Chronische Hepatitis C: Welche Vor- oder Nachteile hat Telaprevir (Incivo)?

Telaprevir ist seit September 2011 für Personen zugelassen, die mit bestimmten Hepatitis-C-Viren infiziert sind. Es wird zusätzlich zur bisherigen Standardtherapie eingenommen und soll die Vermehrung des Virus stoppen und dadurch Folgeerkrankungen der Hepatitis C verhindern.

Telaprevir (Handelsname Incivo) kommt für Personen mit chronischer Hepatitis C infrage, bei denen ein bestimmter Virustyp („Genotyp 1“) dauerhaft nachweisbar ist. Das Medikament hemmt die Vermehrung der Hepatitis-C-Viren. Hepatitis-C-Viren (HCV) befallen die Leber und können dort eine Entzündung auslösen. Bei bis zu 80 von 100 Personen mit Hepatitis C kann das Immunsystem das Virus nicht allein erfolgreich bekämpfen. Dadurch kommt es zu einer chronischen Entzündung der Leber, die zu einer sogenannten Zirrhose führen kann. Infolge dessen arbeitet die Leber zunehmend schlechter. Zudem steigt das Risiko für Leberkrebs. Man nimmt an, dass Behandlungen, nach denen im Blut dauerhaft keine Viren mehr nachweisbar sind, das Risiko für solche Folgeerkrankungen verringern.

Wie wird Telaprevir angewendet?

  • Telaprevir wird dreimal täglich zusammen mit einer Mahlzeit oder etwas Nahrung eingenommen. Insgesamt besteht die Behandlung aus 6 Tabletten pro Tag (jeweils zwei Tabletten pro Einnahme).
  • Telaprevir wird zusammen mit den Medikamenten Peginterferon alfa und Ribavirin angewendet. Peginterferon alfa wird einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt. Ribavirin wird täglich als Tablette eingenommen. Telaprevir wird 12 Wochen eingenommen. Danach wird nur die Behandlung mit Peginterferon alfa und Ribavirin fortgeführt. Die Gesamtdauer der Behandlung richtet sich nach Krankheitsbild und -verlauf und kann insgesamt bis zu 48 Wochen betragen.


Womit wurde Telaprevir verglichen?

In den Studien, die das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) auswertete, wurde Telaprevir im Rahmen einer Dreier-Therapie angewendet. Diese Therapie bestand aus Telaprevir und den Standardmedikamenten Peginterferon alfa und Ribavirin. Die Dreier-Therapie wurde mit einer Zweier-Therapie verglichen, die nur aus den Standardmedikamenten Peginterferon alfa und Ribavirin bestand. Ribavirin hemmt, ähnlich wie Telaprevir, die Vermehrung von Hepatitis-C-Viren. Peginterferon alfa unterstützt das Immunsystem und fördert so die Abwehr der Virusinfektion.

Bisher sind die Vor- und Nachteile von Telaprevir für drei Personengruppen in ersten belastbaren Studien untersucht:

  1. Personen mit chronischer HCV-Infektion, die bisher nicht behandelt wurden
  2. Personen mit chronischer HCV-Infektion, die bei einer früheren Behandlung nicht angesprochen haben
  3. Personen mit chronischer HCV-Infektion, bei denen nach einer früheren Behandlung der Virus erneut aufgetreten ist (Rückfall)


Für Patienten, die auch mit HIV oder Hepatitis-B infiziert sind, sind Vor- und Nachteile nicht ausreichend untersucht.

Die Ergebnisse für die drei Personengruppen werden im Folgenden getrennt dargestellt. Soweit möglich, hat das IQWiG bei der Auswertung der Daten auch danach unterschieden, ob jemand bereits eine Leberzirrhose hatte.

1. Vor- und Nachteile für Personen mit chronischer Hepatitis C, die bisher nicht behandelt wurden

Die im Folgenden dargestellten Ergebnisse gelten nur für bisher nicht behandelte Personen ohne eine Leberzirrhose. Bei Patienten mit Zirrhose wurden die Behandlungen nicht wie normalerweise vorgesehen eingesetzt. Deshalb ist unklar, wie die Ergebnisse von Telaprevir im Rahmen einer üblichen Behandlung für Patienten mit Leberzirrhose ausfallen.

Vorteile:

  • Sterberisiko: Die bisherigen Daten reichen nicht aus, um Auswirkungen von Telaprevir auf das Sterberisiko zu beurteilen.
  • Folgeerkrankungen: Die Studien waren nicht lang genug, um den Einfluss von Telaprevir auf Folgeerkrankungen direkt beurteilen zu können. Allerdings steigert Telaprevir die Chancen, dass nach der Behandlung keine Viren mehr im Blut nachweisbar sind. Da Personen ohne nachweisbare Infektion nach dem derzeitigen Stand des Wissens ein geringeres Risiko für Leberkrebs haben, betrachtet das IQWiG dies als Kriterium für den Nutzen des Medikaments. Die Studien machten auch deutlich, dass die Wirksamkeit der Behandlung davon abhängt, wie viele Viren jemand bei Therapiebeginn im Blut hat: Bei Menschen mit niedriger Viruslast gibt es keinen Beleg, dass die Dreier-Therapie Vorteile gegenüber der Zweier-Therapie hat. Dagegen ist der Vorteil von Telaprevir bei Menschen mit hoher Viruslast belegt. Hier waren bei 70 bis 74 von 100 Personen, die Telaprevir zusätzlich zu Peginterferon alfa und Ribavirin einnahmen, etwa ein halbes Jahr nach Ende der Behandlung  keine Viren mehr nachweisbar. Ohne Telaprevir waren bei 36 bis 44 von 100 Personen keine Viren mehr nachweisbar. Bei wie vielen Personen Telaprevir allerdings tatsächlich einen Leberkrebs verhindern kann, bleibt insgesamt unklar.
  • Lebensqualität: Ergebnisse zur Lebensqualität und zu Beschwerden wie Müdigkeit zeigten keinen Unterschied zwischen der Dreier- und der Zweier-Therapie.


Nachteile:

  • Blutarmut: Die Behandlung mit Telaprevir führte im Vergleich zur Standardbehandlung häufiger zu einer Blutarmut (Anämie), die aber nur selten schwerwiegend war. Von 100 Personen, die Telaprevir einnahmen, entwickelten 41 eine Blutarmut. Diese Nebenwirkung trat während der Vergleichsbehandlung bei 25 von 100 Personen auf.
  • Hautausschläge: Die zusätzliche Behandlung mit Telaprevir führte häufiger zu Hautausschlägen als die Standardtherapie. Diese waren aber nur selten schwerwiegend. Mit Telaprevir hatten 61 von 100 Personen damit zu tun, ohne Telaprevir waren es 48 von 100 Personen.
  • Andere Nebenwirkungen von Telaprevir, Peginterferon alfa und Ribavirin sind im jeweiligen Beipackzettel aufgelistet.

 

Auch Personen mit niedriger Viruslast müssen mit diesen Nebenwirkungen rechnen. Da für Patienten mit niedriger Viruslast kein Vorteil durch die Dreier-Therapie belegt ist, sind für sie bislang nur Nachteile erkennbar.

2. Vor- und Nachteile für Personen mit chronischer Hepatitis C, die bei einer früheren Behandlung nicht angesprochen haben

Vorteile:

  • Sterberisiko: Die bisherigen Daten reichen nicht aus, um Auswirkungen von Telaprevir auf das Sterberisiko zu beurteilen.
  • Folgeerkrankungen: Die vorliegenden Studien waren auch hier nicht lang genug, um den Einfluss von Telaprevir auf Folgeerkrankungen direkt beurteilen zu können. Telaprevir kann jedoch auch bei diesen Patientinnen und Patienten wirksam die Viren bekämpfen: Bei 41 von 100 Personen, die Telaprevir zusätzlich zu Peginterferon alfa und Ribavirin einnahmen, waren etwa ein halbes Jahr nach Ende der Behandlung keine Viren mehr nachweisbar. Ohne Telaprevir waren bei 9 von 100 Personen keine Viren mehr nachweisbar. Diese Ergebnisse legen vor allem für Personen, die keine Zirrhose haben, nahe, dass Telaprevir einen Nutzen haben kann. Bei Menschen, die bereits eine Zirrhose haben, ist dieser Vorteil weniger sicher.
  • Lebensqualität: Es liegen keine angemessenen Daten vor, wie Telaprevir die Lebensqualität beeinflusst.


Nachteile:

  • Blutarmut: Die Behandlung mit Telaprevir führte im Vergleich zur Standardbehandlung häufiger zu einer Blutarmut (Anämie), die aber nur selten schwerwiegend war. Von 100 Personen, die Telaprevir einnahmen, entwickelten 31 eine Blutarmut. Diese Nebenwirkung trat während der Vergleichsbehandlung bei 14 von 100 Personen auf.
  • Hautausschläge: Die zusätzliche Behandlung mit Telaprevir führte häufiger zu nicht schwerwiegenden Hautausschlägen als die Standardtherapie. Mit Telaprevir hatten 60 von 100 Personen damit zu tun, ohne Telaprevir waren es 20 von 100 Personen.
  • Andere Nebenwirkungen sind in den jeweiligen Beipackzetteln aufgelistet.


3. Vor- und Nachteile für Personen mit chronischer Hepatitis C, die einen Rückfall hatten

Diese Ergebnisse gelten nur für Personen, die einen Rückfall hatten und eine Leberzirrhose aufwiesen. Bei Patienten ohne Zirrhose wurden die Behandlungen nicht wie normalerweise vorgesehen eingesetzt. Deshalb ist unklar, wie die Ergebnisse von Telaprevir im Rahmen einer üblichen Behandlung für Patientinnen und Patienten ohne Zirrhose ausfallen.

Vorteile:

  • Sterberisiko: Die bisherigen Daten reichen nicht aus, um Auswirkungen von Telaprevir auf das Sterberisiko zu beurteilen.
  • Folgeerkrankungen: Telaprevir kann die Viren wirksam bekämpfen: Bei 82 von 100 Personen, die Telaprevir zusätzlich zu Peginterferon alfa und Ribavirin einnahmen, waren etwa ein halbes Jahr nach Ende der Behandlung keine Viren mehr nachweisbar. Ohne Telaprevir waren bei 13 von 100 Personen keine Viren mehr nachweisbar. Auch hier ist jedoch unklar, bei wie vielen Personen Telaprevir Krankheitsfolgen wie Leberkrebs verhindern kann.
  • Lebensqualität: Es liegen keine angemessenen Daten vor, wie Telaprevir die Lebensqualität beeinflusst.


Nachteile:

  • Schwerwiegende Nebenwirkungen: Die Behandlung mit Telaprevir führte im Vergleich zur Standardbehandlung häufiger zu schwerwiegenden Nebenwirkungen. Dazu zählten Nebenwirkungen, die zum Beispiel zu einem Krankenhausaufenthalt führten oder sogar lebensbedrohlich waren. Von 100 Personen, die Telaprevir einnahmen, waren 16 davon betroffen. Während der Vergleichsbehandlung traten schwerwiegende unerwünschte Wirkungen bei 3 von 100 Personen auf.
  • Andere Nebenwirkungen sind in den jeweiligen Beipackzetteln aufgelistet.


Sicherheitshinweise

Im April 2013 wies der Hersteller von Telaprevir auf mögliche Risiken bei der Anwendung hin. Laut Hersteller war es im Rahmen der Anwendung bei zwei Menschen, die das Mittel nach Markteinführung eingenommen hatten, zu einer toxischen epidermalen Nekrolyse gekommen, einer schweren Hautreaktion. Eine der Hautreaktionen endete tödlich. Der Hersteller rät daher dazu, die Patientinnen und Patienten sorgfältig auf Hautausschläge zu überwachen und bei schweren Hautveränderungen die Therapie mit Telaprevir sofort zu beenden. Auch die Fortführung der Begleittherapie mit Ribavirin und Peginterferon alfa sollte in diesem Fall kritisch überprüft werden. Patientinnen und Patienten wird geraten, sofort ihre Ärztin oder ihren Arzt aufzusuchen, wenn ein Ausschlag auftritt, ihr Ausschlag sich verschlimmert oder zusätzlich Beschwerden wie Fieber, Müdigkeit oder Lymphknotenschwellungen auftreten.

Hier finden Sie über die Webseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die genauen Hinweise.

Wo finde ich weitere Informationen?

Dieser Text fasst die wichtigsten Ergebnisse eines im Januar 2012 veröffentlichten Gutachtens des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zusammen. Das vollständige Gutachten finden Sie hier.

Auftraggeber ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Rahmen der „frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln nach § 35a SGB V“. Der G-BA hat im März 2012 auf Basis des Gutachtens und eingegangener Stellungnahmen einen Beschluss zum Nutzen von Telaprevir (Incivo) gefasst. Über den Hintergrund der Nutzenbewertungen und den Beschluss können Sie sich auf der Website des G-BA informieren: www.g-ba.de.

Eine Bewertung des Wirkstoffs Boceprevir, der ebenfalls für Frauen und Männer mit chronischer Hepatitis-C infrage kommt, finden Sie hier.


  • Letzte Aktualisierung: 16. April 2013 10:42
  • Erstellt am: 13. Januar 2012 12:45

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