Merkblatt: Medikamente zur Migränebehandlung bei Erwachsenen

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Migräne ist etwas anderes als gewöhnlicher Kopfschmerz. Kopfschmerzen hat fast jeder Mensch von Zeit zu Zeit, meist sind es sogenannte Spannungskopfschmerzen. Von diesen unterscheidet sich eine Migräne durch plötzlich einsetzende, heftige und pochende Schmerzen auf einer Kopfseite. Eine Migräne kann den Alltag erheblich beeinträchtigen. Manche Menschen haben nur gelegentlich einen Migräneanfall. Andere sind jeden Monat für mehrere Tage außer Gefecht gesetzt.

Heute gibt es viele Medikamente, die eine Migräne wirksam lindern können. Manche sind in der Apotheke auch ohne Rezept erhältlich. Bei der Anwendung von Schmerzmitteln ist jedoch einiges zu beachten. So kann der zu häufige Einsatz von bestimmten Schmerzmitteln selbst Kopfschmerzen verursachen. Lesen Sie weiter, wenn Sie mehr darüber wissen möchten, wie Migräne behandelt werden kann und wie Medikamente angewendet werden. Informationen über Migräne speziell bei Heranwachsenden finden Sie in unseren Migräne-Infos für Kinder und Jugendliche.

Was ist Migräne?

Typisch für Migräne sind mäßige bis starke Kopfschmerzen, die sich nur auf einer Seite des Kopfes bemerkbar machen. Meist setzen sie sehr plötzlich ein und werden als pulsierend, pochend oder hämmernd empfunden. Oft verstärken sie sich bei körperlicher Aktivität, manchmal schon durch geringe Bewegungen. Unbehandelt halten die Schmerzen zwischen vier Stunden und drei Tagen an und können mit Übelkeit und Erbrechen verbunden sein. Manche Menschen sind während der Anfälle sehr empfindlich gegenüber Geräuschen und Licht.

Dieser Beitrag ist Teil des Spezials Migräne. Mehr zum Thema finden Sie hier.
Bevor ihre eigentlichen Migränebeschwerden spürbar werden, sehen manche Menschen Lichtblitze und eigenartige Formen. Andere nehmen alles etwas verschwommen, verwackelt oder wie durch Wellenlinien hindurch wahr. Vorübergehend können sich auch Sprachstörungen, Lähmungen oder Missempfindungen wie Kribbeln einstellen. In der Medizin werden solche Erscheinungen als „Aura“ bezeichnet. Eine Aura dauert selten länger als eine Stunde und wird dann von den typischen Migräneschmerzen abgelöst. Sie hinterlässt keine bleibenden Beeinträchtigungen.

Migräneanfälle treten in der Regel wiederholt auf. In Deutschland haben 14 von 100 Frauen und 8 von 100 Männern Migräne. Mehr als 25 von 100 Frauen hat irgendwann in ihrem Leben zumindest einmal eine Migräneattacke. Die genauen Ursachen von Migräne sind nicht bekannt. Eine Theorie besagt, dass entzündliche Vorgänge an den Blutgefäßen im Gehirn eine Rolle spielen. Möglicherweise ist auch von Bedeutung, wie Schmerzsignale im Gehirn verarbeitet werden.

Junge Frauen haben oft zum ersten Mal eine Migräne, wenn sie ihre Monatsblutung bekommen. Bei vielen Frauen bleiben die Anfälle während einer Schwangerschaft aus. Bei diesen Frauen verschwinden die Beschwerden dann fast immer nach den Wechseljahren. Bei allen Betroffenen kann sich eine Migräne nach einiger Zeit auch von selbst bessern.

Was bedeutet es, Migräne zu haben?

Es gibt viele Menschen, deren Migräne so stark ist oder so häufig wiederkehrt, dass sie ihr tägliches Leben erschwert. Wiederholte Attacken können sehr belastend sein; lange anhaltende Kopfschmerzen zehren an den Kräften. Viele Menschen mit Migräne sind während eines Anfalls kaum oder gar nicht in der Lage, ihren täglichen Aktivitäten zu Hause und im Beruf nachzugehen. Ihre Leistungsfähigkeit und Konzentration nimmt stark ab. Wer sich wegen Migräne häufiger krankschreiben lassen muss, fürchtet vielleicht um seinen Arbeitsplatz oder seine Karriere.

Migräneanfälle können zu bestimmten Zeiten auftreten, wie bei Frauen typischerweise in den Tagen vor ihrer monatlichen Regelblutung. Oft sind die Anfälle aber unvorhersehbar. Dies macht es auch schwer, gesellschaftliche Aktivitäten zu planen oder Verabredungen einzuhalten. Nicht nur die Beschwerden selbst, sondern auch die Angst vor erneuten Attacken und Sorgen vor den Auswirkungen der Migräne beispielsweise auf Familie und Beruf können die Betroffenen derart belasten, dass ihre Lebensfreude erheblich leidet.

Auch negative Gefühle und Gedanken können zu einem Verhalten führen, das die Lebensqualität mindert: Etwa wenn man aus Furcht vor einem Migräneanfall Aktivitäten vermeidet, die einem eigentlich viel Freude bereiten. Mehr über solche Mechanismen und über psychotherapeutische Verfahren, die Menschen helfen können, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu ändern, können Sie in unserem Merkblatt „Kognitive Verhaltenstherapie“ lesen. Manche Menschen probieren diese und andere Methoden wie Entspannungsverfahren aus, um besser mit ihrer Migräne leben zu können. Dazu zählt zum Beispiel das autogene Training, bei dem man erlernt, sich in einen tiefen Entspannungszustand zu versetzen. Andere fühlen sich besser, wenn sie körperlich aktiv sind.

Was kann eine Migräne auslösen?

Wenn Sie Migräne haben, kann es hilfreich sein, für einige Wochen oder Monate ein Kopfschmerz- oder Migräne-Tagebuch zu führen. In einem solchen Tagebuch halten Sie fest,

  • was an den Tagen mit Migräne ungefähr zu der Zeit passiert ist, als Sie einen Anfall bekommen haben,
  • was Sie vorher gegessen oder getrunken haben,
  • wann die Attacke begonnen hat und wann sie vorüber war,
  • wie stark die Migräne war und
  • zu welchem Zeitpunkt Sie Medikamente genommen haben, welche und wie viele.


Wenn Sie vermuten, dass etwas Bestimmtes Ihre Migräne auslöst, können Sie verfolgen, ob die Anfälle tatsächlich damit zusammenhängen. Wenn Sie zum Beispiel den Verdacht haben, Rotwein könnte ein Auslöser sein, können Sie anhand Ihrer Tagebuch-Eintragungen sehen, ob sich die Häufigkeit und Stärke Ihrer Migräne tatsächlich verringert, wenn Sie für eine Weile darauf verzichten. Einige der Dinge, die zumindest für manche Menschen als Migräne-Auslöser gelten, sind

  • Milchprodukte,
  • Rotwein,
  • Schokolade,
  • Eier und
  • Lebensmittelzusätze wie der Süßstoff Aspartam oder der Geschmacksverstärker Glutamat.


Mit welchen Medikamenten können Migräneanfälle behandelt werden?

Viele Menschen mit Migräne lindern Anfälle zunächst einmal mit allem, was ihnen persönlich aus Erfahrung gut tut: Sie legen sich in einem ruhigen und dunklen Raum hin und bedecken die schmerzende Kopfseite vielleicht mit einer kühlenden Auflage (einem feuchten Tuch oder einem Kühlelement). Manchmal reicht dies bereits aus.

Besonders wenn ihre Migräne sehr schmerzhaft ist, verwenden die meisten Menschen ein oder mehrere Medikamente, um eine Attacke durchzustehen. Welche Wirkstoffe eingesetzt werden, hängt davon ab, wie stark die Beschwerden sind: Ein „einfaches“ Schmerzmittel aus der Apotheke kann bei mäßigen Schmerzen vielleicht genügen, während eine heftige Migräne stärker wirksame Medikamente erfordern könnte. Menschen, die häufig Migräne haben, halten oft verschiedene Arzneimittel bereit, um sie je nach Bedarf einsetzen zu können.

Die folgenden Medikamente wenden Erwachsene mit Migräne am häufigsten an:

  • Schmerzmittel aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Acetylsalicylsäure (ASS wie in Aspirin), Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen; außerdem Paracetamol
  • Mittel gegen Übelkeit wie Metoclopramid oder Domperidon und
  • Spezielle Migränemedikamente (Triptane) wie Almotriptan oder Eletriptan


Rezeptpflichtige Migränemedikamente können auch Ergotamine enthalten. Fast ein Jahrhundert lang waren diese Substanzen aus dem Mutterkorn (ein Getreidepilz) die einzige spezifische Behandlung bei Migräne. Weil Ergotamine mehr Nebenwirkungen haben als Triptane, werden sie heute nicht mehr so häufig eingesetzt.

Medikamente dienen verschiedenen Zwecken: Manche Betroffene wünschen sich in erster Linie eine möglichst rasche Linderung ihrer Beschwerden. Sie greifen dann zu schnell wirkenden Mitteln, selbst wenn eines mit verzögerter Wirkung mehr Erleichterung bringen könnte. Für andere Menschen ist die Wirkstärke eines Mittels am wichtigsten, auch wenn seine Wirkung später einsetzt. Wieder andere brauchen ein Medikament, das möglichst lange wirkt, weil ihre Migräneanfälle meist lange andauern. Einige Betroffene haben weniger Wahlmöglichkeiten, zum Beispiel weil sie herzkrank sind und deshalb keine Triptane nehmen dürfen.

Können Schmerzmittel wie ASS oder Paracetamol helfen?

Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR können Schmerzen bei einer Migräne nachgewiesenermaßen lindern. Die in Deutschland gängigsten Medikamente aus dieser Gruppe sind ASS, Diclofenac und Ibuprofen. Auch für Paracetamol ist durch Studien belegt, dass es Migränebeschwerden verringern kann. In welchen Dosierungen diese Medikamente bei Erwachsenen mit Migräne üblicherweise eingesetzt werden, zeigt die folgende Tabelle:

WirkstoffDosierung pro Einnahme
ASS1000 mg
Diclofenac
50 bis 100 mg
Ibuprofen200 bis 600 mg
Paracetamol1000 mg



Ob für Sie eher ein NSAR oder Paracetamol infrage kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Da NSAR auch die Blutgerinnung hemmen, können sie das Risiko für Blutungen erhöhen. Diese können leicht sein, wie zum Beispiel Nasen- oder Zahnfleischbluten. Manchmal können aber auch schwerwiegendere Blutungen auftreten, etwa im Magen-Darm-Trakt. Zudem können NSAR die Funktion der Magenschleimhaut beeinträchtigen. Für Menschen mit Magengeschwüren sind sie daher nicht geeignet.

Wer NSAR nicht verträgt, für den kann Paracetamol eine Alternative sein. Paracetamol ist im Allgemeinen gut verträglich. Für Menschen mit einer eingeschränkten Nierenfunktion ist es allerdings nicht geeignet. Weil das Medikament in höheren Dosierungen die Leber schädigen kann, ist es wichtig, die empfohlene Höchstdosis für gesunde Erwachsene von 4000 mg täglich nicht zu überschreiten.

Ausführliche Informationen über die Vor- und Nachteile verschiedener Schmerzmittel finden Sie in unseren Kurzantworten zum Thema Migräne.

Wie wirken Triptane?

Triptane wirken gegen Migräneanfälle, sind aber nicht zur vorbeugenden Einnahme gedacht. Triptane sind keine Schmerzmittel. Sie wirken auf einen chemischen Vorgang im Gehirn, was die Migränesymptome wie Schmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit lindert. Für alle Medikamente dieser Wirkstoffgruppe ist nachgewiesen, dass sie bei mehr als der Hälfte der Menschen mit Migräne helfen. Für Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung sind sie jedoch nicht geeignet, weil sie in seltenen Fällen die Blutgefäße verengen und den Blutdruck erhöhen können.

Derzeit sind sieben verschiedene Triptane erhältlich: Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan. Einige dieser Mittel gibt es in verschiedenen Darreichungsformen: als Tabletten, Kapseln, Nasenspray, Zäpfchen, Injektion oder als Schmelztablette, die unter die Zunge gelegt wird. Die meisten Triptane sind verschreibungspflichtig. Almotriptan und Naratriptan sind ohne Rezept in der Apotheke erhältlich, können aber auch verschrieben werden.

Wegen geringer chemischer Unterschiede sind Triptane zum Teil verschieden dosiert: So enthalten Sumatriptan-Tabletten 50 oder 100 mg Wirkstoff, Zolmitriptan-Tabletten dagegen 2,5 oder 5 mg. Triptane unterscheiden sich auch in ihrer Wirkdauer: Einige wirken schneller als andere, dafür hält deren Wirkung länger an. Wenn also ein Triptan die Migräne nicht so lindern kann wie erhofft, könnte es sich lohnen, ein anderes auszuprobieren. Auch wenn Triptane den meisten Menschen Erleichterung verschaffen, gibt es doch auch viele, denen sie nicht sehr helfen.

Als Nebenwirkungen können Benommenheit, Schwächegefühl, Missempfindungen wie Kribbeln, Wärme- oder Kältegefühl auftreten, manchmal auch leichte Übelkeit. Wenn Triptane Übelkeit auslösen, könnte es helfen, sie als Zäpfchen oder Spritze anzuwenden.

Über die Forschung zum Vergleich von Triptanen können Sie in einer Kurzantwort zu Triptanen bei Migräne mehr lesen.

Wie kann man Medikamente so einsetzen, dass sie nicht ihrerseits zu chronischen Kopfschmerzen führen?

Zu viele Kopfschmerz-Medikamente können chronische Kopfschmerzen verursachen. Als chronisch gelten Kopfschmerzen, wenn sie an mehr als 14 Tagen pro Monat auftreten. Wie es dazu kommen kann, ist unklar. Sind chronische Kopfschmerzen jedoch einmal da, entsteht leicht ein Teufelskreis: Eine Person nimmt mehr Medikamente, um die Kopfschmerzen zu lindern. Die Kopfschmerzen werden jedoch stärker, sobald sie weniger Mittel einsetzt – also nimmt sie wieder mehr davon. Stellen sich dadurch auf Dauer chronische Kopfschmerzen ein, wird sie wahrscheinlich Entzugserscheinungen wie heftigere Kopfschmerzen haben, wenn sie versucht, die Mittel abzusetzen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schätzen, dass 2 von 100 Menschen in Deutschland chronische Kopfschmerzen haben, weil sie zu häufig Schmerzmittel nehmen. Als häufige Anwendung gilt, wenn jemand an mehr als zehn Tagen im Monat Kopfschmerz-Medikamente einsetzt. Wer sie noch häufiger nimmt, riskiert, dass die Kopfschmerzen chronisch werden. Chronische Kopfschmerzen durch zu viele Schmerzmittel ähneln eher Migränebeschwerden als Spannungskopfschmerzen.

Menschen, die durch übermäßigen Schmerzmittelgebrauch chronische Kopfschmerzen entwickelt haben, müssen für eine Weile ganz damit aufhören, Medikamente zu nehmen. Dies ist für die Betroffenen nicht einfach, kann das Problem der Dauerkopfschmerzen aber lösen.

Zu lernen, die Migräne mit nicht zu vielen Medikamenten in den Griff zu bekommen, sodass chronische Kopfschmerzen erst gar nicht entstehen können, kann schwierig erscheinen. Es ist aber einen Versuch wert, Arzneimittel geringer zu dosieren und seltener anzuwenden. Auch andere Möglichkeiten zur Schmerzlinderung könnten helfen, wie beispielsweise Entspannungstechniken. Denn Medikamente können nur ein Teil der Lösung sein, wenn es darum geht, sich das Leben mit Migräne zu erleichtern.

Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)


Nächste geplante Aktualisierung: Juni 2015. Mehr darüber, wie unsere Gesundheitsinformationen aktualisiert werden, erfahren Sie in unserem Text „Gesundheitsinformation.de: Wie unsere Informationen entstehen“.


  • Letzte Aktualisierung: 20. Juni 2012 08:28
  • Erstellt am: 21. Januar 2009 13:33
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  • Quellen:

    Die IQWiG-Gesundheitsinformationen stützen sich auf Forschungsergebnisse aus der internationalen Literatur. Wir identifizieren die zuverlässigsten aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere aus sogenannten „systematischen Übersichten“. Darin werden wissenschaftliche Studien zum Nutzen und Schaden von Behandlungen und anderen Maßnahmen der Gesundheitsversorgung zusammenfassend analysiert, sodass Fachleute und Betroffene deren Vor- und Nachteile abwägen können. Mehr Informationen dazu, wie systematische Übersichten aufgebaut sind und warum sie die zuverlässigsten Belege liefern, finden Sie in unserer Rubrik „Geprüfte Medizin“. Außerdem lassen wir unsere Gesundheitsinformationen begutachten, um ihre medizinische und wissenschaftliche Korrektheit sicherzustellen.

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