Nach einem Schlaganfall: Lohnt sich eine Behandlung mit Dipyridamol und ASS?

Foto mit Mann im Garten

Eine Kombination aus Dipyridamol und ASS führt häufiger zu unerwünschten Wirkungen und Komplikationen als Clopidogrel oder ASS allein. Dass das Kombinationspräparat gegenüber Clopidogrel oder ASS allein Vorteile hat, ist nicht nachgewiesen.

Zu einem Schlaganfall kommt es, wenn Teile des Gehirns nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden können. Ein häufiger Grund hierfür ist ein verstopftes Blutgefäß im Gehirn. Medizinisch spricht man von einem ischämischen Schlaganfall (Ischämie = Minderdurchblutung). Ein Schlaganfall kann sich durch verschiedene Symptome äußern wie Lähmungen oder Probleme beim Sprechen oder Schlucken. Mehr zu den Anzeichen eines Schlaganfalls finden Sie hier.

Ein verstopftes Blutgefäß kann verschiedene Ursachen haben. Beispielsweise können Veränderungen in der Gefäßwand zu einem Gefäßverschluss führen. Dies wird Arteriosklerose oder umgangssprachlich auch Gefäßverkalkung genannt. Ein Gefäßverschluss kann aber auch durch ein Blutgerinnsel verursacht werden, das sich in einem anderen Teil des Körpers gebildet hat. Ein solches Blutgerinnsel kann durch den Blutkreislauf ins Gehirn wandern und dort ein Gefäß verschließen. Ungefähr 8 von 10 Schlaganfällen sind ischämische Schlaganfälle, deren Hauptursache ein verstopftes Blutgefäß im Gehirn ist (80 %).

Eine seltenere Ursache von Schlaganfällen sind Hirnblutungen. Sie können zum Beispiel auftreten, wenn im Gehirn die Wand eines Blutgefäßes geschädigt wird und Blut in das Gewebe austritt. In dieser Information beschäftigen wir uns nur mit ischämischen Schlaganfällen. Schlaganfälle, die durch Hirnblutungen verursacht werden, werden anders behandelt.

Nach einem Schlaganfall: Was Sie tun können, um weiteren Problemen vorzubeugen

Wer einen Schlaganfall hatte, trägt ein höheres Risiko für einen weiteren Schlaganfall. So bekommen etwa 40 von 100 Menschen, die einen ischämischen Schlaganfall überstanden haben, innerhalb von zehn Jahren einen weiteren Schlaganfall (40 %). Innerhalb der ersten sechs Monate ist das Risiko besonders hoch. Aber auch andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte treten häufiger auf, wenn jemand bereits einen Schlaganfall hatte.

Man kann einiges tun, um erneuten Schlaganfällen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen. Zum einen kann man bestimmte Risiken meiden, zum Beispiel indem man das Rauchen aufgibt oder bei Übergewicht das Gewicht reduziert. Zum anderen kann die regelmäßige Einnahme von gerinnungshemmenden Medikamenten das Risiko für weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Diese Medikamente werden umgangssprachlich auch als „Blutverdünner“ bezeichnet.

Es gibt mehrere Arten von Gerinnungshemmern: beispielsweise Antikoagulantien und Plättchenhemmer. Antikoagulantien sind Medikamente, die bei Menschen mit einem besonders hohen Risiko für einen Schlaganfall eingesetzt werden. Hierzu gehören häufig Menschen mit Vorhofflimmern – einer bestimmten Form von Herzrhythmusstörungen – oder Menschen mit künstlichen Herzklappen.

Am häufigsten werden jedoch bei Menschen, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hinter sich haben, Plättchenhemmer zur Gerinnungshemmung eingesetzt. In dieser Information geht es nur um die Wirkung von Plättchenhemmern. Mehr über Blutgerinnung allgemein können Sie hier nachlesen.

Plättchenhemmer: mehrere Alternativen stehen zur Auswahl

Die am häufigsten verwendeten Plättchenhemmer sind Medikamente mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS). Mit diesem Wirkstoff gibt es viel Erfahrung und es ist bekannt, dass er das Risiko für Folgeerkrankungen eines Schlaganfalls senken kann. Ein anderer Plättchenhemmer ist Clopidogrel. Mehr über diesen Wirkstoff können Sie hier lesen.

Plättchenhemmer können auch unerwünschte Wirkungen haben – insbesondere Blutungen. Leichte Blutungen wie Nasenbluten sind in der Regel nicht problematisch. Es kann aber auch zu schwerwiegenden Nebenwirkungen wie starken Magen-Darm-Blutungen kommen, die rasch behandelt werden müssen. Was bei der sicheren Anwendung von gerinnungshemmenden Medikamenten zu beachten ist, können Sie hier nachlesen.

Seit längerem gibt es einen weiteren Plättchenhemmer, der zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach einem Schlaganfall eingesetzt werden kann: Dipyridamol. Der Wirkstoff ist hierzu in Deutschland nur in Kombination mit ASS zugelassen. Der Handelsname für dieses Kombinationspräparat ist Aggrenox®. Wo die Vor- und Nachteile dieses Mittels liegen, hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) untersucht – der Herausgeber dieser Website.

Studien zur Kombination von Dipyridamol und ASS

Das IQWiG hat gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Bremen und des Instituts für klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte Studien zur Anwendung von Dipyridamol und ASS nach einem Schlaganfall ausgewertet. Die Wissenschaftlergruppe wertete nur sogenannte randomisierte kontrollierte Studien aus, da sie die zuverlässigsten Ergebnisse liefern. Wie solche Studien durchgeführt wurden, können Sie hier nachlesen.

Insgesamt fand die Wissenschaftlergruppe nach einer ausführlichen Recherche sechs Studien. Drei dieser Studien haben die kurzfristige Behandlung mit dem Kombinationspräparat nach einem Schlaganfall über einen Zeitraum von bis zu 30 Tagen untersucht. An diesen Studien nahmen allerdings insgesamt nur circa 700 Personen teil.

Die anderen drei Studien untersuchten die langfristige Behandlung mit Dipyridamol und ASS über einen Zeitraum von bis zu viereinhalb Jahren. An diesen Studien nahmen mehr als 28.000 Menschen teil. Die Vergleichsbehandlung in diesen Studien bestand entweder aus einer Behandlung mit Clopidogrel, mit ASS allein oder einem Placebo (einer Scheinbehandlung).

Die Ergebnisse: Schlechte Bilanz für das Kombinationspräparat

Kurzfristige Behandlung mit Dipyridamol und ASS: Nutzen unklar, größerer Schaden nachgewiesen

Die Studien zur kurzfristigen Behandlung konnten nicht zeigen, dass eine Kombination aus Dipyridamol und ASS Vorteile hat: Sie machten weitere Schlaganfälle oder Herzinfarkte nicht weniger wahrscheinlich und führten auch nicht dazu, dass weniger Menschen starben als unter den jeweiligen Vergleichsbehandlungen.

Ein klares Ergebnis zeigten die Studien bei den unerwünschten Wirkungen: Dipyridamol plus ASS schnitt schlechter ab als ASS allein. So hatten die Studienteilnehmenden, die das Kombinationspräparat nahmen, häufiger unerwünschte Wirkungen wie etwa Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Außerdem kam es mit dem Kombinationspräparat häufiger zum Abbruch der Therapie als bei ASS allein.

Langzeitbehandlung mit Dipyridamol und ASS: Keine Vorteile gegenüber Clopidogrel oder ASS allein, aber mehr unerwünschte Wirkungen

Die Studien zur Langzeitbehandlung zeigten keine Vorteile des Kombinationspräparats gegenüber den anderen Plättchenhemmern – also gegenüber Clopidogrel oder ASS allein. Die Kombination aus Dipyridamol und ASS führte aber häufiger zu unerwünschten Wirkungen und Komplikationen, auch im Vergleich zu Clopidogrel oder ASS allein. So trat bei 38 von 1000 Personen, die Dipyridamol plus ASS nahmen, eine schwere Blutung auf (3,8 %) – während dies bei 34 von 1000 Personen, die ASS oder Clopidogrel nahmen, der Fall war (3,4 %). Schwere Blutungen sind zum Beispiel solche, die im Gehirn auftreten, im Auge einen Sehverlust verursachen oder sogar zum Tod führen können. Menschen, die das Kombinationspräparat nahmen, brachen die Behandlung zudem häufiger ab.

Insgesamt zeigt die Auswertung der Studien, dass die Kombination von Dipyridamol und ASS weder in der Kurz- noch in der Langzeitbehandlung Vorteile gegenüber Clopidogrel oder ASS allein hat. Sie führt jedoch häufiger zu unerwünschten Wirkungen oder Komplikationen.

Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)


Hinweis

Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de.


  • Letzte Aktualisierung: 30. August 2011 13:22
  • Erstellt am: 10. August 2011 11:09
  • Quellen:

    Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Dipyridamol + ASS zur Sekundärprävention nach Schlaganfall oder TIA. Abschlussbericht A09-01. Version 1.0. Köln: IQWiG. Februar 2011. [Volltext]

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