Pflegepersonal in Krankenhäusern: Wirkt sich die Arbeitsbelastung auf die Gesundheit der Patienten aus?
In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Patienten spürbar erhöht, die das Pflegepersonal in deutschen Krankenhäusern zu betreuen hat. Bislang sind aber keine Schlussfolgerungen möglich, ob sich das auf die Qualität der medizinischen Versorgung in Deutschland auswirkt.
Oft wird das Gesicht eines Krankenhauses durch sein Pflegepersonal bestimmt. Doch bei der Frage der Arbeitsbelastung von Gesundheits- und Krankenpflegern geht es um mehr: Angesichts der Aufgaben, die die Pflegekräfte je nach Ausbildung und Einsatzgebiet zu erledigen haben, liegt die Vermutung nahe, dass ihre Belastung auch Einfluss auf die Versorgungsqualität eines Krankenhauses hat. Mit anderen Worten: Wenn ein Krankenhaus zu wenige Pflegekräfte beschäftigt, könnte die Überlastung des Personals theoretisch gesundheitliche Folgen für die Patienten haben. Eine grundsätzliche Frage für die Personalplanung aller Krankenhäuser ist deshalb, ob eine Mindestanzahl von Pflegekräften "pro Patient" vorhanden sein muss, um Nachteile zu vermeiden.
Auch in Deutschland ist diese Frage wichtig. Die etwa 2.150 deutschen Krankenhäuser haben in den letzten Jahren begonnen, die Zahl der Pflegekräfte zu verringern. Zwischen 1995 und 2004 hat die Zahl der Beschäftigten in der Pflege (umgerechnet auf Vollzeitkräfte) von über 350.000 auf 309.000 abgenommen. Gleichzeitig ist die Zahl der behandelten Patienten (genauer: Behandlungsfälle) angestiegen. Insgesamt hat sich das Verhältnis von Behandlungsfällen pro Jahr zur Zahl der Pflegekräfte zwischen 1995 und 2004 um fast 20 Prozent erhöht. Wobei sich aus diesem Verhältnis keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Belastung ziehen lassen, da die tägliche Arbeit einer Pflegekraft schon alleine je nach Einsatzgebiet - von der Intensivstation bis hin zu psychiatrischen Stationen - sehr unterschiedlich ausfallen kann.
Vor diesem Hintergrund haben Wissenschaftler des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) das Wissen zur Frage gesammelt und aufbereitet, ob sich die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals auf die Qualität der medizinischen Behandlung an Krankenhäusern auswirkt. Es ging also nicht um ambulante Pflege oder Pflege in Altenheimen. Das Ergebnis: Zuverlässige Anhaltspunkte, ab wann Pflegepersonal so überlastet ist, dass die Qualität beeinträchtigt wird, gibt es nicht. Die Forscher haben zwar insgesamt 17 Studien gefunden, die die Frage ansatzweise untersucht haben. Doch diese Studien stammten vor allem aus den USA, offenbar gab es zu dieser Frage keine belastbare deutsche Untersuchung.
Die Studien aus dem Ausland liefern zudem eher widersprüchliche Ergebnisse. Die Probleme beginnen damit, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, die Arbeitsbelastung einer Pflegekraft zu messen. In vielen Studien wurde als Vergleichsgröße "Pflegekräfte pro Patient" berechnet, andere haben "Pflegekräfte pro belegtem Bett" gewählt, sodass sich die Ergebnisse solcher Studien kaum untereinander vergleichen lassen. Das macht es auch unmöglich, eine sichere Erklärung zu finden, warum verschiedene Studien unterschiedliche Ergebnisse liefern. In einigen Vergleichen von US-Krankenhäusern zeigte sich zum Beispiel ein Zusammenhang zwischen Pflegebelastung und der Sterberate der Patienten: Je mehr Patienten eine Pflegekraft im Durchschnitt zu betreuen hatte, desto höher lag die Rate der Todesfälle in ihrer Klinik. In anderen Studien mit einer größeren Anzahl von Kliniken zeigte sich ein solcher Zusammenhang jedoch nicht.
Ähnlich uneinheitlich fielen die Ergebnisse von Studien aus, in denen typische Komplikationen untersucht wurden, von denen Patienten eines Krankenhauses betroffen sein können: Weder für verschiedene Infektionen noch für Lungenentzündungen oder Wundliegen (Dekubitus) zeichnete sich ein eindeutiger Zusammenhang ab. Möglicherweise liegt das daran, dass sich deutliche Nachteile erst bei extremer Überlastung der Pflegekräfte zeigen, solche Kliniken sich aber an den US-Studien erst gar nicht beteiligt haben.
Ohnehin sind Ergebnisse aus US-amerikanischen Krankenhäusern nicht unbedingt auf Deutschland übertragbar. Dazu sind die Arbeitsaufgaben und -bedingungen des Pflegepersonals zu unterschiedlich.
Insgesamt kommen die Wissenschaftler des IQWiG zu der Schlussfolgerung, dass es zwar in einigen US-Studien Hinweise darauf gibt, dass eine Überlastung der Pfleger die Gesundheit von Krankenhauspatienten beeinträchtigen kann. Es lassen sich aber keine Grenzwerte ableiten, wo Überlastung beginnt. Die wichtigste Erkenntnis dieser Bestandsaufnahme ist deshalb, dass durch geeignete Untersuchungen überprüft werden sollte, ob es in Deutschland einen Zusammenhang zwischen der Arbeitsbelastung der Pflegekräfte und der Qualität eines Krankenhauses gibt.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Hinweis
Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de.
- Letzte Aktualisierung: 10. Mai 2011 14:30
- Erstellt am: 27. Dezember 2006 11:35
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- Quellen:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Zusammenhang zwischen Pflegekapazität und Ergebnisqualität in der stationären Versorgung. Eine systematische Übersicht. Arbeitspapier. Version 1.0. Köln: IQWiG. August 2006. [Volltext]
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