Frühgeburt und sehr geringes Geburtsgewicht: Werden Frühgeborene in Krankenhäusern mit größeren Behandlungszahlen besser versorgt?

Photo von Frühgeborenem
Frühgeborene, die auf großen Neugeborenenstationen betreut werden, scheinen ein geringeres Sterberisiko zu haben. Was die genauen Ursachen dafür sind, ist noch nicht klar.

Frühgeburten kommen relativ häufig vor: In Deutschland werden etwa 7 von 100 Säuglingen zu früh auf die Welt gebracht (7 %), und ungefähr eins von 100 Neugeborenen hat ein Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm (1 %). Die Anzahl der Kinder mit sehr geringem Geburtsgewicht hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: So bekommen immer mehr Frauen in einem höheren Alter Kinder und es entstehen mehr Schwangerschaften durch künstliche Befruchtung. Dies und auch Mehrlingsschwangerschaften erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt.

Je früher ein Kind geboren wird, umso kleiner und weniger entwickelt ist es. Der Körper eines Frühgeborenen ist für das Leben außerhalb der Gebärmutter meist noch nicht bereit. Normalerweise wiegen Neugeborene bei ihrer Geburt ab etwa 2500 Gramm. Frühgeborene werden nach ihrem Geburtsgewicht in drei Gruppen unterteilt:

  • Neugeborene mit extrem geringem Geburtsgewicht (unter 1000 g)
  • Neugeborene mit sehr geringem Geburtsgewicht (1000 bis 1500 g)
  • Neugeborene mit geringem Geburtsgewicht (1500 bis 2500 g)

Neugeborene, die unter 1500 Gramm wiegen, haben ein besonders hohes Risiko für Komplikationen. Es dauert etwa 32 Wochen, bis die Lungen eines Säuglings soweit herangereift sind, dass er eigenständig atmen kann. Daher haben sehr früh geborene Kinder vor allem Probleme mit der Atmung. Andere Komplikationen, die bei Frühgeborenen auftreten können, sind beispielsweise Hirnblutungen, Darmentzündungen und Infektionen. Man kann allerdings viel dafür tun, um diese Risiken zu senken. Mehr darüber erfahren Sie in unserem Merkblatt.

Versorgung durch ein Spezialistenteam

Wenn eine Frau ein hohes Risiko für eine Frühgeburt hat, ist es besonders wichtig, dass sie ihr Kind in einem Krankenhaus mit einem gut ausgestatteten Perinatalzentrum zur Welt bringt (der griechische Begriff "perinatal" bedeutet "zeitlich um die Geburt herum"). In Perinatalzentren arbeiten Spezialistenteams, die sehr kleine oder sehr früh geborene Babys bestmöglich betreuen und überwachen können. Es stehen spezielle Geräte bereit, die das Kind bei der Atmung unterstützen und unter anderem dafür sorgen, dass ihre Körpertemperatur nicht absinkt.

Für Frühgeborene ist eine gute Versorgung entscheidend. Gerade sehr früh geborene Säuglinge benötigen häufig viel Unterstützung, damit sie richtig atmen können und ihre Lungen sich gut entwickeln. Sie müssen ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden und warm bleiben. Neugeborenen-Intensivstationen sind dafür entsprechend ausgestattet. Wenn ein Frühgeborenes in dem Krankenhaus, in dem es geboren wurde, nicht optimal versorgt werden kann, ist es oft erforderlich, dass es in ein anderes Krankenhaus mit einem gut ausgestatteten Perinatalzentrum kommt.

Fachleute diskutieren schon länger darüber, welche Rolle die Erfahrung und Übung von Ärztinnen, Ärzten, Hebammen und Pflegekräften für die Qualität der Versorgung von Frühgeborenen spielt. Zurzeit wird in Deutschland darüber diskutiert, ob bei der Versorgung von Säuglingen mit einem sehr geringen Geburtsgewicht und von Säuglingen, die vor der vollendeten 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden, sogenannte Mindestmengen an Betreuungen eingeführt werden sollen. Das würde bedeuten, dass Krankenhäuser diese Säuglinge nur noch dann versorgen dürfen, wenn sie jedes Jahr mehr als eine festgelegte Mindestanzahl an Frühgeborenen behandeln.

Neben der praktischen Erfahrung des Krankenhauspersonals beeinflussen jedoch noch eine Reihe weiterer Faktoren - unabhängig von der Anzahl der betreuten Frühgeborenen - die Qualität der Versorgung. Dazu gehören zum Beispiel die Ausbildung des Personals und die Ausstattung der Frühgeborenenstation. Wichtig ist auch, dass ein Perinatalzentrum rund um die Uhr gewährleisten kann, dass genug Fachkräfte verfügbar sind.

In Deutschland entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) darüber, ob und welche Mindestmengen in Krankenhäusern eingeführt werden sollen. Vor diesem Hintergrund hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Düsseldorf Studien zu dieser Frage ausgewertet.

Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Behandlungszahlen und Säuglingssterblichkeit

Das IQWiG hat insgesamt zehn Untersuchungen in seine Bewertung einbezogen, drei davon wurden in Deutschland durchgeführt. In acht dieser Studien wurde rückblickend geprüft, ob Frühgeborene und Neugeborene mit sehr geringem Geburtsgewicht in Krankenhäusern mit großen Behandlungszahlen häufiger überlebt haben als in Krankenhäusern, in denen nur wenige Frühgeborene versorgt wurden.

Wie sich ein sehr früh geborenes Baby entwickelt, hängt von sehr vielen Faktoren ab, zum Beispiel dem Geburtszeitpunkt und dem Geburtsgewicht des Kindes. Daher hat das IQWiG besonders darauf geachtet, ob die Untersuchungen solche Faktoren bei der Auswertung der Daten berücksichtigt haben. Insgesamt bescheinigte das IQWiG sechs der zehn Untersuchungen eine gute Aussagekraft.

Sterberisiko scheint in großen Perinatalzentren geringer zu sein

Insgesamt weisen die ausgewerteten Daten deutlich auf einen statistischen Zusammenhang zwischen den Behandlungszahlen und der Sterblichkeit von Frühgeborenen hin: Diese war in Spezialzentren mit größeren Behandlungszahlen geringer.

Allerdings war keine der Untersuchungen darauf angelegt, eine konkrete Mindestmenge zu ermitteln. Daher empfiehlt das IQWiG, sofern Mindestmengen eingeführt werden, diesen Prozess wissenschaftlich zu begleiten, um zu erfassen, ob und wie sich eine solche Maßnahme auswirkt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen aber auch, dass bei der Versorgung von sehr früh geborenen Babys viele andere Faktoren berücksichtigt werden müssen. So sollte ein Perinatalzentrum gut ausgestattet sein, über ausreichend Fachkräfte verfügen und die Neugeborenen rund um die Uhr überwachen und betreuen können.

Da die Gesundheit eines Frühgeborenen von so vielen individuellen Faktoren beeinflusst wird, ist es schwierig, eine Vorhersage darüber zu machen, wie gut sich ein Kind entwickelt. Die meisten Säuglinge können das Krankenhaus jedoch ungefähr zu dem Zeitpunkt verlassen, an dem sie termingerecht geboren worden wären. Näheres dazu können Sie in unserem Merkblatt lesen.


Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

  • Erstellt am: 24. Oktober 2008 11:55
  • Letzte Aktualisierung: 12. November 2009 15:44
  • Historie: Liste anzeigen
  • Quellen:



    Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und Ergebnis bei der Versorgung von Früh- und Neugeborenen mit sehr geringem Geburtsgewicht. Abschlussbericht V07-01. Version 1.0. Köln: IQWiG. August 2008. [Volltext]

    Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Frühgeburt und vorgeburtliche Steroidbehandlung (Merkblatt). Köln: IQWiG. März 2008. [Volltext]


    Foto: www.flickr.com/photos/kqedquest/855046640/

Links zum Glossar

Sollen die Glossarbegriffe verlinkt werden?

Themen vorschlagen

Vermissen Sie ein Thema? Hier können Sie uns Vorschläge zusenden, wir berücksichtigen Ihren Bedarf bei der Auswahl neuer Themen.

Nutzerbefragung

Um unsere Webseite laufend zu verbessern, benötigen wir Ihre Mithilfe.
Bitte nehmen Sie hierzu an unserer Befragung teil.

Zertifiziert durch