Grippe: Helfen antivirale Grippemittel wie Tamiflu und welche Nebenwirkungen haben sie?
Antivirale Grippemittel können dafür sorgen, dass die mit einer Grippe verbundenen Beschwerden etwas früher abklingen. Sie wirken jedoch nur, wenn man sie innerhalb von 48 Stunden nach Erkrankungsbeginn einnimmt. Außerdem können sie Übelkeit und andere unerwünschte Wirkungen hervorrufen.
Die Influenza ("Grippe") ist eine Infektion der oberen Atemwege. Fast alle, die an Grippe erkranken, erholen sich innerhalb von einer Woche wieder. Husten und Krankheitsgefühl können aber noch ein bis zwei Wochen danach anhalten. Kinder, ältere und ernsthaft erkrankte Menschen haben allerdings ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf der Infektion und für Komplikationen, wie zum Beispiel eine Lungenentzündung (Pneumonie). Weil die Infektion vor allem in diesen Risikogruppen häufig auftritt, sterben an Grippe-Komplikationen jedes Jahr Tausende von Menschen. Das Risiko für ansonsten gesunde Menschen, an einer der verbreiteten Influenza-Arten zu sterben, ist sehr gering.
Influenza kann eine Vielzahl von Beschwerden hervorrufen, darunter Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, starke Abgeschlagenheit, Kopf- und Halsschmerzen, Husten und eine verstopfte Nase. In unserem Spezial finden Sie mehr zur Grippe und anderen Atemwegsinfektionen.
Wie antivirale Medikamente wirken und wie sie eingesetzt werden
Die Influenza wird durch Viren verursacht. Viele andere Infektionskrankheiten werden von Bakterien verursacht und können mit Antibiotika wirksam behandelt werden. Bei der Grippe können Antibiotika gegen die auslösenden Influenza-Viren jedoch nichts ausrichten. Medikamente, die die Vermehrung der Viren im Körper bekämpfen, nennt man Virostatika oder antivirale Medikamente. Gegen Influenza wurden vier antivirale Mittel entwickelt. Drei davon sind in Deutschland zugelassen. Sie sind alle verschreibungspflichtig.
Die beiden älteren Medikamente Amantadin (Handelsname Symmetrel) und Rimantadin (in Deutschland nicht zugelassen) richten sich nur gegen Viren der so genannten Typ-A-Influenza. Zwei neuere Mittel bekämpfen sowohl die Typ-A als auch die Typ-B-Influenza. Dabei handelt es sich um Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza). Diese neueren Medikamente gehören zur Klasse der Neuraminidaseinhibitoren – das bedeutet, sie hemmen ein Protein (Neuraminidase), das das Virus braucht, um sich im Körper vermehren zu können. Oseltamivir (Tamiflu) ist als Tablette erhältlich, Zanamivir (Relenza) in Form von Pulver, das mit einem Inhalator durch den Mund (nicht durch die Nase) eingeatmet wird.
Antivirale Medikamente müssen innerhalb von 48 Stunden nach Erkrankungsbeginn eingenommen werden, um eine Wirkung entfalten zu können. Da die Krankheit innerhalb von einer Woche abklingt, ist es für die Einnahme der Medikamente wahrscheinlich zu spät, wenn die Symptome bereits mehrere Tage bestehen. Tritt aber zum Beispiel ein Grippefall in der Familie auf, können die Angehörigen sie nehmen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Bei dieser Art der Anwendung spricht man von post-expositioneller Prophylaxe (oder vorbeugender Behandlung).
Ein Problem beim Einsatz antiviraler Grippemittel ist, dass sie nur gegen Influenzaviren wirken – nicht gegen die Vielzahl anderer Viren, die grippeähnliche Symptome auslösen können, wie zum Beispiel Erkältungsviren. Um zu bestimmen, ob Grippesymptome tatsächlich durch Influenza-Viren ausgelöst werden, benötigt man jedoch relativ aufwändige Laboruntersuchungen, die nicht routinemäßig eingesetzt werden. Der unsachgemäße Einsatz antiviraler Grippemittel kann dazu führen, dass Viren gegen die Mittel widerstandsfähig (resistent) werden.
Studien zur Wirksamkeit antiviraler Grippemittel
Wissenschaftler aus Italien, Australien und den USA haben nach klinischen Studien gesucht, in denen antivirale Grippemedikamente erprobt wurden. Sie fanden 53 Studien: 20 zu einem der neueren Mittel (Oseltamivir und Zanamivir) sowie 33 Studien, in denen Amantadin, Rimantadin oder beide untersucht wurden. Einige Studien prüften die vorbeugende Anwendung, einige die therapeutische und andere eine Mischung aus Vorbeugung und Therapie. Die Teilnehmer an diesen Studien waren zwischen 16 und 65 Jahre alt und, abgesehen von ihrer Grippe, gesund. An den Studien zu Tamiflu oder Relenza nahmen gut 12.000 Personen teil, an denen zu Amantadin und Rimantadin rund 27.000.
Forschungsergebnisse für Amantadin und Rimantadin
Amantadin und Rimantadin können die Fieberdauer bei einer Typ-A-Influenza um bis zu einen Tag verkürzen, wenn man sie innerhalb von 48 Stunden nach Beginn der Erkrankung einnimmt. Die Wissenschaftler empfehlen jedoch, sie nur ausnahmsweise einzusetzen. Zum einen werden Grippeviren gegen diese Medikamente recht schnell widerstandsfähig. Zum anderen haben sie zahlreiche unerwünschte Wirkungen: Amantadin verursacht zum Beispiel Übelkeit, Schlaflosigkeit und Halluzinationen. Die unerwünschten Wirkungen von Rimantadin sind weniger gut erforscht. Auch ob Amantadin oder Rimantadin bei einer Grippe Komplikationen verhindern können, ist nur unzureichend untersucht.
Forschungsergebnisse für Tamiflu und Relenza
Oseltamivir (Tamiflu) und Zanamivir (Relenza) können die Krankheitsdauer ebenfalls um ungefähr einen Tag verkürzen. Beide Medikamente senken nachweislich das Erkrankungsrisiko, wenn sie eingenommen werden, nachdem man engen Kontakt mit einem grippekranken Menschen hatte und bevor Krankheitssymptome auftreten. Die Schutzwirkung kann 60 bis 90 % erreichen, wenn der Kontakt zum Beispiel mit einem an Grippe erkrankten Angehörigen bestand. Menschen, die keinen direkten Kontakt mit Grippekranken haben, bieten sie jedoch kaum Schutz.
Ob Oseltamivir Komplikationen einer Grippe verhindern kann, ist unklar. Zwar gibt es einige Studien zu dieser Frage, der Hersteller von Oseltamivir hat diese jedoch nicht vollständig veröffentlicht. Eine Bewertung ist daher zurzeit nicht möglich. Für Zanamivir ist unzureichend untersucht, ob es das Risiko für Komplikationen senkt.
Die Nebenwirkungen der Medikamente ähneln sehr den Grippesymptomen. Oseltamivir führt häufig zu unerwünschten Wirkungen, vor allem Übelkeit. In Studien hatte – je nach Dosierung – mindestens eine weitere von 20 Personen, die Oseltamivir zur Vorbeugung einnahmen, mit Übelkeit zu tun (mindestens 5 %). Aus den Studien zu Zanamivir sind keine genauen Angaben zur Häufigkeit von unerwünschten Wirkungen verfügbar.
Einigen Berichten zufolge traten bei jungen Menschen nach der Einnahme von Oseltamivir (Tamiflu) oder Zanamivir (Relenza) psychische Veränderungen auf; es soll Fälle von Selbsttötungen gegeben haben. Diese Ereignisse sind selten und bislang ist nicht sicher, ob sie tatsächlich durch das Medikament ausgelöst wurden. Die US-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA empfiehlt aber, bei der Anwendung der Mittel auf ungewöhnliche Verhaltensänderungen zu achten und sich gegebenenfalls an eine Ärztin oder einen Arzt zu wenden.
Einsatz der Mittel bei einer neuen Grippe wie der Vogel- oder Schweinegrippe
Sowohl Oseltamivir als auch Zanamivir sind in Fällen eingesetzt worden, in denen sich Menschen mit dem Vogelgrippe-Virus angesteckt hatten. Es ist aber noch nicht ausreichend untersucht, wie wirksam die Medikamente bei neuen Grippeviren sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Empfehlungen zum Umgang mit der Schweinegrippe herausgegeben. Sie rät, Oseltamivir oder Zanamivir bei schweren Erkrankungsverläufen und Menschen mit einem hohen Risiko für Folgeerkrankungen einzusetzen. Das Risiko für Komplikationen ist zum Beispiel bei Menschen mit bestimmten chronischen Krankheiten oder einem geschwächten Immunsystem erhöht. Näheres dazu können Sie hier lesen.
Für keines der beiden Medikamente konnte gezeigt werden, dass sie die Anzahl der Viren (Viruslast) in den Nasen von Grippekranken entscheidend beeinflussen. Dieser Befund ist wichtig, weil sich die Influenza meist durch virushaltige Tröpfchen aus der Nase überträgt. Daher sind Menschen, die diese Grippemedikamente einnehmen, wahrscheinlich genauso ansteckend wie Menschen, die die Mittel nicht einnehmen. Sie können das Virus also auch genauso verbreiten wie diese. Der wichtigste Ratschlag bei einem Grippeausbruch bleibt daher darauf zu achten, dass sich die Infektion nicht weiter ausbreitet. Mehr dazu können Sie hier nachlesen.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Letzte Aktualisierung: 24. Februar 2010 17:19
- Erstellt am: 29. Januar 2008 10:00
- Historie: Liste anzeigen
- Quellen:
Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Neuropsychiatrische UAW unter Neuraminidasehemmern (Oseltamivir und Zanamivir). Deutsches Ärzteblatt 2008; 24. [Volltext]
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Jefferson T, Jones M, Doshi P, Del Mar C. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults: systematic review and meta-analysis. BMJ 2009; 339: b5106. [Volltext]
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