche Expertinnen und Experten sehen in der raschen Wirkung der Insulinanaloga – wie gesagt – einen Vorteil. Ob Kinder und Jugendliche davon im Alltag profitieren, lässt sich aus den Studien nicht ableiten.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Hinweis
Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) vorbehalten. Der G-BA bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des G-BA erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de.
- Letzte Aktualisierung: 10. Juni 2010 16:42
- Erstellt am: 09. Juni 2010 10:54
- Quellen:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Kurzwirksame Insulinanaloga bei Kindern und Jugendlichen mit Diabetes Mellitus Typ 1. Abschlussbericht A08-01. Version 1.0. Köln: IQWiG. September 2009. [Volltext]
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