Guillain-Barré-Syndrom: Können Kortikosteroide die Genesung unterstützen oder verzögern?
Ob Kortikosteroide (Kortison) bei einem Guillain-Barré-Syndrom längerfristig das Behandlungsergebnis verbessern, ist nicht nachgewiesen. Kortisontabletten könnten die Genesung möglicherweise sogar verzögern.
Es bekommen zwar nur ein oder zwei von 100.000 Menschen ein Guillain-Barré-Syndrom (GBS), doch die Erkrankung kann sehr schwer und beängstigend verlaufen. Ältere Personen sind häufiger betroffen, aber es kann auch bei jungen Menschen auftreten. Ein GBS fängt mit Kribbeln und Taubheit in den Gliedern an. Diese Symptome können sehr schnell bis zu extremer Schwäche voranschreiten, so dass die Menschen oft nicht mehr in der Lage sind zu gehen. Auch die Gesichtsmuskeln und die Fähigkeit zu schlucken können betroffen sein, und bis zu einem Viertel der Menschen mit GBS benötigen ein Beatmungsgerät. Bei den meisten ist die Erkrankung allerdings viel schwächer ausgeprägt.
Viele Menschen erholen sich innerhalb von einigen Wochen oder Monaten, einige sterben jedoch an der Erkrankung. Innerhalb von vier Wochen ist das schlimmste Stadium erreicht, die vollständige Genesung kann aber Monate dauern. Bei etwa einem von 10 Menschen kommt es zu bleibenden schweren Behinderungen (10 %).
Das GBS tritt oft nach einer Virusinfektion auf, manchmal aber auch nach Impfungen oder Operationen. Bisher weiß man nicht mit Sicherheit, warum manche Menschen daran erkranken. Es wird vermutet, dass es sich um eine Autoimmunreaktion handelt. Das bedeutet, das körpereigene Abwehrsystem (Immunsystem) greift das eigene Nervensystem an, statt das Virus oder den Impfstoff zu bekämpfen, der in den Körper eingedrungen ist.
Behandlungsmöglichkeiten bei einem Guillain-Barré-Syndrom
Es ist keine ursächliche Behandlungsmethode für ein GBS bekannt. Es werden jedoch verschiedene Behandlungsverfahren eingesetzt mit dem Ziel, die Genesung zu beschleunigen. Die häufigsten Behandlungen sind die Immunglobulin-Therapie, der Austausch des Blutplasmas und die Behandlung mit Kortikosteroiden (meist Kortison genannt) wie Prednisolon.
Die Antikörper im Blut sind Immunglobuline (Eiweiße). Bei einer Immunglobulinbehandlung wird ein Präparat eingesetzt, das aus Blutplasma gesunder Menschen hergestellt wird. Das Verfahren ist ähnlich wie eine Bluttransfusion. Diese Therapie kann Menschen dabei helfen, sich schneller vom GBS zu erholen – über welche Mechanismen genau sie hilft, ist nicht bekannt.
Das Plasma ist der flüssige Anteil des Blutes. Beim Plasmaaustausch wird dem Blutkreislauf Flüssigkeit entnommen und durch andere Flüssigkeit ersetzt. Dies soll die Zahl der durch das GBS fehlgesteuerten Antikörper verringern, die im Blut zirkulieren und das Nervensystem schädigen.
Kortikosteroide sind Medikamente, die Entzündungen abschwächen können. Da sich bei Menschen mit GBS die Nerven entzündet haben, könnten Kortikosteroide möglicherweise die Nervenschäden verringern. Die Medikamente können allerdings auch unerwünschte Wirkungen haben. Zum Beispiel können sie das Risiko erhöhen, sich eine Infektion zuzuziehen.
Forschungsergebnisse zur Behandlung mit Kortikosteroiden
Um herauszufinden, ob Kortikosteroide die Genesung bei einem GBS beschleunigen und dessen Folgen verringern, haben Wissenschaftler der Cochrane Collaboration klinische Studien zu dieser Behandlung analysiert. Die Cochrane Collaboration ist ein internationales Forschungsnetzwerk, das Studien zum Nutzen medizinischer Maßnahmen systematisch aufbereitet. Die Wissenschaftler fanden 8 Studien. Aber nur in 6 Studien wurden Behinderungen auf eine Weise erfasst, die hilfreich ist, um wichtige Fragen zum Nutzen der Kortikosteroidtherapie für Patienten beantworten zu können. Warum bei Studien ein bestimmtes Vorgehen wichtig ist, um herauszufinden, ob eine medizinische Maßnahme wirkt, können Sie hier nachlesen. Gut 580 Menschen mit GBS nahmen an diesen sechs Studien teil.
Bei den Teilnehmenden, die Kortikosteroide anwendeten, waren ein Jahr danach nicht weniger Behinderungen aufgetreten als bei jenen, die nur ein Präparat ohne Wirkstoff (Placebo) oder eine Immunglobulin-Therapie erhalten haben. Bei kurzzeitigen Kortikoidtherapien traten schwere unerwünschte Wirkungen selten auf. Allerdings könnten die Teilnehmenden, die Kortikoide anwendeten, ein geringfügig erhöhtes Risiko haben, eine Diabeteserkrankung zu entwickeln. Die Studien geben Hinweise darauf, dass die Gabe von Kortikosteroiden in die Venen (intravenöse Therapie) zusätzlich zu einer Immunglobulin-Therapie innerhalb der ersten Wochen einen kurzzeitigen Nutzen haben könnte. Es ist aber mehr Forschung nötig, um sich dessen sicher sein zu können.
Die Forscher haben festgestellt, dass Kortikosteroide, wenn sie als Tabletten eingenommen werden, die Genesung sogar verzögern könnten. Doch auch um diese Frage zu beantworten, ist mehr Forschung nötig. Ein möglicher Grund wäre, dass die frühzeitige intravenöse Behandlung während der akuten Entzündungsphase nützlich sein könnte. Tabletten hingegen werden über längere Zeit eingenommen und könnten daher vielleicht noch unbekannte Schäden verursachen. So wäre es zum Beispiel denkbar, dass Kortikosteroide eine positive Wirkung auf entzündete Nerven haben, auf die Muskeln jedoch anders wirken. Nach derzeitigem Wissen kann eine früh eingesetzte Immunglobulin-Therapie die Behandlungsergebnisse vier Wochen nach einem GBS verbessern. Es ist jedoch noch unklar, ob die zusätzliche Gabe von Kortikosteroiden unterstützend wirkt.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Letzte Aktualisierung: 11. August 2010 15:03
- Erstellt am: 17. Januar 2008 12:48
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Hughes RAC, Raphaël J-C, Swan AV, van Doorn PA. Intravenous immunoglobulin for Guillain-Barré syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006, Issue 1. [Cochrane-Zusammenfassung]Hughes RAC, Swan AV, van Doorn PA. Corticosteroids for Guillain-Barré syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 2. [Cochrane-Zusammenfassung]
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