Neurogene Blasenstörung: Helfen Medikamente mit L-Methionin?

Frau im Garten

Medikamente mit dem Wirkstoff L-Methionin sollen bei neurogenen Blasenstörungen helfen, zum Beispiel indem sie Infektionen an den Harnwegen vorbeugen und die Wirkung von Antibiotika unterstützen. Bislang sind die Mittel für diese Erkrankung jedoch kaum untersucht worden, so dass keine Aussagen zu ihren Vor- und Nachteilen möglich sind.

Die Muskeln der Blasenwand und die Schließmuskeln am Blasenausgang ermöglichen es uns, kontrolliert Wasser zu lassen und zu halten. Dazu müssen Muskeln und Nerven gut zusammenarbeiten und die Nervensignale vom Gehirn richtig verarbeitet werden. Wenn Nerven beschädigt sind, die die Funktion der Harnblase steuern, ist dieses Zusammenspiel gestört und es kann zu Problemen beim Wasserlassen und -halten kommen. Man spricht dann von einer neurogenen Blasenstörung oder neurogenen Blase. Hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.570.ru.html) finden Sie weitere Informationen über das Harnsystem.

Eine neurogene Blase kann viele Ursachen haben. Dazu gehören Verletzungen oder Erkrankungen an bestimmten Nerven, dem Rückenmark oder dem Gehirn. So können zum Beispiel Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie Multiple Sklerose, Parkinson, Schlaganfälle oder Demenz die Blasenfunktion stören. Auch ein Unfall oder angeborene Erkrankungen wie ein offener Rücken (Spina bifida) können die Nerven im Bereich des Rückenmarks schädigen.

Eine neurogene Blase kann verschiedene Beschwerden auslösen

Eine neurogene Blasenstörung kann zu ganz unterschiedlichen Beschwerden führen, je nachdem, wo die Ursache liegt und welche Nerven betroffen sind. Manchmal ist die Muskulatur der Blasenwand gelähmt. Die Blase kann sich dann nicht mehr zusammenziehen, so dass es nicht mehr oder nur noch schwer möglich ist, die Blase willentlich zu entleeren. Da auch der Harndrang fehlt, merken Betroffene nicht, wenn es Zeit ist, die Blase zu entleeren, so dass sie sich übermäßig füllt. Dadurch steigt der Druck in der Blase und der Urin fließt tröpfchenweise und unkontrolliert nach außen: die Harnblase „läuft über“.

Bei anderen Menschen hat die Nervenstörung den gegenteiligen Effekt: Die Muskulatur der Blasenwand ist dauerhaft angespannt und leicht reizbar, sodass sich die Blase schon bei kleinsten Urinmengen plötzlich heftig zusammenzieht und entleert. Dies äußert sich als ständiger Harndrang. Betroffene müssen sehr oft zur Toilette, scheiden aber nur kleine Mengen Urin aus und sind manchmal nicht mehr in der Lage, den Urin zu halten (Harninkontinenz).

Eine neurogene Blasenstörung kann auch dazu führen, dass das Zusammenspiel zwischen der Muskulatur der Blasenwand und den Schließmuskeln nicht mehr funktioniert. Während sich die Blase zusammenzieht, um Urin abzugeben, bleiben die Schließmuskeln angespannt, statt zu erschlaffen. Dies äußert sich durch häufigen Harndrang, wobei der Urin jedoch nur schwer und mit vielen Unterbrechungen ausgeschieden werden kann. Zugleich arbeiten die unterschiedlichen Muskeln unkoordiniert, so dass die Blase sich in regelmäßigen Abständen selbst entleert, ein Teil des Urins aber in der Blase verbleibt.

Neurogene Blasenstörungen können sehr belastend sein

Eine neurogene Blasenstörung kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Bereits ein normaler Einkauf kann zum Problem werden, wenn man immer wieder nach einer Toilette suchen muss. Zudem kann ein unkontrollierter Harnverlust zu unangenehmen Gerüchen führen. Menschen mit einer neurogenen Blasenstörung ziehen sich dann manchmal zurück und nehmen nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teil.

Ein anderes Problem ist, dass Betroffene nachts häufig auf Toilette müssen und daher immer wieder aufwachen. Sie sind dann tagsüber oft müde und den Alltag zu bewältigen fällt mitunter schwer. Gerade für Menschen mit Multipler Sklerose, die häufig mit einer neurogenen Blase zu tun haben, kann dies besonders unangenehm sein, da sie durch ihre Erkrankung ohnehin oft sehr müde sind.

Mögliche Komplikationen einer neurogenen Blase

Normalerweise werden Bakterien durch regelmäßiges Wasserlassen ausgespült, bevor sie sich im Harnsystem ansiedeln und vermehren können. Bei Menschen mit einer neurogenen Blasenstörung bleibt jedoch oft Harn in der Blase zurück. Dadurch haben sie häufiger mit Infektionen in der Blase, den Harnleitern oder dem Nierenbecken zu tun. Manchmal kann es auch zu einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung kommen. Daher werden Harnwegsinfektionen bei Menschen mit einer neurogenen Blase in der Regel sofort mit Antibiotika behandelt.

Dadurch, dass sich die Blase übermäßig füllt, entsteht ein hoher Druck in der Blase. Er kann dazu führen, dass sich der Urin in die Harnleiter und bis zum Nierenbecken zurückstaut. Durch diesen Druck können die Nieren geschädigt werden. Eine andere Komplikation von neurogenen Blasenstörungen sind Harnsteine, die sich in der Blase, den Harnleitern und der Niere bilden können. Sie können sich zum Beispiel durch Schmerzen und Blutspuren im Urin bemerkbar machen.

Behandlungsmöglichkeiten bei neurogenen Blasenstörungen

Es gibt viele Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit neurogenen Blasenstörungen. Zum einen lässt sich möglicherweise die Grunderkrankung behandeln und dadurch die mit der neurogenen Blasenstörung verbundenen Beschwerden lindern. Zum anderen kann man die Harnblase mit Hilfe eines Katheters regelmäßig leeren, um das Risiko für Infektionen gering zu halten. Um einen unfreiwilligen Harnabgang abzufangen, benutzen einige Männer auch beispielsweise sogenannte Kondom-Urinale, die kleinere Harnmengen auffangen.

Je nach Beschwerden gibt es auch verschiedene Medikamente zur Behandlung einer neurogenen Blase. Einige bewirken, dass sich die Blasenmuskulatur zusammenzieht, während andere dabei helfen, die Muskulatur der Blasenwand oder die Schließmuskeln zu entspannen. Antibiotika werden häufig eingesetzt, um Harnwegsinfektionen zu behandeln oder manchmal auch vorzubeugen.

Weitere Medikamente, die bei neurogenen Blasenstörungen verwendet werden, sind Präparate mit dem Wirkstoff L-Methionin. L-Methionin wird im Körper zu Schwefelsäure umgewandelt und mit dem Urin ausgeschieden. Daher wird der Harn sauer, wenn wir größere Mengen L-Methionin zu uns nehmen. Der saure Urin soll bei Harnwegsinfektionen helfen oder ihnen vorbeugen und die Bildung von Harnsteinen verhindern. Außerdem soll L-Methionin die Wirksamkeit von Antibiotika erhöhen, da einige Antibiotika ihre Wirkung in saurem Urin besser entfalten können. Neben Präparaten mit L-Methionin sind in Deutschland auch Medikamente mit Ammoniumchlorid zugelassen: einem weiteren Wirkstoff, der den Harn saurer macht.

Studien zu Medikamenten mit L-Methionin

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – dem Herausgeber dieser Website – wollten wissen, ob Menschen mit neurogenen Blasenstörungen von Medikamenten mit L-Methionin profitieren. Sie haben systematisch nach Studien gesucht und auch bei verschiedenen Herstellern von Präparaten mit L-Methionin nach bislang unveröffentlichten Daten gefragt. Dabei haben sie bei ihrer Bewertung nur sogenannte randomisierte kontrollierte Studien (RCT) berücksichtigt. Wie solche Untersuchungen aufgebaut sind und warum sie die zuverlässigsten Ergebnisse liefern, erklären wir hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.61.ru.html) .

Trotz umfassender Recherche konnte das IQWiG nur eine Studie mit 89 Teilnehmerinnen und Teilnehmern finden. Dort wurde untersucht, ob Medikamente mit dem Wirkstoff L-Methionin Harnwegsinfektionen besser verhindern als ein Scheinmedikament (Placebo). Die Teilnehmenden hatten neurogene Blasenstörungen aufgrund einer Rückenmarksverletzung. Sie nahmen L-Methionin in einer Dosierung von drei mal 1 Gramm pro Tag.

Erwünschte und unerwünschte Wirkungen bislang unklar

Aus verschiedenen Gründen konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG aus der Studie keine Vor- oder Nachteile von L-Methionin ableiten. Zum einen wurde in der Studie bereits eine „Harnwegsinfektion“ diagnostiziert, wenn sich im Urin eine bestimmte Anzahl von Keimen befand – auch wenn die Studienteilnehmenden gar keine Beschwerden hatten. Keime im Urin allein sind aber im Normalfall kein Grund für eine Behandlung. Zum anderen erlaubt es eine einzelne Studie mit geringer Teilnehmerzahl normalerweise nicht, sichere Aussagen zu treffen – insbesondere bei einer so vielschichtigen Erkrankung.

Dieses Ergebnis bedeutet, dass es bislang unklar ist, ob Medikamente mit dem Wirkstoff L-Methionin bei neurogenen Blasenstörungen helfen und ob sie gut verträglich sind. Daher ist mehr Forschung nötig, um die Vor- und Nachteile der Medikamente abschätzen zu können. Manche Menschen mit einer neurogenen Blase versuchen auch, ihre Beschwerden durch ein Blasentraining zu lindern. Wie ein solches Blasentraining funktioniert, können Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.706.ru.html) lesen.


Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)


Hinweis

Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de (URL: http://www.g-ba.de) .


  • Erstellt am: 30. November 2010 13:34
  • Letzte Aktualisierung: 02. Dezember 2010 13:32
  • Quellen:

    Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). L-Methionin bei Patienten mit neurogenen Blasenstörungen. Abschlussbericht A04-02. Version 1.0. Köln: IQWiG. Mai 2010. [Volltext (URL: http://www.iqwig.de/download/A04-02_Abschlussbericht_L-Methionin_bei_neurogenen_Blasenstoerungen.pdf) ]