Wie entscheide ich mich: Informationen bewerten
Viele gesundheitliche Entscheidungen lassen sich glücklicherweise ohne besondere Suche nach Informationen treffen. Doch gerade bei schweren Erkrankungen oder belastenden Therapien ist eine Entscheidung nicht immer einfach.
Wir haben hier Fragen zusammengestellt, die dabei helfen können, gesammelte Informationen abzuwägen, zu bewerten, um dann schließlich zu einer Entscheidung zu kommen, die für Sie persönlich am besten ist.
Karl und Peter: Dieselbe Diagnose, ganz verschiedene Situationen
Wir stellen hier an einem Beispiel vor, wie sich Informationen, die man über eine Krankheit gesammelt hat, sortieren lassen, um sie dann abzuwägen und zu bewerten.
In unserem Musterbeispiel haben Peter und Karl von ihren Ärzten die Nachricht bekommen, dass ihr Blutdruck zu hoch ist. Und sie haben schon das Rezept für ein Medikament gegen zu hohen Blutdruck (Fachbegriff: Hypertonie) in der Tasche.
Karl ist 50. Der 1,75 Meter große, 80 Kilogramm schwere Mann ist gesund. Aber sein Blutdruck liegt bei 145 zu 92 mmHg und ist damit leicht erhöht.
Peter ist ebenfalls 50. Er ist bei gleicher Größe 10 Kilogramm schwerer als Karl. Sein Blutdruck liegt bei 160 zu 100 mmHg. Und er raucht.
Für beide Männer ist die Aussicht, ab jetzt täglich Tabletten zu nehmen, keine angenehme Vorstellung. Es gilt zu entscheiden: Will ich Medikamente gegen den Bluthochdruck nehmen oder soll ich darauf verzichten?
Frage 1: Was passiert, wenn ich abwarte und nichts tue?
Hier sind die Informationen von Bedeutung, die man zum Verlauf der Erkrankung gesammelt hat. Er bezieht sich auf die Folgen, die mit einer Diagnose oder Krankheit verbunden sind. Ärztinnen und Ärzte sprechen in diesem Zusammenhang von Prognose. Um abschätzen zu können, welche Folgen eine Krankheit haben kann und wie häufig sie auftritt, benötigt man Informationen aus qualitativ guten Studien.
Karl und Peter
Bluthochdruck ist ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt. Das Risiko für einen Herzinfarkt lässt sich abschätzen:
Bezogen auf die nächsten 10 Jahre hat Karl ein Risiko von 4 %, einen Herzinfarkt zu erleiden, wenn sein Blutdruck so bleibt. Das heißt: Von 100 Männern wie Karl erleiden 4 einen Herzinfarkt. Oder andersherum: 96 von 100 Männern in einem ähnlichen Gesundheitszustand wie Karl erleiden keinen Herzinfarkt, auch wenn sie nichts unternehmen.
Für Peter liegt das Risiko in den nächsten 10 Jahren bei 23 %, weil sein Blutdruck deutlich höher liegt und weitere Risikofaktoren hinzukommen. Von 100 Männern wie Peter erleiden also 23 einen Herzinfarkt, 77 bleiben verschont, wenn sie weiter rauchen und auch sonst nichts an ihren persönlichen Risiken ändern.
Möglicherweise reicht es dann schon aus, zu wissen wie die eigene Prognose aussieht, um eine Entscheidung zu treffen: Entweder will man keine weitere Behandlung, weil einem die Erkrankung keine großen Sorgen bereitet – oder aber man will doch etwas tun.
Danach ist es wichtig, sich einen Überblick über die Möglichkeiten zu verschaffen, an der Prognose etwas zu ändern.
Frage 2: Welche Möglichkeiten habe ich, etwas dagegen zu tun?
Diese Frage zielt auf die Wahlmöglichkeiten ab, die bestehen. Welche weiteren Untersuchungen sind denkbar und was sind die Behandlungsoptionen?
Bei Bluthochdruck gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, die von verschiedenen Lebensstil-Änderungen bis zu einer Vielzahl von Medikamenten reichen. Eine Reihe von Vorschlägen finden Sie in unseren Informationen zu Bluthochdruck.
Frage 3: Was sind die Vor- und Nachteile der Behandlungsmöglichkeiten?
Diese Frage zielt auf Nutzen und Schaden einer Behandlung ab und was sich ändert, wenn ich nicht abwarte, sondern etwas unternehme:
- Welche Wirkung kann ich mir versprechen?
- Wann tritt die Wirkung ein?
- Wie lange hält die Wirkung an?
- Bei wie vielen Menschen hilft die Behandlung?
- Welche unerwünschten Wirkungen können auftreten?
- Bei wie vielen Menschen schadet die Behandlung?
- Wie groß ist der Aufwand: Kosten, Zeit, Krankenhausaufenthalte, Verzicht auf andere Dinge?
Karl und Peter
Der folgende Vergleich macht deutlich, dass für Peter dieselbe Behandlung einen deutlich größeren Nutzen bietet als für Karl. Hier beschreiben wir die Situation am Beispiel von Medikamenten gegen Bluthochdruck. Die Vorteile: Bestimmte Medikamente können das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.
Die Nachteile: Die Einnahme der Medikamente bedeutet Aufwand: Man muss täglich dran denken, regelmäßig zu Ärztin oder Arzt gehen, und gegebenenfalls in der Apotheke zuzahlen. Je nach Medikament gibt es auch ein Risiko für unerwünschte Wirkungen wie Husten, Kopfschmerzen oder Wassereinlagerungen.
Zur Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen sind auch Angaben zur Häufigkeit nötig, die die Tabelle unten am Beispiel der Behandlung mit einem Bluthochdruck-Medikament aus der Gruppe der Diuretika zeigt. Eine Behandlung kann das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung um etwa 30 % senken. Dies hat aber für Karl und Peter eine ganz andere Bedeutung. Weil sich ihr Risiko unterscheidet, fällt der mögliche Nutzen einer Behandlung sehr unterschiedlich aus: Von 100 Männern wie Karl, die das Medikament nehmen, wird in den nächsten 10 Jahren einer vor einem Herzinfarkt bewahrt. Von 100 Männern wie Peter werden hingegen 7 vor einem Herzinfarkt bewahrt. Auch hier weiß man nicht, wer diese Männer sein werden.
| Karls Risiko, in den nächsten 10 Jahren einen Herzinfarkt zu haben | |||
| Ohne Medikament | Mit Medikament | Differenz | |
| Risiko für einen Herzinfarkt | 4 von 100 | 3 von 100 | 1 von 100 |
| Risiko für Abbruch der Behandlung wegen unerwünschter Wirkungen | – | 7 von 100 | 7 von 100 |
Peters Risiko, in den nächsten 10 Jahren einen Herzinfarkt zu haben | |||
| Ohne Medikament | Mit Medikament | Differenz | |
| Risiko für einen Herzinfarkt | 23 von 100 | 16 von 100 | 7 von 100 |
| Risiko für Abbruch der Behandlung wegen unerwünschter Wirkungen | – | 7 von 100 | 7 von 100 |
Frage 4: Wie schätze ich Für und Wider der verschiedenen Behandlungen für mich persönlich ab?
Spätestens hier wird es individuell. Wissenschaftliche Studien können hier keine Antwort geben. Denn was einem Sorgen macht, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Und auch wie man Nachteile und Nebenwirkungen bewertet, hängt von der persönlichen Einschätzung ab.
Normalerweise muss man bei einer Behandlung bereit sein, Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, wenn man von einer Wirkung profitieren will. Typischerweise treten Nebenwirkungen allerdings nur bei einigen Menschen auf, bei anderen wiederum nicht. Wenn Nebenwirkungen auftreten, die sehr unangenehm sind, lassen sie sich in der Regel dadurch beenden, dass man die Behandlung einfach wieder abbricht. Nebenwirkungen, die bleibende Schäden hinterlassen, sind selten.
Karl und Peter
Hier lassen wir offen, wie sich die beiden entscheiden. Möglicherweise informiert sich der eine erst einmal weiter über Alternativen, weil ihm die Aussicht auf einen Nutzen nicht ausreicht, um dauerhaft ein Medikament einzunehmen. Und weil er lieber eine andere Behandlung für sich ausprobieren möchte. Vielleicht ist der andere derzeit beruflich oder privat so stark eingebunden, dass für ihn ein Medikament erst einmal die beste Wahl ist – und er sich später um andere Behandlungsmethoden kümmert.
Warum wir hier darauf verzichten, eine konkrete Empfehlung zu geben, was das Richtige in diesem Beispiel ist, lesen Sie hier.
Frage 5: Fühle ich mich ausreichend informiert, um entscheiden zu können?
Möglicherweise stellt sich heraus, dass die so aufbereiteten Informationen doch noch nicht ausreichen, um eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht gibt es noch einen Aspekt, der Ihnen wichtig ist, den Sie aber noch nicht beurteilen können. An dieser Stelle gibt es noch einmal die Möglichkeit, sich auf die gezielte Suche nach den fehlenden Informationen zu machen.
Oder Sie sprechen zum zweiten Mal mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Sie können ebenfalls einen weiteren Arzt oder Ärztin aufsuchen und so vielleicht mehr Sicherheit bekommen. Auch Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen sind eine Möglichkeit.
Wichtig ist es zudem, sich nicht unnötig unter Druck zu setzen oder setzen zu lassen: Gerade wenn es um chronische Erkrankungen, Früherkennung oder Vorsorge geht, kann man sich oft Zeit lassen. Außerdem haben Sie ebenfalls die Möglichkeit, erst einmal eine vorläufige Entscheidung zu treffen, die Sie jederzeit überdenken können.
Weitere Informationen
Wie Sie die Informationen in einem vorgeschalteten Schritt sammeln können, beschreiben wir hier:
Wie entscheide ich mich: Informationen sammeln
Zusätzlich erfahren Sie, wie wir diese Themen auf Gesundheitsinformation.de berücksichtigen:
Wie entscheide ich mich: Wie kann Gesundheitsinformation.de helfen?
Eine weitere Hilfe, die sie sich als PDF-Datei laden oder ausdrucken können:
Entscheidungshilfe zum Thema Behandlungsalternativen
Eine Entscheidungshilfe ist eine besonders aufgebaute Patienteninformation. Sie kann Ihnen helfen, verschiedene Sachverhalte sowie Ihre Einstellungen und Werte gegeneinander abzuwägen.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Letzte Aktualisierung: 02. Februar 2012 14:45
- Erstellt am: 13. Januar 2012 15:34
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