Inhalative Insulinbehandlung: Wie sicher ist Insulin zum Einatmen?
Die derzeit vorhandenen Daten reichen nicht aus, um den langfristigen Nutzen und Schaden des inhalativen Insulins verlässlich einzuschätzen. Den meisten Menschen mit Diabetes kann die Inhalation das Spritzen nicht völlig ersparen. Der Hersteller von inhalativem Insulin hat sein Präparat mit Handelsnamen Exubera mittlerweile wieder vom Markt genommen.
In Deutschland, den USA und in anderen Ländern war Anfang des Jahres 2006 das erste Insulin zum Einatmen (inhalatives Insulin, Handelsname "Exubera") für bestimmte Menschen mit Typ-1- und mit Typ-2-Diabetes zugelassen worden. Exubera setzt sich aus einer speziellen Insulinzubereitung und einem Gerät zur inhalativen Anwendung zusammen. Exubera ist ein Trockenpulver auf Basis von Humaninsulin, dessen Wirkung ungefähr so lange anhält wie bei Humaninsulin, das aber gleichzeitig so schnell anfängt zu wirken wie kurzwirksame Insulinanaloga.
Der Hersteller von Exubera hatte am 18. Oktober 2007 bekannt gegeben, dass er die Produktion seines inhalativen Insulins einstellen wird. Exubera ist mittlerweile nicht mehr erhältlich. Eventuell wird inhalatives Insulin in Zukunft von anderen Herstellern wieder auf den Markt gebracht. Mehr über Insulinanaloga berichten wir hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.270.de.html) . Sie können mehr über Insulin und Diabetes auch in unserem Artikel (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.264.de.html) und Merkblatt (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.258.de.html) lesen oder unseren Film (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.268.de.html) ansehen.
Den meisten Menschen mit Diabetes hätte die Inhalation von Insulin aber sowieso nicht alle Injektionen ersparen können, denn Exubera konnte nur das kurzwirksame Insulin ersetzen. Patientinnen und Patienten, die auch länger wirksames Insulin (Basalinsulin) brauchen, müssen dies weiterhin zusätzlich spritzen.
Das Gerät selbst ist deutlich größer als ein Asthmaspray. Der Inhalator hat im Transportzustand etwa das Format einer kleineren Getränkedose, zur Benutzung muss man ihn auf die doppelte Größe auseinanderziehen. Für jede neue Inhalation muss das Gerät dann mit einer neuen Portion Insulin befüllt werden. Für höhere Dosierungen braucht man mehrere Portionen und muss deswegen mehrfach inhalieren. Beim Spritzen wäre dagegen eine solche Mehrfachanwendung normalerweise nicht nötig. Das inhalative Insulinpräparat war als sehr feines, trockenes Pulver in Blister-Packungen mit verschiedenen Dosierungen erhältlich und wird durch ein Mundstück mit einem langsamen, tiefen Atemzug inhaliert. Damit gelangt das Insulinpulver tief in die kleinen Lungenbläschen und von dort in den Blutkreislauf. Die überwiegende Menge an Insulin verbleibt allerdings bei dieser Methode in den Atemwegen und wird nicht ins Blut aufgenommen.
Die Teile des Inhalators sollen laut Gebrauchsanweisung regelmäßig gespült werden, alle anderen Teile müssen alle zwei Wochen ausgetauscht werden.
Wie zu Beginn jeder anderen Insulinbehandlung müssen Anwenderinnen und Anwender den Umgang mit Insulin lernen, im Falle des inhalativen Insulins also, welche Menge sie wann inhalieren sollten. In Schulungskursen wurden sie auch in die Handhabung des Inhalationsgerätes eingewiesen.
Typ-2-Diabetes
Die Zulassungsbehörden hatten das inhalative Insulin im Januar 2006 unter bestimmten Auflagen für eine Gruppe von Patientinnen und Patienten zugelassen. Zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen war es nicht freigegeben worden. Infrage kam es laut Zulassungsunterlagen "zur Behandlung von erwachsenen Menschen mit Typ-2-Diabetes, die mit oralen Antidiabetika nicht zufriedenstellend eingestellt sind und eine Insulinbehandlung benötigen". Diese Personen konnten allerdings jederzeit auch eine Insulinbehandlung per Insulin-Pen oder -Spritze wählen.
Zusammen mit der Universitätsklinik Düsseldorf hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) die vorhandenen Studien zu inhalativem Insulin bewertet. Das Ergebnis: Exubera wurde nur in einer Studie mit insgesamt etwa 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Typ-2-Diabetes mit gespritztem Humaninsulin verglichen. Diese Daten reichten nicht aus, um den Nutzen und Schaden des inhalativen Insulins im Vergleich zu injiziertem Insulin verlässlich einschätzen zu können. Nach dieser Studie gibt es für Menschen mit Typ-2-Diabetes keinen Nachweis eines gesundheitlichen Vorteils, wenn sie sich mit inhalativem Insulin behandeln statt mit injiziertem Humaninsulin.
Die bisherigen Studien haben nicht lange genug gedauert, um beurteilen zu können, ob sich eine Behandlung mit inhalativem Insulin auch auf das Auftreten von diabetesbedingten Folgeerkrankungen auswirkt.
Typ-1-Diabetes
Inhalatives Insulin war von den Behörden auch freigegeben worden für die Behandlung von "erwachsenen Menschen mit Typ-1-Diabetes", bei denen das Insulin "zusätzlich zu langwirkendem oder verzögert wirkendem, injiziertem Insulin nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung" eingesetzt werden konnte. Aber auch für Menschen mit Typ-1-Diabetes lieferten Studien bislang keine Belege für eine bessere Blutzuckerkontrolle: Gemessen am HbA1c-Wert zeigten sich keine bedeutenden Unterschiede zwischen den Personen, die Insulin gespritzt, und denen, die es inhaliert hatten.
Auch bei Menschen mit Typ-1-Diabetes kann aufgrund der vorliegenden Studien bisher nicht abgeschätzt werden, ob sich eine Behandlung mit inhalativem Insulin auch auf das Auftreten von diabetesbedingten Folgeerkrankungen auswirkt.
Bewertung durch die Patientinnen und Patienten
Eine weitere wichtige Frage ist, wie Menschen mit Diabetes die Behandlung mit inhalativem Insulin im Vergleich zu Spritzen oder Insulin-Pens bewerten. Nur ein Teil der bisher veröffentlichten Studien gibt Auskunft zur Behandlungs- und Lebensqualität, aber nicht alle Voraussetzungen für einen fairen Vergleich waren erfüllt. Einen ausreichenden Vergleich mit Pensystemen oder Pumpen gibt es zum Beispiel bislang nicht. In den Studien war vermutlich überwiegend von Menschen die Rede, die Spritzen benutzen. In Deutschland sind jedoch vor allem Insulin-Pens und Insulinpumpen verbreitet, nur wenige Patientinnen und Patienten benutzen Spritzen. Nach den bisherigen Daten empfanden die Studienteilnehmenden, die inhalatives Insulin benutzt hatten, dies als eine Verbesserung ihrer Lebensqualität und waren etwas zufriedener mit ihrer Behandlung als die Menschen, die Spritzen verwendet hatten.
Nebenwirkungen
Die Auswertung der Studien zeigte wieder, dass nicht alle Voraussetzungen für einen fairen Vergleich erfüllt waren. Daher konnten die Studien nicht alle wichtigen Fragen beantworten.
Menschen mit Typ-1-Diabetes hatten häufiger schwere Unterzuckerungen, wenn sie Insulin inhalierten. Außerdem trat bei Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern, die Insulin inhalierten, häufiger eine Erhöhung der Insulin-Antikörper im Blut auf als bei Menschen, die Insulin spritzten. Wie sich diese Antikörper auswirken, ist unklar.
Die Inhalation von Insulin hat Auswirkungen auf die Funktion der Lunge. Bei etwa einem Viertel der Patientinnen und Patienten löste das Einatmen des Insulins einen leichten Husten aus.
Grundlage der Zulassung des inhalativen Insulins sind Studien, die nur wenige Monate gedauert haben. Sie können daher keine Auskunft über die langfristige Sicherheit der Inhalation geben. Die bisherigen Daten geben aber Anlass zur Vorsicht.
Mögliche Risiken bei der Langzeitanwendung sind nicht auszuschließen. Vor Beginn der Behandlung mit inhalativem Insulin und nach den ersten sechs Therapiemonaten muss die Lungenfunktion überprüft werden. Abhängig vom Ergebnis dieser Kontrolluntersuchung muss die Lungenfunktion in jährlichen Abständen oder schon nach drei Monaten erneut gemessen werden. Verschlechtert sich der gemessene Wert (FEV1) um mehr als 20 Prozent, muss die Behandlung mit Exubera beendet werden.
Nach Vorgabe der Zulassungsbehörden ist inhalatives Insulin für die folgenden Gruppen nicht geeignet:
- Menschen mit schwerem Asthma
- Menschen mit einer schweren chronischen obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) wie Emphysem oder chronische Bronchitis
- Raucherinnen und Raucher
- Exraucherinnen und Exraucher, die innerhalb der vorhergehenden sechs Monate noch geraucht haben
Bei Raucherinnen und Rauchern ist eine erhebliche Gefährdung durch die Anwendung von inhalativem Insulin nicht auszuschließen, weil Rauchen einen deutlichen steigernden Einfluss auf die Insulinaufnahme aus den Atemwegen mit der Gefahr schwerer Unterzuckerungen hat.
Die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen ist generell nicht zugelassen. Auch bei Schwangeren wurde die Behandlung mit inhalativem Insulin noch nicht ausreichend überprüft und ist daher nicht zugelassen. Welches Risiko die unter Behandlung mit inhalativem Insulin häufig beobachteten Insulin-Antikörper für das ungeborene Kind darstellten, sei unbekannt, heißt es in den Zulassungsunterlagen.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Hinweis
Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website www.g-ba.de (URL: http://www.g-ba.de/) .
- Erstellt am: 30. Mai 2007 16:18
- Letzte Aktualisierung: 03. Mai 2012 15:26
- Quellen:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Inhalatives Insulin (Exubera). Rapid Report A05-22. Version 1.0. Köln: IQWiG. April 2006. [Volltext (URL: http://www.iqwig.de/download/A05-22_Rapid_Report_Inhalatives_Insulin_Exubera.pdf) ]