Migräne: Reichen Schmerzmedikamente mit Acetylsalicylsäure (ASS) oder sind Mittel gegen Übelkeit eine sinnvolle Ergänzung?
Medikamente mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS oder „Aspirin“) können bei Migräneanfällen helfen. Wenn Migräneattacken mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen, können zusätzliche Mittel diese Beschwerden weiter verringern.
Migräne ist eine anfallartig auftretende Kopfschmerzerkrankung. Typisch sind heftige, plötzlich einsetzende Kopfschmerzen, die normalerweise nur eine Kopfseite betreffen. Ein Migräneanfall kann zwischen vier Stunden und drei Tagen anhalten und mit Übelkeit und Erbrechen verbunden sein. Manche Menschen sind während einer Migräneattacke ungewöhnlich empfindlich für Geräusche und Licht. Es gibt auch Personen, die vor oder während einer Migräneattacke „Auren“ haben – beispielsweise Lichtblitze oder andere Sehstörungen. Mehr über die unterschiedlichen Arten von Kopfschmerzen und über die Anzeichen einer Migräne erfahren Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.480.de.html) .
Viele Menschen sind von Migräne betroffen, Frauen häufiger als Männer: In Deutschland haben 14 von 100 Frauen und 8 von 100 Männern damit zu tun. Mehr als eine von vier Frauen (25 %) hat mindestens einmal in ihrem Leben eine Migräneattacke. Die genauen Ursachen sind nicht bekannt. Eine Theorie besagt, dass bei Migräne entzündliche Vorgänge an den Blutgefäßen im Gehirn eine Rolle spielen. Nachgewiesen ist dies allerdings nicht. Möglicherweise ist auch von Bedeutung, wie Schmerzsignale im Gehirn verarbeitet werden. Ausführliche Informationen über Migräne bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen finden Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/migraene.583.56.de.html) .
Migräne kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Medikamente gegen Migräne oder Kopfschmerzen können die damit verbundenen Beschwerden lindern – es ist aber wichtig, sie mit Bedacht einzusetzen. Denn bei schätzungsweise 2 von 100 Menschen mit Kopfschmerzen in Deutschland (2 %) führt der zu häufige Gebrauch von Kopfschmerzmedikamenten seinerseits zu chronischen Kopfschmerzen.
Mittel gegen Migräne
Einige Menschen finden, dass es ihnen bei einem akuten Migräneanfall schon hilft, sich in einen dunklen, ruhigen Raum zurückzuziehen und sich auszuruhen. Viele bedecken die schmerzende Kopfseite mit einem Kühlelement oder einem feuchten Tuch. Und es sind auch verschiedene Medikamente erhältlich:
- Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Acetylsalicylsäure (ASS, der Wirkstoff in "Aspirin"), Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen; sowie Paracetamol
- Speziell gegen Migräne entwickelte Medikamente (Triptane)
- Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen (Antiemetika) wie Metoclopramid oder Domperidon, die ergänzend zu Migräne- oder Schmerzmitteln genommen werden
Mehr zu Medikamenten bei Migräne und speziell zu Triptanen erfahren Sie in unserem Merkblatt (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/merkblatt-medikamente-zur-migraenebehandlung-bei-erwachsenen.493.de.html) .
Medikamente mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure (kurz ASS) wirken schmerzstillend und entzündungshemmend. Sie sind zur Behandlung von leichten bis mittelstarken Schmerzen in der Apotheke ohne Rezept erhältlich. Die Dosis bei gesunden Erwachsenen beträgt üblicherweise 1 bis 2 Tabletten (circa 500 bis 1000 mg) pro Einnahme.
ASS wirkt auch gerinnungshemmend, weshalb es das Risiko für Blutungen erhöht. Außerdem kann es Magenbeschwerden hervorrufen. Bei Kindern und Jugendlichen sollte ASS nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden, weil hier das Risiko einer seltenen, aber gefährlichen Nebenwirkung besteht („Reye-Syndrom“).
Migräne kann mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen. Dies ist sehr unangenehm und könnte auch die Wirksamkeit der Schmerzmittel beeinträchtigen: Wenn sie erbrochen werden, nimmt der Körper deren Wirkstoff möglicherweise nicht vollständig auf. Einige Menschen nehmen bei Migräne zusätzlich Antiemetika gegen Übelkeit und Erbrechen ein.
Forschung zu ASS und Medikamenten gegen Übelkeit bei Migräne
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration – einem internationalen Forschungsnetzwerk – haben geprüft, wie gut ASS alleine oder in Kombination mit Mitteln gegen Übelkeit und Erbrechen (Antiemetika) bei Migräne hilft. Sie suchten nach Studien, in denen die Medikamente entweder mit einem Scheinmedikament (Placebo) oder einem anderen Migränemedikament verglichen wurden. Mehr dazu, wie gute Studien aufgebaut sind und warum streng vergleichbare Teilnehmergruppen wichtig sind, finden Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/gepruefte-medizin.61.de.html) . Die Forschungsgruppe schaute, wie sehr die Medikamente die Schmerzen kurzfristig besserten und ob die Wirkung über 24 Stunden anhielt. Sie prüfte auch, wie sehr die Medikamente andere Symptome beeinflussten, die mit Migräne im Zusammenhang stehen. Zu diesen zählen vor allem Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
Die Forschergruppe schloss 13 Studien mit insgesamt rund 4200 Teilnehmenden in ihre Bewertung ein. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren im Durchschnitt zwischen 34 und 44 Jahren alt. Alle hatten seit mindestens zwölf Monaten regelmäßig Migräne. ASS wurde in den Studien in den Dosierungen 900 und 1000 mg angewendet.
ASS lindert Kopfschmerzen
ASS im Vergleich mit Placebo
Die Studien belegen, dass ASS kurzfristig die Kopfschmerzen lindern oder ganz aufheben kann:
- 24 von 100 Menschen, die ASS einnahmen, waren nach zwei Stunden schmerzfrei (24 %).
- 11 von 100 Menschen, die ein Placebo einnahmen, waren nach zwei Stunden schmerzfrei (11 %).
Das bedeutet anders ausgedrückt, dass ASS nach zwei Stunden die Schmerzen bei 13 von 100 Personen ganz aufheben konnte. Auch wenn die Schmerzen bei vielen Menschen kurzfristig nicht ganz weggingen, machte es ASS im Vergleich zu einem Placebo wahrscheinlicher, dass die Kopfschmerzen nach zwei Stunden schwächer waren. Auch die Begleitsymptome Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit besserten sich durch ASS. Ob die Teilnehmenden Brausetabletten oder normale Tabletten einnahmen, machte keinen Unterschied.
ASS mit und ohne Medikament gegen Übelkeit und Erbrechen
Die Forschungsarbeiten zeigen: Wenn man zusätzlich zu ASS ein Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen einnimmt (Antiemetikum), kann dies helfen, diese Symptome besser zu lindern als ASS alleine. ASS alleine half zwar auch gegen Übelkeit – in Studien, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusätzlich ein Antiemetikum einnahmen, waren Übelkeit und Erbrechen jedoch deutlich seltener. Die Mittel mit dem Wirkstoff Metoclopramid wurden in den Studien zeitgleich mit ASS eingenommen. Auf die Schmerzen hatten die Antiemetika auch in Kombination mit ASS kaum Einfluss. Ob die Behandlung andere Symptome wie Licht- und Geräuschempfindlichkeit beeinflusst, wurde nicht untersucht.
ASS im Vergleich mit anderen Migränemitteln
Die Forschungsgruppe konnte ASS nur mit Sumatriptan vergleichen, einem Mittel aus der Gruppe der Triptane. Zu anderen Mitteln fand sie nicht ausreichend Vergleichsstudien. In zwei Studien wurde ASS 1000 mg mit Sumatriptan 50 mg verglichen. Eine Stunde nach Einnahme zeigte sich: ASS 1000 mg linderte die Kopfschmerzen etwas besser als Sumatriptan 50 mg. Nach zwei Stunden war zwischen den beiden Gruppen jedoch kein Unterschied mehr festzustellen.
Zwei weitere Studien verglichen ASS 900 mg plus Metoclopramid (Wirkstoff gegen Übelkeit und Erbrechen) mit Sumatriptan 100 mg. Nach zwei Stunden hatten Teilnehmende, die Sumatriptan 100 mg genommen hatten, etwas weniger Kopfschmerzen als diejenigen, die ASS angewendet hatten. Allerdings führte Sumatriptan auch häufiger zu unerwünschten Wirkungen, wie beispielsweise Benommenheit und Schwindel.
Etwas höher dosiertes Sumatriptan (100 mg) scheint daher bei migränebedingten Kopfschmerzen effektiver zu sein als ASS, allerdings sind auch unerwünschte Wirkungen wahrscheinlicher. ASS wiederum ist kurzfristig etwas effektiver als Sumatriptan 50 mg.
Wahl der Medikamente
Offen bleibt, wie gut ASS im Vergleich zu anderen Medikamenten wie beispielsweise Ibuprofen, Paracetamol oder anderen Triptanen hilft. Besonders, wenn eine Attacke sehr schmerzhaft ist, verwenden viele Menschen auch mehrere Medikamente, um sie zu meistern. Wie sinnvoll dies ist, hat die Forschergruppe in dieser Analyse jedoch nicht untersucht.
Welche Mittel die Beschwerden im Einzelfall am besten lindern, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem von der Stärke der Schmerzen und persönlichen Präferenzen: Wer in erster Linie eine rasche Linderung seiner Beschwerden möchte, greift vielleicht eher zu schnell wirkenden Mitteln. Manche könnten denken, dass die Stärke der Wirkung wichtiger ist, auch wenn sie später einsetzt. Andere wiederum könnten Wert darauf legen, dass die Wirkung möglichst lange anhält. Welches Mittel für Sie das passende ist, können Sie mit einer Ärztin, einem Arzt oder in der Apotheke besprechen. Dies ist insbesondere dann hilfreich, wenn Sie oft mit Migräne zu tun haben.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Erstellt am: 12. August 2010 11:37
- Letzte Aktualisierung: 12. August 2010 12:59
- Quellen:
Die IQWiG-Gesundheitsinformationen stützen sich auf Forschungsergebnisse aus der internationalen Literatur. Wir identifizieren die zuverlässigsten aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere aus sogenannten „systematischen Reviews“. Darin werden wissenschaftliche Studien zum Nutzen und Schaden von Behandlungen und anderen Maßnahmen der Gesundheitsversorgung zusammenfassend analysiert, sodass Fachleute und Betroffene deren Vor- und Nachteile abwägen können. Mehr Informationen dazu, wie systematische Reviews aufgebaut sind und warum sie die zuverlässigsten Belege liefern, finden Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/gepruefte-medizin.61.de.html) . Außerdem bitten wir stets die Autorinnen und Autoren der zentralen systematischen Reviews, auf denen unsere Informationen beruhen, um ihre Unterstützung, um die medizinische und wissenschaftliche Korrektheit unserer Produkte sicherzustellen.
Kirthi V, Derry S, Moore RA, McQuay HJ. Aspirin with or without an antiemetic for acute migraine headaches in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 4. [PubMed-Zusammenfassung (URL: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20393963) ]