Mittelohrentzündung: Können Antibiotika bei Säuglingen und Kleinkindern die Beschwerden lindern?
Eine Mittelohrentzündung klingt mit und ohne Behandlung normalerweise innerhalb weniger Tage von selbst ab. Bei Kindern unter zwei Jahren, deren beide Ohren entzündet sind, können Antibiotika die Heilung jedoch beschleunigen. Sie können auch helfen, wenn aufgrund der Entzündung Flüssigkeit aus den Ohren abgesondert wird.
Wie das Ohr funktioniert, erfahren Sie in einem zweiten Film.
Manchmal sammelt sich im Mittelohr soviel Entzündungsflüssigkeit, dass sich das Trommelfell durch den entstehenden Druck vorwölbt. Dadurch kann es beim Kind zu einer vorübergehenden Hörstörung kommen. Manchmal reißt das Trommelfell auch ein, und die Flüssigkeit ergießt sich aus dem Mittelohr nach außen ("Otorrhoe"). Ein solcher Riss heilt schnell ab, und meist geht auch die Infektion innerhalb von ein bis drei Tagen von selbst wieder zurück: Bei 8 von 10 Säuglingen (80 %) ist sie nach drei Tagen vollständig abgeklungen. Bei den übrigen bessern sich die Beschwerden normalerweise innerhalb von einer Woche. Manchmal werden Ohrinfektionen aber auch chronisch.
Die medizinische Bezeichnung für eine akute Mittelohrentzündung lautet "akute Otitis media" (AOM). Bei Säuglingen ist sie einer der häufigsten Gründe für einen Arztbesuch: Jedes Jahr werden etwa 30 % der Kinder unter drei Jahren wegen einer Mittelohrentzündung ärztlich untersucht (das entspricht 3 von 10 Kleinkindern). Bis zum Alter von drei Monaten hat eins von 10 Babys (10 %) bereits einmal eine Mittelohrentzündung gehabt. Ausführliche Informationen über die akute Mittelohrentzündung, ihre Behandlung und Vorbeugung finden Sie in unserem Spezial.
Als Mittelohr bezeichnet man den Bereich unmittelbar hinter dem Trommelfell und vor dem Innenohr. Im Hohlraum des Mittelohrs sind die Gehörknöchelchen verankert, die so genannten Ossikel (Hammer, Amboss und Steigbügel). Die Schallwellen, die das Trommelfell erreichen, werden von hier in das Innenohr übertragen, wo sie vom Hörorgan in "Botschaften" umgewandelt und an das Gehirn gesendet werden. Mehr darüber, wie das Ohr funktioniert, finden Sie hier.
Entstehung und Behandlung der akuten Mittelohrentzündung
Der Hohlraum im Mittelohr (Paukenhöhle) ist normalerweise mit Luft gefüllt. Seine Wände sind mit einer dünnen Schleimhaut ausgekleidet. Kommt es zu einer Infektion, kann sie sich entzünden und anschwellen. Zusätzlich kann sich Flüssigkeit in der Paukenhöhle ansammeln (Paukenerguss). Normalerweise fließt die Flüssigkeit aus dem Mittelohr über die Ohrtrompete (Eustachische Röhre) in den hinteren Bereich des Nasen-Rachen-Raums ab. Wenn kleine Kinder aber erkältet sind oder eine andere Infektion im Nasen- und Rachenraum haben, kann die Infektion sehr schnell die Ohrtrompete hinaufwandern und diese zuschwellen lassen. Eine akute Mittelohrentzündung erkennt man an plötzlich einsetzenden starken Ohrenschmerzen, Fieber und verminderter Hörfähigkeit.
Da eine akute Mittelohrentzündung so schnell von selbst abklingt, ist das Schlimmste meist schon überstanden, wenn Eltern ihr Kind zur Ärztin oder zum Arzt bringen. Deshalb bedeutet eine andere als eine rein schmerzlindernde Behandlung bei den meisten Kindern wahrscheinlich keinen großen Unterschied mehr. Häufig angewendete Behandlungen bei akuter Mittelohrentzündung sind Schmerzmittel (Analgetika), abschwellende Nasensprays oder -tropfen sowie Antibiotika. Nasensprays sind nur als kurzfristige Maßnahme geeignet. Antibiotika können bei bakteriellen Infektionen helfen, sie können aber auch unerwünschte Wirkungen haben. Über weitere Aspekte des richtigen Gebrauchs von Antibiotika können Sie sich hier informieren.
Forschung zu Antibiotika bei akuter Mittelohrentzündung
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane Collaboration haben nach Studien gesucht, die zeigen könnten, welcher Stellenwert Antibiotika in der Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern mit akuter Mittelohrentzündung zukommt. Sie fanden zehn randomisierte kontrollierte Studien zur Antibiotikabehandlung bei insgesamt fast 2800 Säuglingen und Kleinkindern im Alter zwischen einem Monat und 15 Jahren.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollten wissen, wie sich Antibiotika nach einem bis sieben Tagen Behandlung auf Fieber und Schmerzen auswirken. Sie untersuchten auch, ob bei den Kindern, die Antibiotika erhielten, seltener Komplikationen auftraten, zum Beispiel eine Beeinträchtigung des Hörvermögens, ein Übergreifen der Entzündung auf das andere Ohr oder eine Ausbreitung auf den knöchernen Warzenfortsatz hinter dem Ohr. Außerdem fragten sie nach unerwünschten Wirkungen.
Antibiotika sind in den meisten Fällen nicht sinnvoll
Die Cochrane-Wissenschaftlergruppe stellte fest, dass Antibiotika die Genesung von der Mittelohrentzündung bei vielen Kindern nicht beschleunigen konnten. Die Schmerzen der Kinder waren mit Antibiotika innerhalb von 24 Stunden nicht schneller abgeklungen als ohne diese Medikamente. Im Verlauf einer Woche konnten Antibiotika den Zeitraum mit Schmerzen geringfügig verkürzen. Bei 4 von 5 Kindern (80 %) klangen die Schmerzen aber ohnehin innerhalb weniger Tage von selbst ab. Eine Übergreifen der Entzündung auf das andere Ohr oder eine Beeinträchtigung des Hörvermögens waren bei den Kindern mit AOM, die Antibiotika genommen hatten, genauso selten wie bei den Kindern ohne Antibiotika. Bei nur einem der fast 2800 untersuchten Kinder kam es trotz Antibiotikaeinnahme zu einer Entzündung des knöchernen Warzenfortsatzes hinter dem Ohr; in der Gruppe der Kinder, die keine Antibiotika einnahmen, trat keine solche Komplikation auf.
Allerdings kann es sein, dass Antibiotika bei bestimmten Risikogruppen Komplikationen eher vorbeugen können. Es ist möglich, dass die Zahl der in den zehn Studien untersuchten Kinder noch zu klein war, um solche Risikogruppen zu identifizieren und seltene Komplikationen ausreichend zu erfassen.
Bei der Untersuchung der unerwünschten Wirkungen fanden die Cochrane-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler heraus, dass bei den Kindern, die Antibiotika eingenommen hatten, häufiger Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Hautausschlag auftraten. Während bei den mit Antibiotika behandelten Säuglingen und Kindern 16 von 100 (16 %) mindestens eine dieser unerwünschten Wirkungen hatten, traten sie bei nur 12 von 100 (12 %) der Säuglinge und Kinder auf, die kein Antibiotikum genommen hatten.
Eine weitere Forschergruppe suchte nach Studien, die der Frage nachgegangen waren, ob bestimmte Gruppen von Kindern stärker von Antibiotika profitieren können als andere. Dies bestätigte sich für zwei Gruppen von Kindern: Kinder unter zwei Jahre mit einer Entzündung beider Ohren und Kinder aller Altersgruppen mit eitrigem Ausfluss aus dem Ohr – Symptome, die auf bakterielle Infektionen hinweisen, die sich mit Antibiotika gut behandeln lassen. Nach drei bis sieben Tagen zeigte sich: Von den unter zweijährigen Kindern mit beidseitiger akuter Mittelohrentzündung hatten ohne Antibiotika noch 55 von 100 (55 %) Schmerzen oder Fieber, mit Antibiotika nur 30 von 100 (30 %). Das bedeutet, dass Antibiotika einem von vier betroffenen Kleinkindern helfen konnten. Auch Kinder mit eitrigem Ausfluss profitierten von den Medikamenten: Ohne Antibiotika hatten noch 60 von 100 Kindern (60 %) Fieber oder Schmerzen, mit Antibiotika dagegen nur 24 von 100 (24 %). Einem von drei Kindern mit eitrigem Ausfluss konnten die Antibiotika also helfen.
Fazit
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass Antibiotika bei Kindern unter zwei Jahren mit beidseitiger akuter Mittelohrentzündung und / oder eitriger Otorrhoe wahrscheinlich von Nutzen sind. Bei anderen Kindern könnte es dagegen am besten sein, einen oder zwei Tage abzuwarten, ob sich die Beschwerden von selbst bessern, und dann zu entscheiden, ob Antibiotika eingesetzt werden. Dies hilft, unerwünschte Wirkungen zu vermeiden. Zudem können Schmerzmittel die Beschwerden rascher lindern als Antibiotika. Eine ärztliche Nachkontrolle ist bei dieser Methode des "aufmerksamen Abwartens" sinnvoll.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Letzte Aktualisierung: 13. Oktober 2011 08:17
- Erstellt am: 03. Juli 2008 14:16
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