Typ-1-Diabetes: Sind langwirksame Insulinanaloga besser als herkömmliche langwirksame Insuline?

Vater und Sohn

Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass langwirksame Insulinanaloga den langwirksamen Humaninsulinen überlegen sind. Auch fehlen Langzeitstudien, die untersuchen, welche Folgen die Anwendung von Insulinanaloga über viele Jahre hat.

Menschen mit Typ-1-Diabetes sind darauf angewiesen, Insulin zu spritzen, da bei ihnen die Bauchspeicheldrüse kaum oder gar kein Insulin mehr bilden kann. Ist der Blutzuckerspiegel bei Diabetes über lange Zeit zu hoch, steigt das Risiko für Folgeerkrankungen. Bei Menschen mit Diabetes können insbesondere die kleinen Blutgefäße geschädigt werden. Dies macht sich vor allem an den Augen, an den Nieren und an Nerven bemerkbar. Die Nervenschäden betreffen insbesondere die Empfindungsnerven in den Beinen und Füßen sowie das Nervensystem, das die Funktionen innerer Organe im Körper reguliert. Dadurch werden zum Beispiel das Verdauungssystem und die Herzfunktion beeinträchtigt.

Menschen mit Typ-1-Diabetes spritzen heute das Insulin meist mit Hilfe eines sogenannten Insulinpens. Dies ist eine feine Spritze, die einem Füller mit Patrone ähnelt und mehrfach verwendet werden kann. In der Regel müssen Menschen mit Typ-1-Diabetes mehrmals täglich Insulin spritzen. Wenn der Blutzucker bei Menschen mit Typ-1-Diabetes dauerhaft in den empfohlenen Bereich gesenkt wird, kann dadurch auch das Risiko für Spätfolgen gesenkt werden. Mehr über die Behandlung von Diabetes erfahren sie in unserem Spezial.

Verschiedene Insulinarten

Menschen mit Diabetes haben mittlerweile die Wahl zwischen verschiedenen Insulinarten. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen und Rindern gewonnen. Danach setzte sich künstlich hergestelltes sogenanntes Humaninsulin durch. Das biotechnisch hergestellte Humaninsulin ist in der Grundstruktur mit dem menschlichen Insulin identisch. Die meisten Menschen mit Diabetes verwenden heute Humaninsulin. Tierisches Insulin wird mittlerweile in vielen Ländern einschließlich Deutschland nur noch selten verwendet.

Außerdem gibt es die sogenannten Insulinanaloga, von denen seit Mitte der 1990er Jahre mehrere zugelassen sind. Insulinanaloga sind ebenfalls künstlich hergestellte Insuline, bei denen aber im Unterschied zu Humaninsulinen die chemische Grundstruktur verändert wurde. Diese Veränderungen sollen vor allem beeinflussen, wie rasch die blutzuckersenkende Wirkung nach der Injektion einsetzt und wie lange sie anhält: Langwirksame Insulinanaloga wurden entwickelt, um gleichmäßiger zu wirken als die langwirksamen Humaninsuline und damit stark schwankende Blutzuckerspiegel zu verhindern.

Insuline werden nach ihrer Wirkungsdauer in drei Hauptgruppen eingeteilt: kurzwirksame, mittellang wirksame und langwirksame Insuline. Kurzwirksame Insuline werden zur schnellen und nur kurzfristig benötigten Blutzuckersenkung eingesetzt, zum Beispiel direkt vor einer Mahlzeit. Mittellang- und langwirksame Insuline setzt man ein, um den Körper mit einer Mindestmenge an Insulin zu versorgen, die immer benötigt wird. Diese Menge wird auch als Grundbedarf des Körpers bezeichnet, die Insulindosis dafür ist die sogenannte "Basalrate".

Bei den Insulinanaloga sind derzeit zwei langwirksame Präparate in Deutschland auf dem Markt: Insulin Glargin (Handelsname "Lantus") und Insulin Detemir (Handelsname "Levemir"). Beide Insulinanaloga wurden entwickelt, um länger und gleichmäßiger zu wirken als vergleichbare langwirksame Humaninsuline. Diese Insulinanaloga können wie die Humaninsuline auch in Kombination mit anderen Diabetesmedikamenten (oralen Antidiabetika bei Typ-2-Diabetes) oder kurzwirksamen Insulinen eingesetzt werden.

Bewertung langwirksamer Insulinanaloga

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – der Herausgeber dieser Website – hat im Auftrag des Gemeinsamen Bundessausschusses untersucht, wie gut langwirksame Insulinanaloga Menschen mit Typ-1-Diabetes helfen. Das IQWiG wurde dabei von Forscherinnen und Forschern der Medizinischen Universität Graz unterstützt.

Sie suchten nach randomisierten kontrollierten Studien, in denen eine Gruppe von Patientinnen und Patienten Insulinanaloga anwendete und eine andere Humaninsulin. Bei dieser Art von Studien werden die Teilnehmenden zufällig einer Gruppe zugeteilt, die Gruppen unterschiedlich behandelt und anschließend miteinander verglichen. Warum diese Art von Forschung wichtig ist, können Sie hier nachlesen. Die Studien sollten alle mindestens 24 Wochen dauern. Ausgewertet wurden Forschungsarbeiten, in denen untersucht wurde, ob bei Insulinanaloga starke Unterzuckerungen (Hypoglykämien) seltener oder häufiger waren als bei der Anwendung von Humaninsulinen. Solche Unterzuckerungen können akute oder auch langfristige Schäden verursachen. Mehr zu Anzeichen einer Unterzuckerung finden Sie hier.

Außerdem suchten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach Studien, in denen geprüft wurde, wie sich die Anwendung der unterschiedlichen Insuline auf die Lebensqualität auswirkt und / oder ob durch die Insulinanaloga weniger oder mehr Folgeerkrankungen und Todesfälle auftraten. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen interessierten sich auch für Forschungsarbeiten, in denen die beiden Insulinanaloga auch direkt miteinander verglichen wurden.

Die Forschergruppe fand 12 geeignete Studien mit insgesamt rund 4300 erwachsene Patientinnen und Patienten und 5 Studien mit ungefähr 1300 Kindern und Jugendlichen. In den allermeisten Studien (15 von 17 Studien) wurde der Nutzen von Humaninsulin mit dem Nutzen eines Insulinanalogons verglichen. In 8 dieser Studien verwendeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Insulin Glargin, in 7 der Studien wurde Insulin Detemir verwendet. Zwei Untersuchungen bei Erwachsenen verglichen Insulin Glargin und Insulin Detemir direkt miteinander.

In den Studien mit Erwachsenen dauerte die Behandlung meistens zwischen 6 und 12 Monate, in einer Studie (mit Insulin Detemir) über 2 Jahre. Bei den Studien mit Kindern und Jugendlichen lag die Beobachtungsdauer bei 4 der Studien zwischen 6 und 7 Monaten, nur eine Studie mit Insulin Detemir hatte eine Behandlungsdauer von 12 Monaten. Zu den Auswirkungen einer langfristigen Behandlung mit Insulinanaloga auf die Folgekomplikationen des Diabetes mellitus fand die IQWiG-Forschergruppe weder für Kinder und Jugendliche noch für Erwachsene Studien.

Kein wissenschaftlicher Nachweis für Zusatznutzen der Insulinanaloga

Die Behandlung mit Humaninsulin erfolgte in einigen Studien nicht so, wie es in Deutschland üblich ist und empfohlen wird. Das heißt, die Spritzhäufigkeit wurde von den Betroffenen nicht immer an die individuelle Situation angepasst. Die Ergebnisse aus diesen Studien waren deshalb nicht auf die Behandlungssituation in Deutschland übertragbar.

Folgekomplikationen und Lebenserwartung

Die IQWiG-Forschergruppe konnte nicht beurteilen, ob sich die verschiedenen Insulinarten unterschiedlich auf Folgeerkrankungen und die Lebenserwartung auswirken. Dazu fehlten Studien, die die Teilnehmenden über viele Jahre beobachtet haben. Auch gibt es keine Daten dazu, ob Menschen, die Insulinanaloga anwenden, auf Grund von Problemen häufiger oder seltener in einem Krankenhaus behandelt werden müssen als Menschen, die Humaninsulin anwenden.

Unterzuckerungen

Alle Studien untersuchten, wie sich die verschiedenen Insulinarten auf den HbA1c-Wert und das Auftreten von Unterzuckerungen auswirken. Der HbA1c-Wert im Blut gibt einen Hinweis auf die Einstellung des Blutzuckers in den letzten drei Monaten. Da ein niedriger Blutzuckerspiegel das Risiko für Unterzuckerungen erhöht, wurde die Häufigkeit der Unterzuckerungen immer gemeinsam mit dem HbA1c-Wert betrachtet. Nur so konnte man beurteilen, ob bei einer vergleichbaren Blutzuckereinstellung in beiden Studiengruppen die Behandlung das Risiko für eine Unterzuckerung erhöht oder senkt.

In den Studien wurden die Insulinanaloga einmal täglich (Insulin Glargin) oder ein- bis zweimal täglich verabreicht (Insulin Detemir) und jeweils mit einem langwirksamen Humaninsulin verglichen. Das Ergebnis: Insgesamt liefern weder die Studien mit Erwachsenen noch die Studien mit Kindern einen wissenschaftlichen Nachweis, dass Menschen, die Insulinanaloga anwenden, seltener Unterzuckerungen haben als Menschen, die Humaninsulin benutzen. Zwar hatten in einer Studie mit Erwachsenen die Patienten, die mit Insulin Detemir behandelt wurden, weniger schwere Unterzuckerungen als die mit Humaninsulin behandelten, insbesondere nachts. Da Insulin Detemir jedoch in den Studien anders angewendet wurde als dies in Deutschland empfohlen wird, kann man dieses Ergebnis nicht auf die Situation in Deutschland übertragen. Leichte Unterzuckerungen traten bei beiden Insulinarten etwa gleich häufig auf.   

Die zwei Insulinanaloga Detemir und Glargin wurden auch direkt miteinander verglichen. In den jeweiligen Studien wendeten die ausschließlich erwachsenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Insulin Detemir zweimal täglich und Insulin Glargin einmal täglich an. Aber auch in diesen Studien konnte nicht nachgewiesen werden, dass bei der Anwendung eines der beiden Insulinanaloga seltener Unterzuckerungen auftreten.

Lebensqualität und Therapiezufriedenheit

In drei Studien wurde untersucht, ob sich die verschiedenen Insulinarten unterschiedlich auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Erwachsenen auswirken. Dies zeigte sich jedoch nicht. Auch bezüglich der Zufriedenheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Behandlung zeigten sich keine Unterschiede.

Sonstige unerwünschte Wirkungen


Die IQWiG-Forschergruppe betrachtete, wie sich die Insuline auf weitere mögliche Komplikationen auswirken. Die Studien geben einen Hinweis, dass Insulin Detemir bei Erwachsenen häufiger zu Hautreaktionen an der Einstichstelle führt. Menschen, die Insulin Detemir anwendeten, nahmen wiederum etwas weniger an Gewicht zu als Menschen, die Humaninsulin anwendeten. Im Durchschnitt waren dies 0,7 Kilogramm bei den Erwachsenen. Auch die Kinder und Jugendlichen nahmen etwas weniger zu, wenn sie Insulin Detemir anwendeten. Warum die mit Insulin Detemir behandelten Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer weniger an Gewicht zunahmen, weiß man nicht. Daher bleibt auch unklar, ob dies mit Vor- oder Nachteilen verbunden ist.

Wenn Menschen während einer Therapie unangenehme Nebenwirkungen erleben oder sie sich überfordert fühlen, steigt eventuell die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Therapie abbrechen. In den Studien brachen Menschen, die Insulinanaloga anwendeten, weder seltener noch häufiger die Behandlung ab als Menschen, die Humaninsulin anwendeten.

Langzeituntersuchungen nötig

Wie sich Insulinanaloga auf die Lebenserwartung und auf die bei Diabetes möglichen Folgekomplikationen auswirken, lässt sich derzeit nicht sagen. Auch ist nicht geklärt, wie sicher Insulinanaloga auf Dauer sind. Die Studien, die es zu diesen Fragen gibt, sind nicht lang genug, auch die Anzahl der Studienteilnehmenden war bisher zu klein. Es sind also dringend größere und umfangreichere Untersuchungen nötig, vor allem, um mehr über die Langzeitsicherheit von Insulinanaloga zu erfahren. Beim Insulinanalogon Insulin Glargin gibt es Verdachtsmomente, dass der Wirkstoff das Wachstum von Krebszellen fördern könnte. Diese Vermutung wird von Wissenschaftlern aus aller Welt sehr unterschiedlich bewertet und noch kontrovers diskutiert. Um sicher zu klären, ob tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Insulin Glargin und dem Wachstum von Krebszellen besteht, bedarf es weiterer Forschung. Mehr zu diesem Thema können Sie hier lesen.


Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)


Hinweis

Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de.


  • Letzte Aktualisierung: 10. Mai 2011 14:14
  • Erstellt am: 07. September 2010 15:41
  • Quellen:

    Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Langwirksame Insulinanaloga zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ 1. Abschlussbericht A05-01. Version 1.0. Köln. Februar 2010. [Volltext]

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