Insulintherapie
Es gab Zeiten, in denen das Leben von Menschen mit Diabetes streng reglementiert war. Inzwischen haben sich diese Vorschriften aber wesentlich gelockert, weil die Therapie mit Insulin sehr viel flexibler geworden ist. Wer Diabetes hat, kann heute weitgehend selbst über seine Therapie entscheiden und darüber, wie er sie in seinen Alltag einbaut. Der Umgang mit Diabetes erfordert immer noch einiges an Aufwand und Sorgfalt, was nicht immer leicht fällt. Aber Diabetes muss nicht alle Aspekte des Lebens bestimmen, und viele Menschen mit Diabetes fühlen sich gar nicht mehr als Kranke.
Hier erfahren Sie Details darüber, wie die Behandlung mit Insulin heute aussehen kann und welche Erfahrungen Menschen damit machen. Ein kurzer Film (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.268.de.html) und ein Merkblatt (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.258.de.html) fassen wichtige Punkte noch einmal zusammen. Hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.259.de.html) können Sie auch Erfahrungsberichte von Menschen mit Diabetes lesen sowie Kurzantworten auf wissenschaftliche Fragen. Weitere Informationen über Diabetes mellitus werden in Zukunft auf Gesundheitsinformation.de zu lesen sein.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Inhaltsverzeichnis
- Insulin und Diabetes
- Leben mit Insulin und mit Diabetes
- Was ist Diabetes?
- Typ-1- und Typ-2-Diabetes
- Ernährung, Glukose und Stoffwechsel
- Insulin und Vermeidung von Schäden durch Diabetes
- Wirkungen des Insulins
- Überzuckerung und ihre Folgen
- Vermeiden von Unterzuckerung
- Formen der Insulinbehandlung
- Formen der Insulintherapie
- Unterschiedliche Wirkdauer
- Typ-2-Diabetes und Insulin
- Intensivierte Insulintherapie
- Abstand zwischen Spritzen und Essen
- Insulintypen
- Tierisches Insulin, Humaninsulin und Insulinanaloga
- Vergleich: tierische Insuline – Humaninsulin
- Vergleich: Humaninsulin – Insulinanaloga
- Die verschiedenen Arten der Insulinzufuhr
- Herkömmliche und neue Möglichkeiten der Insulinzufuhr
- Spritzen und Insulinpens
- Insulinpumpen
- Inhalatives Insulin
- Quellen
1. Insulin und Diabetes
1. Insulin und Diabetes
1.1. Leben mit Insulin und mit Diabetes
Kurt (47 Jahre alt)
„Durch die sehr gute Betreuung der Fachleute bin ich recht schnell wieder fit geworden. Sie haben mich auch menschlich sehr gut betreut. Ich habe gelernt, wie man den Alltag mit Spritzen und Messen meistert. Das hat relativ schnell und gut funktioniert. Es gibt viel Schlimmeres auf der Welt als Diabetes. Ich lebe jetzt seit 20 Jahren damit und es ist kein Problem für mich.“
Man kann Diabetes mellitus noch nicht heilen. Wer jedoch gelernt hat, mit dem eigenen Diabetes umzugehen, kann die Behandlung weitgehend nach eigenen Vorstellungen in seinen Alltag einfügen. [4], [5], [6] Während früher strenge Vorschriften das Leben von Menschen mit Diabetes reglementierten, haben sich die Empfehlungen in den letzten Jahren wesentlich gelockert. Trotzdem erfordert die tägliche Behandlung Anstrengung und Einsatz, was manchmal nicht einfach ist. [7] Aber Diabetes muss das Leben nicht völlig beherrschen, und viele Menschen mit Diabetes fühlen sich heute nicht einmal mehr als Kranke. [4] Nicht alle brauchen Insulin für ihre Behandlung.
Harald (49 Jahre alt)
„Ich darf alles. Man muss herausfinden, wie der eigene Körper reagiert. Zum Beispiel wenn man sich anstrengt, im Garten oder beim Staubsaugen. Das musste ich auch für mich herausfinden.“
Bei Krankheiten, die lebenslang bestehen, sind Phasen, in denen man schlecht mit den eigenen Gefühlen zurechtkommt, ganz normal. Solche Phasen treten auch bei Diabetes auf. [7] Es gibt viele Missverständnisse über Diabetes und Ängste vor dieser Krankheit. Manche Menschen haben bei ebenfalls erkrankten Eltern oder Großeltern miterlebt, wie das Leben mit Diabetes früher aussah. [8] Für sie kann es länger dauern, bis sie Vorurteile abgebaut haben. Für alle Menschen mit Diabetes und ihre Familien gibt es viel zu lernen. Dabei ist die Unterstützung durch Freunde und Familie sehr wichtig, ebenso wie eine gute medizinische Behandlung durch erfahrene Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte. [7]Marit (25 Jahre alt)
„Ich habe eine Ärztin gefunden, die mich sehr motiviert hat. Das ist sehr wichtig, weil mit der Zeit verändert sich ja auch der Diabetes, die Wirkung des Insulins verändert sich, die Hormone verändern sich, und das ist manchmal nicht so leicht zu regeln. Sich immer wieder neu zu motivieren, ist nicht immer einfach. Man muss auch mal einen "schlechten" Tag akzeptieren. Das finde ich für die Lebensqualität sehr wichtig.“
Die Behandlung von Diabetes mit Insulin ist heute so zuverlässig, dass sie mehrere wichtige Ziele erreichen kann: Sie soll Menschen mit Diabetes vor zu starken Schwankungen des Blutzuckerspiegels und Beschwerden durch Unter- und Überzuckerungen schützen. Und sie soll Folgeerkrankungen, die durch zu hohen Blutzucker entstehen können, so gut wie möglich vermeiden helfen.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Menschen mit Diabetes über ihre Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten gut Bescheid wissen und ihr Wissen dann auch umsetzen. Dies bedeutet, dass sie sich nicht nur um ihre Blutzuckerwerte kümmern, sondern auch auf andere Aspekte ihrer Gesundheit achten. Dazu gehört zum Beispiel der Verzicht auf das Rauchen.
Ein Blick auf die Realität zeigt, dass die Behandlung nicht immer optimal ist. Diabetes wird häufig erst spät erkannt, viele medizinische Ratschläge sind widersprüchlich oder wissenschaftlich nicht gut untermauert. [9], [10], [11], [12] Und wie bei allen dauerhaften Krankheiten, bei denen die tägliche Anwendung von Medikamenten Teil der Behandlung ist, versäumen auch an Diabetes Erkrankte hin und wieder ihre Spritzen oder Medikamente. [13], [14] Manchmal liegt das daran, dass sich die Menschen innerlich gegen die Zwänge ihrer Krankheit wehren oder sie das Ziel der Behandlung nicht ganz verstanden haben. [13], [14]Kurt
„An die Vorsorgeuntersuchungen denke ich regelmäßig. Die sind mir sehr wichtig. Da habe ich einfach Sorge vor Folgeschäden.“
Auch wer seine Medikamente nur unregelmäßig nimmt, kann sich durchaus wohlfühlen und spürt nicht, dass sein Diabetes schlecht eingestellt ist. Dies kann allerdings auf lange Sicht ernsthafte Konsequenzen haben.
Marit
„Ich muss meinen Körper kennen und wissen, wie er reagiert. Zu der Erkenntnis sollte man kommen, um mit dem Diabetes gut umgehen zu können. Wenn man das ablehnt, lehnt man sich selber ja auch irgendwo ab.“
Konrad (56 Jahre alt)
„Mir war eigentlich schon immer klar, dass ich Diabetes bekommen könnte: Meine beiden Eltern haben auch Diabetes Typ 2 ... Für mich war auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe sehr wichtig: die Gespräche mit Menschen, die ebenfalls an Diabetes Typ 2 erkrankt sind und schon länger Erfahrung mit dieser Erkrankung haben. Diese Gespräche waren für mich besonders während der Einstellungsphase in den ersten 3 bis 6 Monaten wichtig.“
1.2. Was ist Diabetes?
Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung. [15] Je nach der Art des Diabetes kann der Körper entweder kein Insulin produzieren oder es nicht ausreichend nutzen. Ohne Insulin und seine Wirkung kann kein Mensch lange überleben. Insulin ist ein Hormon: ein chemischer Botenstoff, der über das Blut transportiert wird und wichtige Körperfunktionen reguliert. Wir brauchen Insulin, damit unser Körper die aufgenommene Nahrung verwerten und in Energie umwandeln kann.Harald
„Der Diabetes wurde bei mir vor 15 Jahren diagnostiziert. Ich war damals 34 Jahre alt. Mein Zustand, die Abgeschlagenheit, die Müdigkeit, der Durst - das hat mich genervt. Ich bin dann zu meinem Internisten gegangen, damit er die Ursache herausfindet.“
Insulin wird in den sogenannten Betazellen der Bauchspeicheldrüse produziert. Dieses Organ liegt hinter dem Bauchfell unterhalb des Magens.
Die Bauchspeicheldrüse gibt Insulin in das Blut ab. Dort sorgt das Insulin dafür, dass der Zucker im Blut, den wir durch Essen und Trinken aufgenommen haben, in die Körperzellen transportiert und dort in Energie für den Körper umgewandelt wird. Ohne Insulin kann der Zucker im Blut nicht genutzt werden, und eine sehr hohe Zuckerkonzentration im Blut verursacht eine Reihe von Beschwerden. Über die Anzeichen und Beschwerden durch zu hohen Blutzucker können Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.265.de.html) weiterlesen.
Expertinnen und Experten unterscheiden mehr als ein halbes Dutzend verschiedener Diabetesformen. Die häufigsten sind der Typ-1- und der Typ-2-Diabetes. Diese sind das Thema dieses Artikels. Daneben gibt es auch eine Form des Diabetes, die nur während der Schwangerschaft vorkommt und daher Schwangerschaftsdiabetes genannt wird. Diese Erkrankung sowie Typ-1- und Typ-2-Diabetes in der Schwangerschaft werden hier nicht besprochen.
1.3. Typ-1- und Typ-2-Diabetes
Marit (Typ 1)
„Meine Mutter hat mich sehr gedrängt, zum Arzt zu gehen. Von allein wäre ich nicht gegangen. Die Begleiterscheinungen wie sehr häufiges Wasserlassen und verschwommenes Sehen hatte ich auf den heißen Sommer geschoben. Ich war immer sehr müde und schlapp, hatte stark abgenommen und auch eine Entzündung im Intimbereich.“
Wie wichtig Insulin ist, zeigt sich besonders deutlich, wenn das Hormon völlig fehlt. Bei manchen Menschen greift das eigene Immunsystem die Insulin herstellenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie im Laufe von einigen Jahren, bis sie nur noch sehr wenig oder gar kein Insulin mehr freisetzen. Diese Krankheit wird Typ-1-Diabetes genannt, früher auch "juveniler" Diabetes, weil häufig Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene daran erkranken. [16] Menschen mit Typ-1-Diabetes haben dann sehr viel Zucker im Blut. Ohne Insulin können die Organe den Zucker jedoch nicht zur Energiegewinnung nutzen.Klara (63 Jahre alt, Typ 2)
„Ich hatte immer so eine Trockenheit im Mund und habe dies meinem Hausarzt erzählt. Er hat dann einen Labortest machen lassen und es wurde festgestellt, dass ich zu hohe Blutzuckerwerte habe. Ich denke, dass ich zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon lange zu hohe Blutzuckerwerte hatte. Die Anzeichen habe ich ja schon länger beobachtet.“
Bei Insulinmangel versucht der Stoffwechsel des Körpers zunächst, auf Ausweichwegen Energie herzustellen. Dies reicht aber auf Dauer nicht aus und es kommt schließlich zu einer langsamen Vergiftung mit Abfallprodukten des Stoffwechsels. Eine regelmäßige Behandlung mit Insulin kann dies verhindern. Unbehandelt kann die Überzuckerung zu Bewusstlosigkeit (diabetisches Koma) führen. Vor der Entwicklung der Insulintherapie im Jahr 1922 war das diabetische Koma die unvermeidliche Todesursache von Menschen mit Typ-1-Diabetes. Heute ist das diabetische Koma sehr selten. [4]
Der ungenutzte Zucker im Blut schadet den Blutgefäßen. Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes werden insbesondere die kleinen Blutgefäße geschädigt. Dies verursacht Folgeerkrankungen an den Augen, an den Nieren und an den Nerven. Die Erkrankung der Nerven betrifft die Empfindungsnerven in den Beinen und Füßen sowie das Nervensystem, das die Funktionen innerer Organe im Körper reguliert. Dadurch werden zum Beispiel das Verdauungssystem und die Herzfunktion beeinträchtigt.
Die meisten Menschen mit Diabetes haben Typ-2-Diabetes. Sie sind meistens älter als 50 Jahre. Immer öfter erkranken jedoch auch junge Menschen und sogar Kinder an dieser Form der Zuckerkrankheit.
Typ-2-Diabetes hat andere Ursachen als Typ-1-Diabetes. Diese sind noch nicht ganz geklärt. Gesichert ist jedoch, dass Typ-2-Diabetes durch Übergewicht und Mangel an körperlicher Bewegung begünstigt wird. Charakteristisch für diese Stoffwechselstörung ist, dass die Blutzuckerwerte erhöht sind, obwohl die Bauchspeicheldrüse noch größere Mengen Insulin freisetzt. Fachleute sprechen deshalb von "Insulin-Resistenz". Die Gründe, warum Insulin seine Wirkung verliert, sind noch nicht genau bekannt. [4], [16]
1.4. Ernährung, Glukose und Stoffwechsel
Kurt
„Es gibt hin und wieder leichte Probleme, hohe Werte oder auch niedrige. Manchmal wegen der Ernährung. Es gibt aber auch manchmal Werte, die sind unerklärlich. Man weiß dann nicht, warum sie zu hoch oder zu niedrig sind.“
Glukose ist im Stoffwechsel so wichtig, dass der Körper normalerweise sehr sparsam mit ihr umgeht. Glukose ist für viele Organe (vor allem für das Gehirn) der wichtigste Energielieferant. Der Stoffwechsel ist äußerst vielseitig: Er kann Glukose zum Beispiel in Bausteine für Eiweiß und Fett umwandeln, umgekehrt kann er aber auch aus Fett und Eiweiß neue Glukose herstellen. Dieser Prozess findet vor allem in der Leber statt, wenn die Zuckervorräte des Organs zur Neige gehen.
Der Zuckerstoffwechsel wird durch eine Reihe von Hormonen gesteuert. Die wichtigsten sind Insulin, Glukagon und Adrenalin. Insulin und Glukagon werden von der Bauchspeicheldrüse hergestellt und je nach Bedarf ins Blut freigesetzt. Adrenalin wird von der Nebenniere produziert. Diese Hormone sorgen zusammen dafür, dass der Blutzuckerspiegel eines gesunden Menschen in einem engen Bereich konstant bleibt, was als Normoglykämie bezeichnet wird.
Der Blutzuckerspiegel wird nicht nur durch die Ernährung beeinflusst. Auch körperliche Aktivität und entzündliche Erkrankungen haben einen Einfluss auf andere Hormone im Körper, somit auf die Hormone des Glukosestoffwechsels und den Blutzucker.
2. Insulin und Vermeidung von Schäden durch Diabetes
2.1. Wirkungen des Insulins
Die Aufgabe des Insulins ist es, die Glukose zur Energiegewinnung in die Körperzellen zu schleusen und ein Überangebot von Glukose im Blut zu verhindern. Glukagon hat den umgekehrten Effekt: Wenn der Blutzuckerspiegel etwa bei Hunger oder körperlicher Anstrengung zu stark abfällt, sorgt es dafür, dass die Leber Glukose ins Blut einschleust. Auch Fettgewebe und Muskeln reagieren auf dieses Signal, indem sie der Leber über das Blut Ausgangsmaterial zur Glukoseherstellung liefern.Marit
„Ich bekam Insulin und die Blutzuckerwerte gingen sofort runter.“
Wirken kann das Insulin im Körper nur, weil Leber, Muskeln und Fettgewebe so genannte Rezeptoren besitzen, auf die Insulinmoleküle so präzise passen wie ein Schlüssel in ein Schloss. Erst wenn Insulin diese Rezeptoren aktiviert, können die Organe Glukose aus dem Blut aufnehmen und den Blutzuckerspiegel senken. Die Glukose dient dann als Brennstoff für die Muskeln und andere Organe. Wenn der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit steigt, gibt die Bauchspeicheldrüse sehr rasch mehr Insulin ins Blut ab.
Typisch für Diabetes ist, dass die beschriebenen Hormonreaktionen auf den Blutzuckerspiegel gestört sind. Bei Typ-1-Diabetes steht der absolute Mangel an Insulin im Vordergrund, bei Typ-2-Diabetes die verminderte Wirkung des Hormons. Bei beiden Diabetesformen ist die Folge, dass zwar im Blut viel Glukose vorhanden ist, sie aber von Leber, Muskeln und Fettgewebe ohne Insulin nicht aufgenommen und genutzt werden kann.
Als Folge davon steigt der Blutzuckerspiegel, medizinisch Hyperglykämie genannt. Ein ständig erhöhter Blutzuckerspiegel kann zu Schäden an den Blutgefäßen führen. Zirkuliert dagegen zu viel Insulin im Blut, fällt der Blutzucker zu stark ab. Dies nennt man Unterzuckerung oder Hypoglykämie.
2.2. Überzuckerung und ihre Folgen
Harald
„Den hohen Zucker merke ich nicht unbedingt. Wenn er sehr hoch ist, werde ich müde, habe Durst und werde lustlos.“
Leichte Schwankungen des Blutzuckerspiegels sind völlig normal und kommen auch bei Gesunden täglich vor. Bei Gesunden bleibt der Blutzuckerspiegel zwischen etwa 60 und 140 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) Blut (3,3 bis 7,8 mmol/l). [4] Die Maßeinheit Millimol pro Liter (mmol/l) gibt die Stoffmenge auf molekularer Ebene an.![]()
Typisch für einen unbehandelten Typ-1-Diabetes sind stark erhöhte Blutzuckerspiegel, die sogar 27,8 mmol/l (500 mg/dl) übersteigen können. Normalerweise steigt der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit nicht über 7,8 mmol/l (140 mg/dl) an. [4]
Eine so starke Überzuckerung löst spürbare Symptome aus, wie Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit und sogar Gewichtsverlust. Diese Beschwerden lassen sich durch die Gabe von Insulin schnell lindern. Wenn Blutzuckerwerte jedoch über Jahre hinweg deutlich erhöht sind, kann dies schwerwiegende und nicht mehr rückgängig zu machende gesundheitliche Folgen haben. [16]
Folgeerkrankungen und Schäden durch einen schlecht eingestellten Diabetes können viele Organe betreffen. Es kommt zu Schäden an den kleinen Blutgefäßen, die das Gewebe versorgen. Mit der Zeit können deshalb feinste Gefäße zum Beispiel in der Netzhaut des Auges (diabetische Retinopathie) oder in der Niere (diabetische Nephropathie) so stark geschädigt werden, dass Erblindung oder Nierenversagen drohen.
Eine häufige Folge ist auch die diabetische Neuropathie. Sie kann das autonome Nervensystem oder sensible Nerven betreffen. Das autonome Nervensystem steuert die Funktion innerer Organe, zum Beispiel den Puls oder die Verdauung. Autonom (selbstständig) heißt dieses Nervensystem, weil wir darauf bewusst kaum Einfluss nehmen können. Bei manchen Menschen mit Diabetes sind deshalb die Bewegungen von Magen und Darm gestört, auch Puls und Blutdruck reagieren nicht mehr wie gewohnt. Nerven übermitteln das Tastgefühl, die Temperaturwahrnehmung und Schmerzen. Sind solche Nervenfasern betroffen, ist zum Beispiel das Schmerz- und Tastempfinden an den Füßen beeinträchtigt.
Menschen mit gestörtem Schmerzempfinden bemerken alltägliche Druckstellen oder kleine Verletzungen oft nicht, was zur Folge haben kann, dass sich chronische Wunden entwickeln. Menschen mit Typ-2-Diabetes haben oft auch Durchblutungsstörungen in den Beinen. Medizinerinnen und Mediziner nennen dies "periphere arterielle Verschlusskrankheit" (paVk). Eine gestörte Blutversorgung beeinträchtigt wiederum die Heilung von Verletzungen. Ein Mensch mit arterieller Verschlusskrankheit und gestörtem Schmerzempfinden hat deshalb ein hohes Risiko für chronische Wunden zum Beispiel an den Zehen. Wenn sich diese entzünden, kann es im schlimmsten Fall nötig werden, einzelne Zehen oder gar den Fuß zu amputieren. [16] Mit einer guten Blutzuckereinstellung und normalem Blutdruck lässt sich das Risiko solcher Folgeschäden jedoch vermindern. [17], [18]
Ein Hinweis auf die durchschnittliche Höhe des Blutzuckerwertes in den zurückliegenden Wochen ist der "HbA1c-Wert", der sich aus einer Blutprobe im Labor bestimmen lässt. Auch bei Gesunden heftet sich Glukose an einen Teil des Blutfarbstoffs (Hämoglobin) an, der im Inneren der roten Blutkörperchen liegt. Der "HbA1c-Wert" gibt an, wie groß der Anteil des Blutfarbstoffs ist, an den sich Glukose angelagert hat. Bei Gesunden sind das etwa 6 Prozent. Wenn der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht ist, steigt der HbA1c-Wert. Bei nicht oder unzureichend behandelten Menschen mit Diabetes kann er über 10 Prozent liegen. Da Hämoglobin im Blut eine Lebensdauer von zwei bis drei Monaten hat, spiegelt der HbA1c-Wert die durchschnittliche Blutzuckereinstellung der zurückliegenden etwa acht bis zwölf Wochen wider. [16] Leider kann die HbA1c-Bestimmung von Labor zu Labor unterschiedlich ausfallen.
2.3. Vermeiden von Unterzuckerung
Kurt
„In den ersten Jahren war ein Zeichen für eine Unterzuckerung, dass ich Schweißperlen auf der Stirn bekam. Das hat aber mit der Zeit nachgelassen. Aber ab einem gewissen Grad spüre ich die Unterzuckerung an verschiedenen Anzeichen. Ich merke zum Beispiel, dass ich mich nicht mehr richtig konzentrieren kann und ein wenig durcheinander bin.“
Zu einer Unterzuckerung kann es vor allem bei Menschen kommen, die sich mit Insulin oder bestimmten blutzuckersenkenden Tabletten behandeln. Wenn der Blutzuckerwert unter 3,3 mmol/l (60 mg/dl) fällt, spricht man von einer Unterzuckerung (Hypoglykämie). Menschen, die ihren Diabetes allein mit bewusster Ernährung und körperlicher Bewegung behandeln, erleben im Allgemeinen keine Unterzuckerungen.Marit
„Wenn ich unterzuckert bin, dann spüre ich das. Dann geht es mir schlechter. Ich bekomme diese Mundtrockenheit, fange an zu zittern und habe ein Gefühl von Schwäche. Ich muss dann sofort etwas essen.“
Manchmal können unvorhergesehene Änderungen des Tagesablaufs dazu führen, dass die gespritzte Insulinmenge zu hoch ist. Wenn im Verhältnis zu dem gespritzten Insulin zu wenig Kohlenhydrate gegessen wurden oder körperliche Bewegung bei der Insulingabe nicht ausreichend berücksichtigt wurde, kann der Blutzucker deutlich unter 5,5 mmol/l (100 mg/dl) sinken. Auch alkoholische Getränke erhöhen zwar zunächst den Blutzucker, später jedoch können sie eine Unterzuckerung verursachen.
Eine leichte Unterzuckerung äußert sich in der Regel durch Anzeichen wie Schwitzen oder Zittern. Manche Betroffene reagieren auch mit Unruhe, Nervosität und Angstgefühlen. [4] Wie sich eine Unterzuckerung bemerkbar macht, hängt außer von der Blutzuckerhöhe auch von individuellen Faktoren ab.
Erfahrene Menschen mit Diabetes haben für solche Fälle immer etwas Traubenzucker griffbereit, den sie dann essen. Auch eine zuckerhaltige Limonade genügt oft schon, um den Blutzuckerspiegel schnell wieder ansteigen zu lassen. Solche leichten Unterzuckerungen sind oft nicht zu vermeiden.
Manchmal befürchten Menschen, dass eine Unterzuckerung in der Nacht während des Schlafs auftreten könnte und sie sich nicht mehr selbst helfen können. Eine Blutzuckermessung vor dem Schlafengehen kann Sicherheit geben. Wenn der Blutzucker zu tief liegt, können kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel den Blutzucker in einen sicheren Bereich anheben. Zudem sind die Symptome bei einer Hypoglykämie nachts oft so stark, dass die meisten Menschen von selbst aufwachen und rechtzeitig handeln können.
Auch vor dem Autofahren ist es ratsam, den Blutzucker zu messen und bei Bedarf kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel zu essen, um einer Hypoglykämie vorzubeugen. In der Seitentasche der Autotür können zuckerhaltige Limonaden oder Traubenzuckerplättchen als Vorrat aufbewahrt werden.
Menschen, die ihren Diabetes mit Insulin behandeln müssen, dürfen normalerweise keine Lkw oder Busse steuern. Ausnahmen können nur durch ein ausführliches ärztliches Gutachten begründet werden.
Harald
„Die Symptome einer Unterzuckerung bemerke ich daran, dass meine Hände anfangen zu zittern. Ich bekomme kalte Schweißausbrüche und empfinde eine besondere Unruhe. Selten merke ich das selbst nicht. Andere weisen mich dann darauf hin: "Du bist aber blass! Brauchst Du Zucker?"“
3. Formen der Insulinbehandlung
3.1. Formen der Insulintherapie
Kurt (Typ 1)
„Ich finde es sehr wichtig, dass man seine Erkrankung akzeptiert. Je eher man das tut, desto schneller geht man gut damit um. Wichtig sind auch gute Informationen, um sich für die Bewältigung der Erkrankung fit zu machen.“
Konrad (Typ 2)
„Im Gespräch mit dem Diabetologen kam dann der Vorschlag, Insulin zu spritzen. In den darauf folgenden 3 bis 6 Monaten wurde ausprobiert, welche Kombination ideal ist.“
Für eine lebenslange Behandlung gelten besondere Anforderungen. Menschen mit Diabetes müssen nicht nur auf ihren Blutzuckerspiegel achten, sondern auch auf ihren Blutdruck und weitere Aspekte ihrer Gesundheit. Oft benötigen Menschen mit Diabetes außer Insulin noch weitere Medikamente.
Damit ein Mensch seiner Diabetesbehandlung über Jahrzehnte hinweg treu bleibt, muss er sie genau verstanden haben, mit ihren Anforderungen einverstanden sein und sie gut vertragen. Wichtig ist nicht zuletzt, dass für eine Therapie bewiesen ist, dass sie die kurz- und langfristigen gesundheitlichen Ziele von Menschen mit Diabetes auch wirklich erreicht.
Patientinnen und Patienten, die Insulin benötigen, müssen verschiedene Fertigkeiten erlernen, zum Beispiel die Blutzuckermessung. In Deutschland gibt es Diabetes-Schulungsprogramme, die es Menschen ermöglichen, ihren Diabetes in den Griff zu bekommen. Solche Programme werden zum Beispiel im Rahmen von Disease-Management-Programmen (DMPs) für Typ-1- und Typ-2-Diabetes angeboten. Hier wird vermittelt, wie man die Ernährung, Sport und andere körperliche Aktivitäten mit Insulin und anderen blutzuckersenkenden Medikamenten am besten aufeinander abstimmt.
Obwohl alle diese Aspekte der Diabetesbehandlung wichtig sind, liegt der Schwerpunkt dieses Artikels auf der Behandlung mit Insulin. Weitere ausführliche Informationen über Diabetes finden Sie auf unserer Website; sobald es neue wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, werden wir Informationen dazu veröffentlichen.
Für Menschen mit Typ-1-Diabetes steht die ständige Kontrolle des Blutzuckers im Vordergrund. [4], [16] Entscheidend ist die tägliche Injektion von Insulin. Darüber hinaus gibt es viele verschiedene Insulinbehandlungskonzepte für Typ-1- sowie Typ-2-Diabetes.
Die meisten Menschen mit Typ-2-Diabetes, aber nur wenige mit Typ 1, wählen eine sogenannte "konventionelle" Insulinbehandlung. Die meisten Menschen mit Typ-1-Diabetes, aber auch einige mit Typ 2, führen eine "intensivierte" Insulinbehandlung durch.
Bei einer konventionellen Insulinbehandlung spritzt man sich zweimal täglich Insulin. Diese Insulinbehandlungsform wird häufig von Menschen gewählt, die eine bestimmte Routine im täglichen Leben mit festen Spritzzeiten bevorzugen.
Die konventionelle Insulinbehandlung kann entweder nur mit einem intermediär- oder langwirksamen Insulin durchgeführt werden oder zusätzlich mit einem Normal-Insulin. Die meisten Menschen wenden jedoch eine feste Mischung von Normal-Insulin und Verzögerungsinsulin an. Diese Insulinmischung spritzen sie sich vor dem Frühstück und vor dem Abendessen. Um die Insulinwirkung während des Tages auszugleichen, müssen sie regelmäßig festgelegte Mengen essen. Wer sich körperlich sehr viel bewegt, kann dies durch entsprechende zusätzliche Zwischenmahlzeiten ausgleichen. Die Mahlzeiten und die körperliche Bewegung werden bei der konventionellen Therapie also der Insulinwirkung angepasst.
Die Entscheidung für eine "konventionelle Insulintherapie" kann eine relativ starre Lebensführung bedeuten. Für einige Menschen mit Typ-2-Diabetes passt diese Behandlung jedoch zu ihrem Insulinbedarf und zu ihren bisherigen Lebensgewohnheiten.
Menschen mit Typ-1-Diabetes und solche mit Typ-2-Diabetes, die größere Blutzuckerschwankungen haben, spritzen täglich insgesamt vier- oder fünfmal, um auf die Schwankungen zu reagieren - aber auch, um flexibel in der Tagesgestaltung zu sein und zum Beispiel spontan essen und trinken zu können. Bei dieser intensivierten Insulintherapie (siehe auch Punkt 3.4) benötigen viele Menschen morgens und auch abends ein langwirksames Insulin, das den Grundbedarf deckt. Dies wird als "Basalrate" des Insulins bezeichnet. Zusätzlich spritzen sie zu den Hauptmahlzeiten ein kurzwirksames Insulin, abhängig von der Kohlenhydratmenge und der Blutzuckerhöhe, um zu starke Anstiege des Blutzuckers zu verhindern. Diese Injektionen werden auch "Bolus" genannt. Es ist wichtig, die Wirkungen dieser unterschiedlichen Injektionen zu verstehen.
3.2. Unterschiedliche Wirkdauer
Die verschiedenen Insulinpräparate ermöglichen es, die Funktion einer gesunden Bauchspeicheldrüse nachzuahmen. Wenn die Bauchspeicheldrüse eines gesunden Menschen Insulin freisetzt, wird es im Körper sehr schnell abgebaut. [4] Auch wenn man Insulin direkt ins Blut spritzt, hält seine Wirkung nur wenige Minuten an. Ganz anders ist die Wirkdauer aber, wenn das Hormon in das Fettgewebe unter der Haut gespritzt wird, wie das Menschen mit Diabetes tun. Dort bildet die Insulinlösung einen Vorrat, aus dem das Hormon über Stunden hinweg nach und nach ins Blut übertritt.Klara
„Ich wurde auf Langzeitinsulin eingestellt, was ich mir am Morgen und am Abend spritze. Zusätzlich spritze ich mir herkömmliches Kurzzeitinsulin vor jeder Mahlzeit. Die Dosierung hängt davon ab, was ich esse. Das muss ich vorher ausrechnen.“
Forscherinnen und Forscher haben in den letzten Jahrzehnten verschiedene Insulinpräparate entwickelt, die sich in der Wirkdauer unterscheiden. [20] Diese Insuline sind:
- Kurzwirksame Insuline:
Insulinanaloga:
Wirkbeginn: etwa 5 bis 10 Minuten nach der Injektion
Wirkmaximum: etwa 1 bis 1,5 Stunden nach der Injektion
Wirkdauer: etwa 2 bis 3 Stunden
Normal-Insuline (früher "Alt-Insulin"):
(Humaninsulin, Schweine-Insulin, Rinder-Insulin),
Wirkbeginn: etwa 15 bis 30 Minuten nach der Injektion
Wirkmaximum: etwa 1,5 bis 3 Stunden nach der Injektion
Wirkdauer: etwa 4 bis 8 Stunden nach der Injektion - Intermediärwirksame Insuline (Insulinanaloga, Humaninsulin, Schweine-Insulin),
Insulin wird mit NPH (Neutral Protamin Hagedorn) oder Zink verzögert:
Wirkbeginn: etwa 2 Stunden nach der Injektion
Wirkmaximum: etwa 4 bis 6 Stunden nach der Injektion
Wirkdauer: etwa 12 bis 14 Stunden - Langwirksame Insuline (Insulinanaloga, Humaninsulin, Schweine-Insulin):
Der Wirkbeginn ist langsam
Wirkmaximum und -dauer unterscheiden sich je nach Verzögerungsprinzip,
Wirkdauer meist bis zu 24 Stunden - Mischinsuline (Insulinanaloga, Humaninsulin, Schweine-Insulin):
Kurzwirksames Insulin und intermediär- oder langwirksames Insulin, die bereits fertig gemischt sind
Kurzwirksame Insulinanaloga und Normalinsuline werden meist kurz vor dem Essen injiziert (Insulinbolus). Länger wirksame Insuline sollen den basalen bzw. den Insulin-Grundbedarf des Körpers abdecken. Kurz- und langwirksame Insuline werden meist bei einer intensivierten Insulintherapie eingesetzt.
Wie der Blutzuckerspiegel auf eine Injektion reagiert, hängt allerdings von vielen weiteren Einzelheiten ab. Dazu gehört zum Beispiel, wie hoch der Blutzuckerspiegel vor der Injektion war, was man gegessen hat und wie groß die Insulindosis war. Auch die Stelle der Injektion in Bauch oder Oberschenkel und ob man die Injektionsstelle anschließend massiert, hat einen Einfluss. Ebenso beeinflusst körperliche Bewegung vor und nach der Injektion die Wirkung des Insulins auf den Blutzucker. [4]
Eine Insulinbehandlung muss an den Bedürfnissen des einzelnen Menschen ausgerichtet werden. Da sich diese Bedürfnisse mit der Zeit ändern können, kann auch die Insulinbehandlung jederzeit angepasst werden.
3.3. Typ-2-Diabetes und Insulin
Für Menschen mit Typ-2-Diabetes besteht die Therapie meist aus mehreren Stufen. [4] Am Anfang steht der Versuch, die Empfindlichkeit für Insulin wiederherzustellen. Dies bedeutet, mit Hilfe einer Umstellung der Ernährung und wenn möglich körperlicher Bewegung an Gewicht zu verlieren. Sehr wichtig ist es außerdem, den Blutdruck und andere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Griff zu haben. Eine weitere Behandlungsmaßnahme können blutzuckersenkende Medikamente sein. Sie werden auch orale Antidiabetika genannt. Darüber können Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.413.de.html) mehr lesen.Konrad
„Heute spritze ich mir am Morgen ein Kurzzeitinsulin für den Tag und am Abend ein Langzeitinsulin für die Nacht. Die Einheiten berechne ich immer daraus, was ich plane zu essen. Das ist für mich ganz einfach und ich kann damit sehr gut leben.“
Wenn eine Senkung des Blutzuckerspiegels erforderlich ist, eine Gewichtsabnahme, körperliche Bewegung und Antidiabetika dazu aber nicht ausreichen, wird eine Insulinbehandlung empfohlen. Antidiabetika sind für manche Patientinnen und Patienten ungeeignet oder wirken bei ihnen nicht ausreichend.
Menschen mit Typ-2-Diabetes wenden häufig ein relativ starres Behandlungsschema an. Sie spritzen zweimal täglich eine feste Mischung von Insulinen, morgens vor dem Frühstück und abends vor dem Abendessen. Um die Insulinwirkung während des Tages auszugleichen, sind regelmäßige Mahlzeiten notwendig. Zusätzliche kleine Speisen können geringe Blutzuckerschwankungen durch außergewöhnliche körperliche Bewegung ausgleichen.
Wer noch relativ viel körpereigenes Insulin hat, braucht oft nur kleine Mengen an zusätzlichem Insulin. Einige Menschen mit Typ-2-Diabetes wählen eine Insulintherapie, bei der nur zu den Mahlzeiten Insulin gespritzt wird, weil sie noch relativ viel eigenes Insulin haben.
Wenige Menschen mit Typ-2-Diabetes, insbesondere jüngere, entscheiden sich für eine intensivierte Insulintherapie mit langwirksamem Insulin für ihren Grundbedarf (Basalrate) und kurzwirksamem Insulin vor den Mahlzeiten.
3.4. Intensivierte Insulintherapie
Kurt
„Ich habe von Anfang an die intensivierte Insulintherapie gemacht. Ich messe regelmäßig den Blutzucker und passe die Insulinzufuhr dann entsprechend an.“
Diese Aspekte waren die Hauptargumente, warum in Deutschland bereits seit Anfang der 1980er-Jahre auf breiter Basis Schulungsprogramme für Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes aufgebaut wurden, die das nötige Wissen für eine "intensivierte Insulintherapie" vermitteln und Unterstützung bei der Umsetzung im Alltag geben. Ihre Grundidee: Die Patientin oder der Patient weiß selbst am besten über sich Bescheid.
Es hat sich gezeigt, dass eine intensivierte Insulintherapie auch gesundheitliche Vorteile hat. Sie kann das Risiko für die Entwicklung von diabetesbedingten Folgeerkrankungen vermindern, insbesondere von Erkrankungen der Augen, der Niere, des Nervensystems und des Herzens. [16], [17], [18]
Den vollen Nutzen aus einer intensivierten Insulintherapie ziehen Menschen, wenn sie ihre Insulindosis selbstständig anpassen. Dazu gehört, regelmäßig den Blutzucker selbst zu kontrollieren. Welche Menge Insulin gespritzt werden muss, hängt nämlich nicht nur von der Art und Menge einer Mahlzeit ab, sondern auch vom aktuellen Blutzuckerwert, der Tageszeit und der geplanten körperlichen Aktivität. Ist die Insulinmenge zu groß, können Unterzuckerungen auftreten. Ist sie zu klein, steigt der Blutzucker zu stark an. [19]
3.5. Abstand zwischen Spritzen und Essen
Beim Vergleich verschiedener Insuline zählt unter anderem die Frage, wie schnell sie wirken. Manchmal erhalten Personen, die zu den Mahlzeiten herkömmliches Insulin spritzen, den Ratschlag, nach der Injektion 30 Minuten oder mehr mit dem Essen zu warten ("Spritz-Ess-Abstand"). Auf diese Weise soll der Blutzuckerspiegel nach der Mahlzeit niedriger gehalten werden. Diese Vorschrift behindert aber spontane Entscheidungen, so zu essen, wie es gerade passt. Sie wird von vielen Menschen mit Diabetes als unbequem empfunden, weil sie die Flexibilität einschränkt.Klara
„Ich esse zwei Hauptmahlzeiten am Tag. Ich messe davor meinen Blutzucker, dann spritze ich und esse gleich hinterher. Ich halte keinen Abstand zwischen Spritzen und Essen ein und komme gut damit klar. Manchmal esse ich etwas Kleines zwischen den Hauptmahlzeiten, aber nicht regelmäßig und auch nicht jeden Tag. Ich spritze dann kein Insulin, sondern kalkuliere das, was ich gegessen habe, insgesamt mit ein.“
Zu der Frage, welche Rolle ein fester Spritz-Ess-Abstand für den langfristigen Erfolg der Diabetesbehandlung spielt, gibt es unter Fachleuten allerdings seit langem Meinungsverschiedenheiten und widersprüchliche Studien. [21], [22], [23], [24] In der Realität empfiehlt eine Mehrheit von Ärztinnen und Ärzten ohnehin keinen festen Spritz-Ess-Abstand. Beobachtungen zeigen, dass auch die Mehrheit der Menschen, die Insulin spritzen, keinen festen Spritz-Ess-Abstand einhält. [22], [25] Die Frage, ob es auf Dauer gesundheitliche Vorteile hat, wenn man einen festen Spritz-Ess-Abstand einhält, ist ungeklärt.
Da kurzwirksame Insulinanaloga sehr rasch - bereits nach fünf Minuten - den Blutzucker senken, spritzen Patientinnen und Patienten, wenn sie vor dem Essen einen tiefen Blutzuckerwert haben, ihr kurzwirksames Insulinanalogon erst nach dem Essen, um Unterzuckerungen zu vermeiden.
4. Insulintypen
4.1. Tierisches Insulin, Humaninsulin und Insulinanaloga
Bis in die Mitte der 1980er-Jahre wurde Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen und Rindern gewonnen. Danach setzte sich biotechnisch hergestelltes sogenanntes Humaninsulin durch, das in der Grundstruktur mit menschlichem Insulin identisch ist. In vielen Ländern, so auch in Deutschland, ist heute nur noch wenig tierisches Insulin verfügbar. [26]Es ist möglich, Humaninsulin in großen Mengen mithilfe von gentechnisch veränderten Hefe- oder Bakterien-Stämmen herzustellen. Sie produzieren einen Insulinrohstoff, der dann gereinigt und aufbereitet werden muss. Humaninsulin bedeutet also nicht, dass das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Menschen gewonnen wurde. Es heißt nur, dass es in der chemischen Struktur mit menschlichem Insulin identisch ist.
Die gentechnische Herstellung eröffnete auch die Möglichkeit, gezielt veränderte Insuline zu produzieren. Ergebnis sind die sogenannten Insulinanaloga. Es handelt sich um künstliche Insuline, die in der Natur nicht vorkommen. Diese Veränderungen am Insulinmolekül sollen vor allem die Schnelligkeit beeinflussen, mit der die blutzuckersenkende Wirkung nach der Injektion einsetzt, und auch die Dauer der Wirkung. Man unterscheidet nach der Dauer der Wirkung zwei Gruppen von Insulinanaloga, die gelegentlich auch "Analoginsuline" genannt werden. In Deutschland sind zwei langwirksame Insuline ("Insulin glargin" und "Insulin detemir") auf dem Markt, die nach einer Injektion deutlich länger als intermediär- oder langwirksame Humaninsulin wirken. Außerdem gibt es kurzwirksame Insulinanaloga: Sie heißen "Insulin lispro", "Insulin aspart" und "Insulin glulisin".
Für neu zugelassene Mittel ist in der Regel noch gar nicht bewiesen, wie groß ihr langfristiger Nutzen und ihre Risiken sind. Denn neue Medikamente werden meist schon zugelassen, nachdem sie in Studien mit relativ kurzer Dauer erprobt wurden. Der wahre Nutzen oder Schaden durch ein Medikament zeigt sich oft erst Jahre nach der Zulassung.
4.2. Vergleich: tierische Insuline – Humaninsulin
Als Anfang der 1980er-Jahre Humaninsulin eingeführt wurde, war eine der Hoffungen, dass das "menschliche" Hormon besser verträglich sein könnte. Auch wenn tierisches und Humaninsulin weitgehend identisch waren, genügten die Unterschiede, um bei einigen Patientinnen und Patienten das Immunsystem zu aktivieren. Zeichen dafür waren Antikörper, die gegen Insulin gerichtet waren. Solche Antikörper bildeten sich gerade bei Personen, die Rinder-Insulin verwendeten.Allerdings ist nicht sicher, ob der Wechsel von tierischem Insulin zu Humaninsulin für Menschen mit Diabetes spürbare gesundheitliche Konsequenzen hatte. Zuletzt haben Forscherinnen und Forscher der Cochrane Collaboration im November 2004 alle Studien zusammengefasst, in denen tierische Insuline mit Humaninsulin verglichen wurden. [26] Zwar fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler insgesamt 45 Studien mit insgesamt etwa 2.150 Teilnehmenden, meist Erwachsene mit Typ-1-Diabetes. Die wirklich wichtigen Fragen zur Gesundheit wurden in diesen Studien allerdings nicht untersucht, also zum Beispiel die Wirkung auf diabetesbedingte Folgeerkrankungen oder auf die Lebenserwartung der Teilnehmenden. In keiner dieser Studien wurden Menschen zu ihrer Zufriedenheit mit der Therapie oder zu ihrer Lebensqualität befragt.
Geprüft wurde in den Studien lediglich die Blutzuckereinstellung, gemessen an der Höhe der Blutzuckerwerte und des HbA1c-Wertes. Das Ergebnis: Leichte oder schwere Unterzuckerung gab es während der Behandlung mit Humaninsulin ebenso oft wie mit tierischem Insulin; auch der Insulinbedarf war identisch.
Genauer haben die Forscherinnen und Forscher auch untersucht, ob sich als Reaktion auf das Humaninsulin weniger Antikörper gegen Insulin bildeten als bei den tierischen Insulinen. Im Vergleich zwischen Human- und Schweine-Insulin fanden sie keinen Unterschied. Personen, die Rinder-Insulin einsetzten, reagierten aber häufiger mit der Bildung von Insulinantikörpern. Bis heute ist unklar, ob und welche Folgen diese Antikörper für die Insulinwirkung und für die Patientinnen und Patienten hatten.
Insgesamt ist nach dieser Auswertung nicht belegt, dass der Wechsel von Schweineinsulin zu Humaninsulin wirklich die Therapie verbesserte. [26] Der Wechsel führte aber dazu, dass sich die Therapie verteuerte. Mittlerweile gibt es in Industrieländern nur noch wenige Patientinnen und Patienten, die Schweine-Insulin injizieren. Die Hersteller haben Schweine-Insulin in vielen Ländern komplett vom Markt genommen. Menschen, die weiterhin Schweine-Insulin nutzen wollen, müssen es aus dem Ausland einführen lassen und möglicherweise die Kosten selbst tragen.
4.3. Vergleich: Humaninsulin – Insulinanaloga
Knapp zehn Jahre nach Humaninsulin kamen Insulinanaloga auf den Markt. Insulinanaloga unterscheiden sich deutlicher vom menschlichen Insulin als Schweine-Insulin. [20] Diese neuen veränderten Insuline sollten den Blutzucker besser kontrollieren als Humaninsulin und zum Beispiel Unterzuckerungen vermeiden.In Deutschland sind drei kurzwirksame Insulinanaloga auf dem Markt, die schneller und etwas kürzer wirken als herkömmliches Normalinsulin: Dies sind Insulin lispro (Handelsnamen "Humalog" und "Liprolog"), Insulin aspart (Handelsname "NovoRapid") und Insulin glulisin (Handelsname "Apidra"). Ebenso die langwirksamen Insulinanaloga Insulin glargin (Handelsname "Lantus") und Insulin detemir (Handelsname "Levemir").
Allerdings diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon seit längerem, ob die Insulinanaloga wirklich generell besser sind als Humaninsulin. [27], [28] Eine Forschergruppe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat sich deshalb ebenfalls auf die Suche nach Studien gemacht, die die Frage beantworten können, ob kurzwirksame Insulin-Analoga für Menschen mit Diabetes Vorteile gegenüber Humaninsulin haben. Da sich die Behandlung von Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes deutlich unterscheidet, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Antwort auf diese Frage zweigeteilt. Die erste Teilantwort bezieht sich nur auf Personen mit Typ-2-Diabetes. [20] Eine ausführliche Zusammenfassung der Forschungsergebnisse finden Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.270.de.html) . Die Zusammenfassung der zweiten Teilantwort, bezogen auf Menschen mit Typ-1-Diabetes, können Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.284.de.html) lesen.
Insgesamt hat die Recherche des IQWiG für die kurzwirksamen Insulinanaloga keine Belege gefunden, dass sie für Menschen mit Typ-2-Diabetes oder mit Typ-1 Diabetes besser oder schlechter als Humaninsulin sind. Sobald weitere Untersuchungsergebnisse vorliegen, werden wir hier auf Gesundheitsinformation.de darüber berichten.
Die IQWiG-Wissenschaftlergruppe hat auch nach Studien gesucht, die langwirksame Insulinanaloga mit Humaninsulin verglichen haben. Nun liegt ihre Teilantwort für Menschen mit Typ-2-Diabetes vor: Es gibt keine Belege dafür, dass langwirksame Insulinanaloga für Menschen mit Typ-2-Diabetes Vorteile gegenüber Humaninsulin haben. Der langfristige Nutzen und Schaden der langwirksamen Insulinanaloga ist nicht ausreichend untersucht. Mehr darüber können Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.525.de.html) lesen.
Neue Untersuchungen haben den Verdacht geweckt, dass eines dieser künstlichen Insuline (Insulin Glargin) die Entstehung von Krebs beschleunigen könnte. Um diese Sicherheitsfrage eindeutig beantworten zu können, ist es nötig, weitere Daten auszuwerten. Menschen mit Diabetes, die Glargin anwenden, haben zahlreiche andere Möglichkeiten, darunter Humaninsulin.
5. Die verschiedenen Arten der Insulinzufuhr
5.1. Herkömmliche und neue Möglichkeiten der Insulinzufuhr
Insulin muss in die Blutbahn gelangen. Es kann nicht in Form von Tabletten oder Kapseln genommen werden, weil das Hormon bereits im Magen von der Säure unwirksam gemacht würde. Orale Antidiabetika sind blutzuckersenkende Medikamente in Tablettenform. Sie sind jedoch keine Insuline.Klara
„Es fällt mir nicht schwer, Insulin zu spritzen. Manche haben Scheu davor. Das war bei mir nicht so. Ich spritze mich mal in den Bauch und mal in den Oberschenkel. Das geht gut. Ich habe keine Probleme damit.“
Es gibt unterschiedliche Methoden, um Insulin in das Blut zu transportieren. Insulin kann direkt in die Vene gegeben werden, dies jedoch nur in einem Notfall von einer Ärztin oder einem Arzt. Üblicherweise spritzen Patientinnen und Patienten ihr Insulin in das Unterhautfettgewebe ("subkutan").
In Deutschland sind vor allem Insulinpens und Insulinpumpen verbreitet, nur wenige Menschen benutzen Spritzen, noch seltener werden sogenannte Jet-Injektoren eingesetzt. Mit einem Jet-Injektor wird das Insulin ohne Nadel unter hohem Luftdruck gleichsam durch die Haut gedrückt. [29] Injektoren sind deutlich größer und weniger handlich als Insulinpens und sie sind schlechter zu dosieren. Ob sie wirklich angenehmer als eine Injektion sind und ob die Dosiergenauigkeit verlässlich ist, ist bislang unklar. Injektoren sind erst vereinzelt in Studien erprobt, systematische Prüfungen der Vor- und Nachteile fehlen noch. [29] Sie sind teurer als Insulinpens oder Insulinspritzen.
Seit 2006 konnten Inhalationsgeräte angewendet werden. Diese wurden jedoch wieder vom Markt genommen. Sie setzen ein sehr feines Insulinpulver ein, das beim Einatmen bis in die Lunge gelangt, wo das Insulin dann in die Blutbahn aufgenommen wird. Hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.271.de.html) können Sie mehr hier über inhalatives Insulin sowie Spritzen, Pens und Pumpen lesen.
Andere Methoden wie zum Beispiel Hautpflaster oder unter die Haut verpflanzte Insulinpumpen sind bisher noch in der Entwicklungs- oder Erprobungsphase.
5.2. Spritzen und Insulinpens
Kurt
„Ich habe von Anfang an Insulin gespritzt. Im ersten Moment war es schon komisch, sich selber zu spritzen. Aber ich hatte keine Angst vor Spritzen.“
Am Anfang kostet es viele Menschen mit Diabetes Überwindung, sich selbst eine Spritze zu setzen. Manche möchten sich so wenig wie möglich spritzen. Für Menschen mit Typ-2-Diabetes kann die Abneigung gegen die Injektionen ein Grund sein, eine Behandlung mit Insulin abzulehnen, obwohl das aus medizinischer Sicht eine sinnvolle Alternative wäre. [30]Harald
„Ich habe schon immer Angst vor Spritzen. Das war damals mein Hauptproblem. Die Ärzte haben mich dann gleich auf das Insulinspritzen mit einem Pen eingestellt. Das lief sehr gut. Die Ärztin hat mir die Angst genommen. Das war sehr wichtig für mich.“
Das Spritzen von Insulin selbst ist relativ unkompliziert. Mit ein wenig Übung dauert es kaum eine Minute, um sich mit einer herkömmlichen Spritze Insulin zu injizieren: Ampullen vorbereiten, Spritze aufziehen, Injektion, Geräte wieder einpacken. Noch einfacher sind Insulinpens ("pen", englisch für Stift), die die meisten Patientinnen und Patienten in Deutschland lieber benutzen. Sie haben etwa die Größe eines dicken Kugelschreibers. Pens enthalten Ampullen mit einem Insulinvorrat, der je nach Verbrauch etwa für eine Woche reicht. Mit einem Handgriff lässt sich einstellen, wie viele Einheiten gespritzt werden sollen. Mit einem zweiten Handgriff lässt sich die Dosis über eine dünne Nadel injizieren. Mit Übung geht das so unauffällig, dass man sich zum Beispiel auch im Restaurant am Tisch dezent Insulin spritzen kann.
Gesundheitliche Unterschiede zwischen beiden Injektionsmethoden gibt es jedoch nicht. Zuletzt hat eine kanadische Forschergruppe die Studien zusammengefasst, die Spritzen und Pens verglichen haben. [31] Nach dieser Analyse ließen sich zum Beispiel gemessen an der Blutzuckerkontrolle keine Unterschiede feststellen. Längere Studien, die auch Komplikationsraten verglichen haben, fand die Wissenschaftlergruppe nicht. Es spricht also nichts dagegen, bei der Wahl von Spritze oder Pen seinen eigenen Vorlieben zu folgen.
Es gibt auch Einweg-Pens, die fertig mit Insulin befüllt sind und nach Verbrauch der Füllung weggeworfen werden. Und es gibt verschiedene wiederbefüllbare Pens. Diese Pens werden von den Insulinherstellern oft kostenlos zur Verfügung gestellt. Dabei legt man sich mit einem Pen auch auf das Insulin eines bestimmten Herstellers fest. Die Form der Insulinampullen und die Befestigung der Injektionsnadel ist von Pen zu Pen so unterschiedlich, dass sich Pen und Ampulle verschiedener Hersteller nicht beliebig kombinieren lassen. Es kann sich also lohnen, verschiedene Pens anzuschauen und sie auszuprobieren, bevor man sich für einen entscheidet. Manche Menschen mögen den Pen eines bestimmten Herstellers lieber als den Pen eines anderen Herstellers. [32]
Konrad
„Ich benutze zwei verschiedene Pens, weil ich zwei verschiedene Insulinsorten benutze. Das muss man aber nicht.“
5.3. Insulinpumpen
Intensivierte Insulintherapie bedeutet, dass eine Person sich vier- bis fünfmal täglich eine Injektion gibt. Bereits in den 1970er-Jahren haben Firmen mit der Entwicklung von Insulinpumpen begonnen, die diese Injektionen so weit wie möglich automatisch vornehmen sollen. [33]Harald
„Das Schöne an der Pumpe ist ja, dass man sie sehr fein einstellen kann. Man hat fast wie ein gesunder Mensch eine gleichmäßige Zufuhr an Insulin. Je nachdem was ich esse, pumpe ich auch noch Insulin zusätzlich dazu. Man ist damit total flexibel. Meine Pumpe verfügt über einen Clip. Damit befestige ich sie meistens am Hemd unter dem Arm. Es gibt da aber auch andere Möglichkeiten. Man kann sie mit dem richtigen Rüstzeug quasi überall am Körper tragen.“
Moderne Pumpen sind etwas größer als eine Streichholzschachtel. Sie enthalten eine Insulinampulle, einen Akku und die Steuerungselektronik. Man sticht sich wie bei einer Injektion eine spezielle dünne Nadel an eine passende Stelle, diese Nadel wird dann aber mit Pflaster fixiert und über einen dünnen Schlauch (Katheter) dauerhaft mit der Pumpe verbunden. Die Nadel kann ein bis zwei Tage an Ort und Stelle bleiben, bis Injektionsstelle, Nadel und Katheter gewechselt werden sollten.
Die Insulinpumpe hat vor allem zwei Aufgaben: Zum einen wird sie so programmiert, dass sie zur Deckung des Grundbedarfs (Basalrate) regelmäßig eine kleine Menge schnellwirksames Insulin in den Körper pumpt. Zum anderen kann man sich zu den Mahlzeiten auf Knopfdruck zusätzliche Insulinmengen geben ("Insulinbolus"), so wie man es auch mit einer Spritze oder einem Pen täte. So lässt sich der Blutzucker auch zwischendurch sanft korrigieren. Diese bedarfsgerechte Insulinzufuhr hilft, starke Blutzuckerschwankungen zu vermeiden.
Da Menschen ihre Pumpen selbst programmieren, brauchen sie einiges an Wissen. Auch Erfahrungen mit der intensivierten Insulintherapie, mit der regelmäßigen Selbstmessung des Blutzuckers und selbstständigen Dosisanpassung sind nötig. Pumpen sind nicht für jeden Menschen mit Diabetes eine sinnvolle Alternative. [34] Viele spritzen lieber mehrfach täglich Insulin, statt eine Pumpe zu benutzen. Es findet nicht jeder angenehm, dauerhaft eine Nadel und einen dünnen Schlauch am Körper zu tragen.
Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass Menschen, die eine Pumpe benutzen, sich besonders gut mit ihrer Krankheit auskennen müssen, um Unter- und Überzuckerungen vermeiden zu können. [33] In Deutschland werden Pumpen speziell bei Patientinnen und Patienten mit größeren Schwankungen des Blutzuckerspiegels eingesetzt. [4] Eine Gruppe sind Menschen, deren Blutzucker regelmäßig in den frühen Morgenstunden deutlich ansteigt. Ärztinnen und Ärzte sprechen vom "Dawn-Phänomen" ("dawn", englisch für Sonnenaufgang). Eine weitere Gruppe sind Menschen, die sehr flexibel bleiben möchten, zum Beispiel weil sie beruflich oder privat oder sportlich sehr aktiv sind. Auch Frauen, die eine Schwangerschaft planen oder bereits schwanger sind, wählen oft eine Insulinpumpe.
Wenn folgende medizinische Gründe vorliegen, übernehmen die Krankenkassen in Deutschland die Kosten einer Insulinpumpe:
- Schwankende Blutzuckerwerte
- Häufige, schwere Unterzuckerungen, besonders nachts
- Verminderte Hypoglykämie-Wahrnehmung
- Schwangere Frauen oder Frauen, die eine Schwangerschaft planen
Die jüngste Zusammenfassung des Wissensstandes stammt von einer britischen Wissenschaftlergruppe. [34] Nach deren Ergebnissen ist die Stoffwechselkontrolle mit Pumpen etwas besser als mit Insulinspritzen. Studien, die zeigen, dass dies auch langfristige gesundheitliche Vorteile bringt, fehlen aber. Die britische Forschergruppe sieht in Pumpen keine dramatische Verbesserung der Behandlung für alle Patientinnen und Patienten, sondern eher eine nützliche Alternative für Menschen mit bestimmten Problemen oder Vorlieben. Im Allgemeinen schildern Personen, die längere Zeit eine Pumpe verwenden, die Anwendung positiv. [34] Das überrascht freilich nicht: Wenn sie nicht zufrieden wären, würden sie die Pumpe nicht dauerhaft benutzen. Das trifft auch auf Eltern zu, deren Kinder eine Insulinpumpe verwenden. Sie sehen in Pumpen einen Weg zu mehr Flexibilität für alle Familienmitglieder. [35]
Marit
„Die Entscheidung für eine Pumpe hat sich als richtig erwiesen. Am Anfang war es schwierig. Ich habe gedacht: "Oh Gott, jetzt immer dieses Gerät tragen!". Als ich dann gemerkt hatte, dass ich wirklich viel unabhängiger mit der Pumpe bin, dass ich keine Nadeln und keine Pens mehr mitnehmen muss, sondern nur die Pumpe bei mir habe, da war mir klar, dass es die richtige Entscheidung war. Ich stelle manchmal auch auf die intensivierte Therapie mit Pen um. Zum Beispiel war ich auf einer Hochzeit und wollte ein enges Kleid anziehen - da habe ich auf die intensivierte Therapie umgestellt. Ich bin da ja immer flexibel. Ich kann die Pumpe jederzeit ablegen. Beim Sport und in der Sauna mache ich sie auch für die Stunde ab. Das geht alles.“
5.4. Inhalatives Insulin
In Deutschland, den USA und einigen anderen Ländern wurde 2006 das erste inhalative Insulin für bestimmte Menschen mit Typ-1-und Typ-2-Diabetes zugelassen. [36] Grundprinzip ist, dass Insulin als sehr feines, trockenes Pulver aufbereitet wird, das bis tief in die Lunge eingeatmet werden kann. In den Lungenbläschen (Alveolen) kann ein Teil des Insulins durch die dünne Wand in das Blut übertreten. Dieses inhalative Insulin hieß "Exubera" und wurde auf der Basis von Humaninsulin hergestellt. Es wirkt so lange wie Normalinsulin, aber so schnell wie kurzwirksame Insulinanaloga. Es ersetzt nur das kurzwirksame Insulin, nicht das Basal- oder Basisinsulin. Menschen, die auch langwirksames Insulin brauchen, müssen dies weiterhin zusätzlich spritzen.Der Hersteller von Exubera hat jedoch am 18. Oktober 2007 bekannt gegeben, dass er die Produktion einstellen wird. Exubera ist nicht mehr erhältlich. Ob inhalatives Insulin in Zukunft vielleicht von anderen Herstellern wieder auf den Markt gebracht wird, ist noch unklar.
Das Gerät selbst ist deutlich größer als ein Asthmaspray. Der Inhalator hat im Transportzustand etwa das Format einer kleineren Getränkedose, zur Benutzung zieht man ihn auf die doppelte Größe auseinander. Für jede Inhalation muss das Gerät frisch mit einer Portion Insulin befüllt werden. Für höhere Dosierungen braucht man mehrere Portionen, was mehrfaches Inhalieren erforderlich macht. Beim Spritzen ist eine solche Mehrfachanwendung nicht notwendig.
Das Insulin wird durch ein Mundstück mit einem langsamen und tiefen Atemzug inhaliert. Teile des Inhalators sollen laut Gebrauchsanweisung regelmäßig gespült werden, andere Teile sollen alle zwei Wochen ausgetauscht werden. Wie zu Beginn jeder anderen Insulinbehandlung müssen Anwenderinnen und Anwender den Umgang mit dem inhalativen Insulin lernen.
Forscherinnen und Forscher des IQWiG kamen in einer systematischen Zusammenfassung der geeigneten Studien zu der Bewertung, dass die derzeit vorhandenen Daten nicht ausreichen, Nutzen und Risiken des inhalativen Insulins zu beurteilen. [36] Eine ausführliche Zusammenfassung dieser Bewertung finden Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.271.de.html) .
Nach den bisherigen Studien können Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes ihren Blutzuckerspiegel durch die Inhalation etwa ebenso gut kontrollieren wie durch herkömmliche Injektionen. Zu den offenen Fragen gehört die langfristige Sicherheit: Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes kam es während der Behandlung mit inhalativem Insulin etwas häufiger zu schweren Unterzuckerungen.
Nach Vorgabe der Zulassungsbehörden dürfen bestimmte Menschen Insulin generell nicht inhalieren, dazu gehören vor allem Raucherinnen, Raucher und Personen mit Lungenerkrankungen wie Asthma und chronisch obstruktiver Bronchitis (COPD). Weil das Einatmen des Insulinpulvers bei manchen Menschen die Lungenfunktion spürbar verschlechtern kann, muss die Lungenfunktion vor Beginn der Behandlung mit inhalativem Insulin geprüft und dann überwacht werden.
Inhalatives Insulin ist sicherlich nicht die letzte Neuerung in der Diabetes-Therapie. Weitere Behandlungsmöglichkeiten sind bereits in Entwicklung. Sobald es wichtige Neuerungen gibt, werden wir diesen Beitrag aktualisieren.
Konrad
„Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in meinem Leben auf etwas Bestimmtes durch den Diabetes verzichten muss. Ich muss ein wenig bewusster essen. Wenn man Appetit auf Schokolade oder ein Eis hat, dann kann man auch etwas davon essen. Aber eben in Maßen. Ich glaube nicht, dass ich wirklich etwas vermisse. Ich achte jetzt ein bisschen mehr auf meinen Körper und auf das, was in meinem Körper passiert. Ich sehe die Krankheit nicht unbedingt als negativ für mich an.“
Marit
„Der Diabetes ist nicht das Schlimmste, was mir passiert ist. Ich gehe seit der Diagnose viel bewusster mit mir um. Ich kenne meinen Puls, meinen Blutzucker, meinen Körper und ich weiß sofort, wenn etwas nicht stimmt. Es ist nicht immer so, dass ich den Diabetes als Riesenbelastung empfinde. Ich setze mich damit auseinander. Ich habe schon eine hohe Lebensqualität.“
Glossar
Hormone
Cochrane Collaboration
Asthma
Diabetes mellitus
Zuckerkrankheit
Netzhaut
Alveolen
Bronchitis
COPD
Katheter
Lungenbläschen
Immunsystem
Inhalatives Insulin
Humaninsulin
Insulinanaloga
Insulin
Inhalator
Insulinpumpen
subkutan
Schweine-Insulin
Unterzuckerung
Spritz-Ess-Abstand
HbA1c
Verzögerungsinsulin
Bauchspeicheldrüse
paVk
Insulinbolus
Basisinsulin
Normalinsulin
Insulinwirkung
Hyperglykämie
Hypoglykämie
Rinder-Insulin
Insulinanalogon
Insulinpens
NPH
periphere arterielle Verschlusskrankheit
Überzuckerung
Blutkörperchen
Entzündung
Stoffwechselerkrankung
Resistenz
Neuropathie
Diagnose
Therapie
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