Darmkrebs: Kann Kalzium vorbeugen?

Darmkrebs entsteht fast immer im Dickdarm oder Kolon. Das Erkrankungsrisiko ist generell niedrig, kann aber zum Beispiel deutlich erhöht sein, wenn bereits bei nahen Angehörigen Darmkrebs gefunden wurde. Darmkrebs entsteht Schritt für Schritt über Jahre hinweg. Eine erste, noch harmlose Stufe sind gutartige Wucherungen der Darmschleimhaut. Diese Wucherungen werden Polypen oder Adenome genannt. Die weitaus meisten Polypen bleiben klein und harmlos. Einige können aber recht groß werden, und damit steigt das Risiko, dass sich in ihnen Darmkrebs entwickelt. Nach Schätzungen werden nur etwa fünf von 100 Darmpolypen (5%) jemals bösartig. Es dauert etwa fünf bis zehn Jahre, bis sich in einem solchen Polypen Krebs entwickelt.
Forscher vermuten seit Jahrzehnten, dass es einen Zusammenhang zwischen Darmkrebsrisiko und Ernährung gibt. Bislang ist aber unklar, ob sich bestimmte Lebensmittel oder Nahrungsbestandteile zur Vorbeugung nutzen lassen. Kalzium ist einer der Kandidaten, die derzeit genauer wissenschaftlich untersucht werden. Laborexperimente und Tierversuche zeigen, dass Kalzium möglicherweise die Entwicklung von Darmkrebszellen behindert. Kalzium kommt natürlicherweise vor allem in Milch und Milchprodukten vor. Zur Vorbeugung von Darmkrebs werden allerdings relativ hohe Dosierungen erprobt, die durch normale Ernährung nur schwer zu erreichen sind.
Den aktuellen Stand des Wissens beschreibt eine systematische Übersicht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Cochrane Collaboration. Sie haben alle Studien zusammengesucht, in denen Kalzium gegen Darmkrebs erprobt wurde. Die Ausbeute war begrenzt: Die Wissenschaftler haben zwei Studien gefunden, an denen zusammen mehr als 1.300 Personen teilgenommen haben. Dabei handelte es sich um so genannte randomisiert-kontrollierte Studien. Das Prinzip: Freiwillige Versuchsteilnehmer lassen sich per Los zwei Gruppen zuordnen - nur die eine Gruppe erhält ein Kalziumpräparat, die andere ein kalziumfreies Placebo oder ein anderes Nahrungsergänzungsmittel. An beiden Studien haben Männer und Frauen teilgenommen, bei denen vorher bereits Wucherungen der Darmschleimhaut, so genannte adenomatöse Polypen, gefunden und entfernt worden waren.
In der einen Studie betrug die tägliche Kalziummenge 1.200 Milligramm für ca. vier Jahre. In der zweiten Studie, 2.000 Milligramm für ca. drei Jahre. Nach dieser Zeit wurden dann alle Teilnehmer erneut per Darmspiegelung untersucht, um vergleichen zu können, bei wie vielen Teilnehmern sich neue Polypen entwickelt hatten. Diese Menschen könnten ein höheres Risiko haben, an Darmkrebs zu erkranken.
Das Ergebnis: Sehr wenige Teilnehmer sind innerhalb der drei bis vier Jahre an Darmkrebs erkrankt - unabhängig von der Kalziumzufuhr. Die Anzahl der Krebserkrankungen war zu klein, um Schlüsse ziehen zu können, ob Kalzium das Darmkrebsrisiko vermindern kann. Deutlicher zeichnete sich eine Wirkung auf Polypen ab. Pro 100 Personen, die Kalziumpräparate eingenommen hatten, waren 23 neue Darmpolypen herangewachsen (23%); pro 100 Teilnehmer der Placebogruppe waren es hingegen 29 (29%). Der Unterschied spricht für eine vorbeugende Wirkung, allerdings bleiben die Cochrane-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorsichtig. Eine Maßnahme, die das Wachstum von gutartigen Polypen abbremst, muss nicht unbedingt auch gegen Darmkrebs wirksam sein. Es lohnt sich aber, der Frage weiter nachzugehen.
In einer großen amerikanischen Studie, der Women`s Health Initiative (WHI) Studie wurde untersucht, ob ein vergleichsweise gering dosiertes Kalziumpräparat, das auch Vitamin D enthält, vor Darmkrebs schützen kann. An dieser Studie nahmen mehr als 36.200 Frauen nach den Wechseljahren teil, deren Darmkrebsrisiko nicht besonders hoch ist. Die Teilnehmerinnen nahmen das Präparat im Durchschnitt sieben Jahre lang. In dieser Zeit zeigte sich kein vorbeugender Effekt gegen Darmkrebs.
Allerdings untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Darm der Frauen zu Beginn der Studie nicht sorgfältig, und am Ende der Studie wurden nicht alle Frauen mit Hilfe von eindeutigen Darmuntersuchungen nach Zeichen für Darmkrebs untersucht. Die Dosierung des Kalziums war in dieser Studie geringer als in den Studien der Cochrane-Übersicht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane-Übersicht schlussfolgerten daher, dass sich die WHI-Studie nicht optimal eignet, um zu klären, ob Kalzium vor Darmkrebs schützen kann oder nicht.
Mehr über Darmkrebs und Vorbeugung von Darmkrebs lesen Sie in unserem Spezial.
- Erstellt am: 14. Februar 2006 10:00
- Letzte Aktualisierung: 24. April 2008 21:21
- Historie: Liste anzeigen
- Quellen:
Wactawski-Wende J, Kotchen JM, Anderson GL, Assaf AR et al (Women's Health Initiative Investigators). Calcium plus vitamin D supplementation and the risk of colorectal cancer. N Engl J Med 2006; 354: 684-696. [Volltext]
Weingarten MA, Zalmanovici A, Yaphe J. Dietary calcium supplementation for preventing colorectal cancer and adenomatous polyps. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 1. [Cochrane-Zusammenfassung]
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