Merkblatt: Wenn die Geburt des Babys auf sich warten lässt
Die letzten Tage einer Schwangerschaft sind eine aufregende Zeit. Wenn der errechnete Geburtstermin überschritten ist, können die Tage vor der Geburt aber auch belastend werden. Freunde und Bekannte, die das Datum kennen, fragen nach, ob es denn „soweit ist“ oder „es schon Neuigkeiten gibt“. Auch die meisten Frauen können es kaum erwarten, ihr Baby zur Welt zu bringen – neun Monate sind schließlich eine lange Zeit. Viele werdende Eltern fangen zudem an, sich Sorgen zu machen, wenn der Geburtstermin überschritten ist. Solange keine besonderen Probleme auftreten, geht es dem Ungeborenen aber sehr wahrscheinlich gut.
Nur wenige Frauen bekommen ihr Kind genau zum errechneten Geburtstermin. Bei etwa 9 von 10 Frauen, die auf ihr Kind warten, setzen die Wehen aber spätestens zwei Wochen nach diesem Termin von selbst ein. Nur bei einer von 100 Frauen verzögert sich die Geburt um vier Wochen.
Eine späte Geburt schadet dem Säugling nur selten. Wenn der errechnete Geburtstermin bereits überschritten ist, wird der Arzt, die Ärztin oder Hebamme trotzdem häufiger überprüfen, ob es dem Ungeborenen gut geht – nur um sicher zu gehen. Während die Tage verstreichen, stellen sich der Schwangeren wahrscheinlich viele Fragen: Benötige ich zusätzliche Termine in der Arztpraxis oder bei meiner Hebamme? Welche Untersuchungen sind für mich und das Ungeborene sinnvoll? Wann kommt eine Geburtseinleitung infrage?
Ab wann dauert eine Schwangerschaft zu lange?
Sofern es der werdenden Mutter und dem Ungeborenen gut geht, besteht in der ersten Woche nach dem errechneten Termin kein erhöhtes Risiko für Komplikationen. Danach steigt das grundsätzlich sehr geringe Risiko, dass dem Kind etwas passiert, allerdings ein wenig.
Die Hauptrisiken einer Übertragung für das Ungeborene sind, dass der Mutterkuchen (Plazenta) seine Aufgaben allmählich nicht mehr richtig erfüllen kann, sich innerhalb der Gebärmutter eine Infektion bildet oder dass bei der Geburt unerwartete Probleme auftreten. Für die Schwangere bestehen weniger Risiken. Wird das Kind zu groß, kann es aber auch für sie Probleme geben.
Drei oder vier Wochen nach dem Geburtstermin sind fast alle Kinder geboren. Wenn ein Baby zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf die Welt gekommen ist, erhöht sich das Risiko, dass es stirbt, relativ stark. So spät findet eine Geburt aber nur selten statt, da sie spätestens zwei Wochen nach dem Termin bei fast allen Frauen eingeleitet wird.
Bei einer Geburtseinleitung werden die Wehen mit Hormonen oder anderen Methoden künstlich herbeigeführt. Wir erklären diese Verfahren weiter unten im Text genauer.
Wie wird der Geburtstermin geschätzt?
Es ist wichtig, den ungefähren Geburtstermin zu kennen, denn von dieser Schätzung hängen viele Entscheidungen ab – zum Beispiel, ob man sich über eine Geburtseinleitung Gedanken machen muss oder zusätzliche Untersuchungen nötig werden, aber auch, wann der Mutterschutz beginnt. Allerdings lässt sich der Geburtstermin nie ganz genau vorhersagen. Das Datum der Empfängnis kennen die wenigsten Frauen ganz genau. Außerdem dauert nicht jede Schwangerschaft gleich lange.
Es gibt unterschiedliche Methoden, um einzuschätzen, wie weit eine Schwangerschaft fortgeschritten ist. Dazu gehören vor allem zwei Verfahren: Bei dem einen wird der Geburtstermin anhand des Datums der letzten Periode errechnet, bei dem anderen wird die Größe des Ungeborenen mit einer Ultraschalluntersuchung in der frühen Schwangerschaft festgestellt.
Abschätzen des Geburtstermins anhand der letzten Periode
Die Dauer einer Schwangerschaft wird immer auf 40 Wochen oder 280 Tage geschätzt – auch wenn jede Frau und jede Schwangerschaft anders ist. Das Ausgangsdatum für diese 40 Wochen ist der erste Tag ihrer letzten Periode. Nicht jede Frau kann sich an diesen Tag erinnern. Zudem haben manche Frauen am Anfang ihrer Schwangerschaft zu dem Zeitpunkt, an dem ihre Periode normalerweise fällig gewesen wäre, noch eine leichte Blutung. Daher kann es vorkommen, dass Frauen bereits einige Wochen länger schwanger sind, als ihnen bewusst ist.
Hinzu kommt, dass der Abstand zwischen zwei Menstruationsblutungen nicht immer genau vier Wochen beträgt. Auch wenn die Empfängnis einige Tage später nach der Periode lag als bei der Berechnung des Geburtstermins angenommen, wird die Vorhersage nicht ganz genau stimmen.
Aufgrund der Fehler, die sich bei der Berechnung des Geburtstermins nach der letzten Periode einschleichen können, wird die Anzahl der späten Geburten leicht zu hoch geschätzt. Daher korrigieren Ärztinnen, Ärzte und Hebammen den auf diese Weise errechneten Geburtstermin manchmal anhand der Ergebnisse einer Ultraschalluntersuchung in der frühen Schwangerschaft.
Schätzung des Geburtstermins mittels Ultraschall
Beim Ultraschall (Fachbegriff: Sonografie) werden Schallwellen verwendet, die vom Körper des Ungeborenen zurückgeworfen und in ein Bild umgewandelt werden. So kann man sehen, was in der Gebärmutter (dem Uterus) passiert und wie groß das Kind ist. Von der Größe des Ungeborenen lässt sich auf das Schwangerschaftsalter schließen. Das Schwangerschafts- oder Gestationsalter besagt, wie lange die Schwangerschaft schon besteht.
In den ersten Wochen einer Schwangerschaft sind die Größenunterschiede zwischen Ungeborenen nur gering. Deshalb kann man mit einer Ultraschalluntersuchung innerhalb des ersten Trimesters (den ersten zwölf Wochen) der Schwangerschaft den Geburtstermin relativ gut einschätzen. Ganz genau ist aber auch die Ultraschalluntersuchung nicht, denn die Größe des Kindes wird nicht nur davon beeinflusst, wie lange die Schwangerschaft schon besteht.
In Deutschland wird normalerweise jeder Frau zwischen der neunten und zwölften Woche ihrer Schwangerschaft eine Ultraschalluntersuchung angeboten. Einer der Gründe dafür ist, dass man auf diese Weise frühzeitig feststellen kann, seit wann eine Frau schwanger ist. Wenn die Schätzung des Geburtstermins anhand der Ultraschalluntersuchung stark vom Datum der letzten Periode abweicht, wird der Arzt, die Ärztin oder Hebamme das Datum wahrscheinlich entsprechend anpassen.
Wie wird untersucht, ob es dem Ungeborenen gut geht?
Bestimmte Untersuchungen können der Hebamme, der Ärztin oder dem Arzt dabei helfen, mögliche Probleme für Mutter und Kind festzustellen. Wenn der Geburtstermin überschritten ist, werden wahrscheinlich mehr Beratungsgespräche und Untersuchungen angeboten als vorher. Bei einer Terminüberschreitung sind zwei Termine pro Woche üblich. Zu den Untersuchungen gehören ein sogenanntes Ruhe-Kardiotokogramm (Ruhe-CTG oder Non-Stress-Test) und ein Ultraschall. Mithilfe eines Ruhe-CTGs kann der Herzschlag des Ungeborenen elektronisch überwacht werden. Die Ultraschalluntersuchung dient dazu, die Größe des Kindes und die Fruchtwassermenge zu bestimmen. Möglicherweise wird auch auf Anzeichen für eine Infektion untersucht, insbesondere wenn Fruchtwasser ausgetreten ist. Außerdem wird manchmal eine Testreihe eingesetzt, die als „biophysikalisches Profil“ bezeichnet wird. Dabei werden unter anderem die Bewegungen des Kindes gezählt.
Bislang ist jedoch für keines dieser Untersuchungsverfahren nachgewiesen, dass es besser als andere geeignet wäre, mögliche Komplikationen einer späten Geburt festzustellen oder vorherzusagen. Die größten Risiken einer Terminüberschreitung für das Baby treten ohnehin erst während der Geburt auf. Wie sie verlaufen wird, lässt sich aber nicht vorhersagen. Aus diesem Grund besteht die übliche medizinische Vorgehensweise darin, ab einem bestimmten Zeitpunkt jede Schwangerschaft einzuleiten, auch wenn es der werdenden Mutter und dem Ungeborenen gut geht.
Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Geburtseinleitung?
Eine Geburtseinleitung wird in der Regel dann angeboten, wenn sich bei der Schwangeren oder dem Ungeborenen ein gesundheitliches Problem zeigt, das eine Geburt erforderlich macht – aber nicht so dringlich ist, dass ein Kaiserschnitt nötig wird.
Aber auch wenn es keine Anzeichen für Komplikationen gibt, wird wahrscheinlich nach einer gewissen Zeit eine Geburtseinleitung vorgeschlagen. Wenn der errechnete Geburtstermin bereits eine Woche überschritten ist, kann eine Einleitung das Risiko senken, dass das Kind stirbt. Dies gilt auch für Frauen, die gesund sind und keine Risikofaktoren haben. Eine Terminüberschreitung von einer Woche bedeutet, dass die 41. Woche der Schwangerschaft vollendet ist.
Studien haben gezeigt, dass eine Geburtseinleitung nach Ende der 41. Woche ungefähr 7 von 3000 Babys vor dem Tod um den Zeitpunkt ihrer Geburt herum bewahren kann. Die genauen Studienergebnisse können Sie im Text Überschreitung des Geburtstermins: Wann wird eine Geburtseinleitung nötig? nachlesen.
Was kann man selbst versuchen, um die Geburt in Gang zu bringen?
Es gibt viele traditionelle Methoden, mit denen Frauen versuchen, die Geburt auszulösen. Dazu gehören zum Beispiel lange Spaziergänge. Manche Frauen versuchen es auch mit Sex oder stimulieren ihre Brustwarzen – in der Hoffnung, dass die beteiligten Hormone die Wehen einleiten. Letzterem liegt die Theorie zugrunde, dass die Hormone in der Samenflüssigkeit des Mannes oder die Hormone, die eine Frau bei sexueller Erregung freisetzt, die Geburt eventuell anstoßen. Es ist allerdings nicht nachgewiesen, dass dies funktioniert.
Es wird auch eine Reihe von weiteren Mitteln eingesetzt, um eine Geburt in Gang zu bringen: Manche Frauen trinken Himbeerblätter-Tee, um den Muttermund weicher zu machen, andere setzen homöopathische Mittel oder Akupunktur ein. Ob diese Maßnahmen helfen oder eher schaden, ist bislang nur unzureichend untersucht.
Ein anderes traditionelles Mittel zur Weheneinleitung ist die Einnahme von Rizinusöl. Studien zeigen aber, dass das Öl Übelkeit auslösen kann. Außerdem sind weder die Sicherheit noch die Wirksamkeit ausreichend untersucht.
Wie wird eine Geburt medizinisch eingeleitet?
Ärztinnen und Ärzte setzen viele unterschiedliche Verfahren ein, um eine Geburt einzuleiten. Einer der ersten Schritte besteht häufig darin, den Muttermund auf die Geburt vorzubereiten. Der Muttermund (Portio) ist die Öffnung der Gebärmutter. Während der Schwangerschaft ist er fest verschlossen. Sobald sich der Körper auf die Geburt vorbereitet, sorgen Hormone dafür, dass der Muttermund weich wird und sich entspannt. Wenn er für die Geburt bereit ist, spricht man von einem „reifen“ Muttermund. Hormone, besonders die Prostaglandine, können zum Beispiel als Gel auf den Muttermund aufgetragen werden, um ihn reif werden zu lassen. Sie können auch verwendet werden, um die Wehen herbeizuführen.
Manchmal reichen diese Maßnahmen aus, um die Geburt anzustoßen. Setzt die Geburt danach noch immer nicht ein, werden weitere Hormone eingesetzt. Dabei handelt es sich entweder um Prostaglandine oder Oxytocin. Diese Mittel können eingenommen, als Tabletten oder Zäpfchen in die Scheide gegeben oder als Infusion über einen Tropf in die Armvene (sogenannter„Wehentropf“) zugeführt werden.
Unterstützend kann bei einsetzenden Wehen auch die Fruchtblase eröffnet werden. Dies wird auch als Amniotomie bezeichnet. Manchmal kann die Geburt auch in Gang gesetzt werden, indem die Fruchtwasserhülle um das Baby vorsichtig mit einem Finger von der Gebärmutterwand gelöst wird. Dies nennt man „Lösung des unteren Eipols“. Diese beiden Verfahren verursachen zwar nicht unbedingt Schmerzen, die meisten Frauen empfinden sie aber als unangenehm. Die Eröffnung der Fruchtblase kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Daher ist es wichtig, dass die Geburt danach relativ bald beginnt, denn ohne den Schutz des Fruchtwassers ist das Kind mehr Risiken ausgesetzt. Die Fruchtblase lässt sich durch einen schmerzlosen kleinen Schnitt öffnen.
Bei den meisten Frauen verursacht eine Geburtseinleitung keine ernsthaften Beschwerden. Dennoch können Nebenwirkungen auftreten: Bei Prostaglandin sind dies vor allem Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Oxytocin kann dazu führen, dass sich im Körper Wasser sammelt und andere Probleme im Flüssigkeitshaushalt entstehen, wie zum Beispiel ein niedriger Natriumspiegel.
Die Hebamme, die Ärztin oder der Arzt wird die Menge an Hormonen so anpassen, dass die Wehen so normal wie möglich ausfallen – also nicht in zu kurzen Abständen auftreten oder zu stark werden. Die eingeleitete Geburt soll nicht erzwungen werden, sondern möglichst wie eine spontane Geburt verlaufen.
Wie fühlt sich eine Geburtseinleitung an?
Die verschiedenen Maßnahmen zur Geburtseinleitung machen mehr vaginale Untersuchungen nötig als üblich. Dies kann unangenehm sein, aber alles in allem empfinden die meisten Frauen die zusätzlichen Behandlungs- und Untersuchungsschritte nicht als besonders belastend.
Manche Frauen befürchten, dass die Schmerzen einer eingeleiteten Geburt stärker sein könnten als bei einer von selbst einsetzenden Geburt. Die meisten Frauen, bei denen die Geburt eingeleitet wurde, berichten aber nicht über deutlich mehr Schmerzen als Frauen, die eine Spontangeburt hatten. In einigen Studien wurden Frauen gefragt, wie sie über ihre Geburtseinleitung denken. Die meisten antworteten, dass sie sich wieder dafür entscheiden würden, wenn sie noch einmal vor der Wahl stünden. Die Einleitung einer Geburt bedeutet auch nicht, dass danach alles ganz schnell geht. Viele Frauen sind überrascht, wie lange es von der Einleitung der Wehen bis zur eigentlichen Geburt dauert.
Es kann hilfreich sein, mit der Hebamme, der Ärztin oder dem Arzt darüber zu sprechen, welche Möglichkeiten einer Geburtseinleitung im Krankenhaus angeboten werden und welche Vor- und Nachteile sie haben. Eine Geburtseinleitung ist kein Notfall – meist ist ausreichend Zeit, sich mit dem Gedanken daran vertraut zu machen und Antworten auf alle Fragen zu erhalten.
Das Wichtigste im Zusammenhang mit einer Geburtseinleitung ist für die meisten Frauen wahrscheinlich die Erleichterung, endlich ihr Kind zur Welt bringen zu können. Denn die Zeit nach dem errechneten Geburtstermin kann mit Ängsten verbunden sein. Wenn die Geburt dann eingeleitet wird, tritt aber vermutlich schnell das Gefühl in den Vordergrund, jetzt bald ein Kind zu bekommen.
Herausgeber: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Nächste geplante Aktualisierung: Oktober 2015. Mehr darüber, wie unsere Gesundheitsinformationen aktualisiert werden, erfahren Sie in unserem Text „Gesundheitsinformation.de: Wie unsere Informationen entstehen“.
- Letzte Aktualisierung: 25. Oktober 2012 14:42
- Erstellt am: 24. September 2008 11:23
- Historie: Liste anzeigen
- Quellen:
Die IQWiG-Gesundheitsinformationen stützen sich auf Forschungsergebnisse aus der internationalen Literatur. Wir identifizieren die zuverlässigsten aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere aus sogenannten „systematischen Übersichten“. Darin werden wissenschaftliche Studien zum Nutzen und Schaden von Behandlungen und anderen Maßnahmen der Gesundheitsversorgung zusammenfassend analysiert, sodass Fachleute und Betroffene deren Vor- und Nachteile abwägen können. Mehr Informationen dazu, wie systematische Übersichten aufgebaut sind und warum sie die zuverlässigsten Belege liefern, finden Sie in unserer Rubrik „Geprüfte Medizin“. Außerdem lassen wir unsere Gesundheitsinformationen begutachten, um ihre medizinische und wissenschaftliche Korrektheit sicherzustellen.
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