Früherkennungsprogramme: Haben Sehtests für alle Vorschulkinder mehr Vor- als Nachteile?
Fachleute gehen davon aus, dass sich die Sehfähigkeit vor allem in den ersten fünf Lebensjahren entwickelt. Sie vermuten, dass Sehschwächen möglichst früh erkannt und behandelt werden müssen, um lebenslange Fehlsichtigkeiten zu vermeiden und Probleme bei der schulischen und sozialen Entwicklung zu verhindern. Daher wurde 2008 eine zusätzliche Früherkennungsuntersuchung für alle gesetzlich krankenversicherten Kinder im Vorschulalter eingeführt (U7a), die insbesondere zur Erkennung von Sehschwächen dienen soll. Diese ergänzt die bereits bestehenden Früherkennungsprogramme für Kinder ("U-Untersuchungen") und richtet sich an Kleinkinder im 34. bis 36. Lebensmonat.
Ob Kinder von einer Früherkennungsuntersuchung (Screening) auf Sehschwächen profitieren können, hängt jedoch von vielen Faktoren ab:
- Wenn die Sehschwäche korrigiert werden kann oder eine frühe Diagnose den Umgang damit für Eltern und Kind einfacher macht, kann ein Screening sinnvoll sein. Wenn nicht, würde eine frühe Diagnose Eltern und Kinder unnötig beunruhigen.
- Eine frühe Behandlung sollte einen größeren Nutzen für das Kind mit sich bringen als eine Behandlung zu einem späteren Zeitpunkt.
- Es muss einen Test geben, mit dem Ärztinnen und Ärzte Sehschwächen zuverlässig diagnostizieren können.
Eine zuverlässige Früherkennungsuntersuchung hat zwei Eigenschaften: Zum einen entdeckt sie möglichst alle Kinder mit einer Sehschwäche, sodass sie frühzeitig behandelt werden können. Zum anderen stuft sie normalsichtige Kinder nicht als sehschwach ein. Wenn ein Screening-Test irrtümlich eine Sehschwäche feststellt, kann ein solcher Fehlalarm zu unnötigen und möglicherweise schädlichen Behandlungen führen. Fachleute sprechen hierbei von "falsch-positiven" Testergebnissen. Wenn ein Test jedoch die Sehschwäche eines Kindes übersieht, sind die Eltern vielleicht zu Unrecht beruhigt: Solch ein "falsch-negatives" Screening-Testergebnis könnte die Diagnose und Behandlung verzögern.
Sehtests sind im Allgemeinen schmerzfrei und ungefährlich. Dabei werden unterschiedliche Verfahren eingesetzt, um die Sehfähigkeit zu prüfen. Dazu gehören vor allem Sehtafeln, wie man sie etwa vom Sehtest für eine Führerscheinprüfung kennt, sowie körperliche Untersuchungen, um die Augenstellung zu bestimmen.
Amblyopie – eine häufige Sehschwäche bei Kindern
Einige Kinder sehen nur mit einem Auge scharf. Sie haben eine Sehschwäche, die sich Amblyopie (Schwachsichtigkeit) nennt. Sie entsteht, wenn beide Augen unterschiedliche Bilder an das Gehirn senden, zum Beispiel weil sie eine unterschiedliche "Brechkraft" haben. Die Brechkraft bezeichnet die Fähigkeit des Auges, die einfallenden Lichtstrahlen so zu bündeln, dass sie von der Netzhaut genau auf dem Punkt des schärfsten Sehens (der Makula) empfangen werden. Werden die Lichtstrahlen zu wenig oder zu stark gebündelt, bleibt die Sicht verschwommen. Das Problem bei einer Amblyopie ist, dass das "gute" Auge die Sehschwäche des anderen kompensiert. Dadurch wird das schwächere Auge vernachlässigt; es verliert weiter an Sehkraft und kann dauerhaft fehlsichtig bleiben. Informationen dazu, wie das gesunde Auge funktioniert, finden Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.514.ru.html) .
Häufig entwickeln Kinder eine Amblyopie, weil sie auf einem Auge weit- und auf dem anderen kurzsichtig sind. Eine andere verbreitete Ursache ist das Schielen. Es ist nicht genau bekannt, wie viele Kinder in Deutschland eine Amblyopie haben. Fachleute schätzen aber, dass es bis zu 4 bis 6 von 100 Kindern sein könnten (4 bis 6 %). Diese Sehschwäche kann auch beide Augen betreffen. Dies kommt allerdings selten vor.
Eine Amblyopie lässt sich nicht sofort mit einer Brille oder anderen Sehhilfen korrigieren. Die Sehschwäche kann jedoch behandelt werden. Je nach Ursache wird dabei eine Brille mit unterschiedlichen Gläserstärken, ein Augenpflaster (Okklusionsbehandlung) oder beides eingesetzt. Manchmal verschreibt die Augenärztin oder der Augenarzt auch Augentropfen, zum Beispiel mit dem Wirkstoff Atropin. Dieser trübt vorübergehend die Sicht des "guten" Auges. Das schwächere Auge wird dadurch zum Sehen angeregt. Manchmal bildet sich eine Amblyopie auch von selbst zurück; wie häufig dies passiert, weiß man jedoch noch nicht genau. In unserem Merkblatt (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.516.ru.html) können Sie mehr über die Amblyopie und ihre Behandlungsmöglichkeiten lesen.
Wie der Nutzen eines Sehscreenings bewertet wird
Um herauszufinden, ob eine Früherkennungsuntersuchung auf Sehstörungen wie die Amblyopie sinnvoll ist, hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zusammen mit deutschen und internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern alle Studien ausgewertet, in denen solche Screeningprogramme bisher erprobt wurden.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschafter interessierten sich vor allem für folgende Fragen:
- Können Sehschwächen bei Kindern durch eine frühe Diagnose erfolgreicher behandelt werden?
- Wirkt sich eine frühzeitige Behandlung auf die persönliche, schulische und berufliche Entwicklung der Kinder aus?
- Gibt es Sehtests, die zuverlässig genug sind, um als Screening eingesetzt zu werden?
- Werden manche Kinder nach einer Früherkennungsuntersuchung unnötig behandelt?
Am besten lassen sich die Vor- und Nachteile einer Früherkennungsuntersuchung mithilfe von Studien beurteilen, die eine Gruppe von getesteten Kindern mit einer Gruppe von nicht getesteten Kindern vergleichen. Diese werden dann über längere Zeit beobachtet, sodass die Auswirkungen des Programms beurteilt werden können. Solche Studien sind jedoch sehr aufwendig und stehen häufig nicht zur Verfügung. Daher haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch nach Studien gesucht, in denen Diagnoseverfahren oder Behandlungen außerhalb eines Screeningprogramms eingesetzt wurden.
Sie fanden insgesamt fünf Studien, in denen ein komplettes Screeningprogramm erprobt wurde. Außerdem werteten sie sieben Studien, in denen jedoch kein Screeningprogramm untersucht wurde, zu der Frage aus, ob eine frühzeitige Behandlung erfolgreicher ist als eine spätere Behandlung. 27 Studien befassten sich mit der Genauigkeit unterschiedlicher Sehtests.
Forschungsergebnisse zu Screeningprogrammen
Von den fünf Studien zu Screeningprogrammen gaben drei Hinweise darauf, dass Kinder, die an einer Früherkennungsuntersuchung teilnehmen, möglicherweise erfolgreicher behandelt werden könnten. Die beiden anderen Studien fanden keinen Unterschied zwischen getesteten und nicht oder anders getesteten Kindern. Allerdings waren alle Studien mit Problemen behaftet. In einem Fall konnte fast die Hälfte aller Kinder nach dem Abschluss der Studie nicht mehr nachuntersucht werden, sodass das Screening die Sehschwäche bei einer großen Zahl von Kindern vielleicht nicht erkannt hat. Ein anderes Problem ist, dass die meisten Studien in Ländern durchgeführt wurden, in denen bereits routinemäßige Sehtests angeboten werden. Daher haben viele Kinder vermutlich außerhalb der Studien bereits an einem Sehtest teilgenommen. Dies könnte die Forschungsergebnisse verfälschen.
Wegen der Schwächen in den Studien lässt sich bisher nicht abschätzen, was von routinemäßigen Sehtests für alle Vorschulkinder zu erwarten wäre. Insbesondere die unerwünschten Wirkungen einer Früherkennungsuntersuchung wurden kaum erfasst.
Frühe gegen späte Behandlung
Drei Studien haben untersucht, wie sich unterschiedliche Behandlungszeitpunkte der Behandlung von Kindern, die eine Ambylopie haben, schielen oder eine andere Sehschwäche haben, auf die Sehschärfe auswirken. Die Behandlung in diesen Studien bestand entweder aus einer Brille, einer Brille und einem Augenpflaster oder einer Schieloperation. In der besten Studie wurden vierjährige Kinder mit einer Sehschwäche nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Eine der Gruppen wurde unmittelbar nach dem Test behandelt, die andere mit einem Jahr Verzögerung. Es zeigte sich, dass die Kinder in dieser Studie durch eine spätere Behandlung keine nachgewiesenen Nachteile hatten. In zwei anderen Studien konnten früher behandelte Kinder etwas schärfer sehen. Da die Behandlungsgruppen in diesen Studien weniger gut vergleichbar waren, sind ihre Ergebnisse allerdings weniger verlässlich. Teilweise wurden neben der Sehschärfe auch andere Aspekte untersucht, etwa das räumliche Sehen. Hierzu waren die Ergebnisse widersprüchlich.
Vermutlich kann eine Amblyopie-Behandlung sogar im Jugendalter noch erfolgreich sein. Dies legt ein Vergleich zwischen zwei Studien nahe, an denen Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 7 Jahren beziehungsweise zwischen 13 und 17 Jahren teilnahmen: Es stellte sich heraus, dass Jugendliche, die das erste Mal wegen ihrer Amblyopie behandelt wurden, von der Behandlung nicht erkennbar weniger profitierten als deutlich jüngere Kinder. Dieses Ergebnis ist überraschend. Bislang wurde davon ausgegangen, dass eine Behandlung nur in den ersten Lebensjahren erfolgreich sein könne und eine spätere Behandlung sich deshalb nicht mehr lohne. Diese Vermutung wurde durch die Studie nicht bestätigt. Vielmehr wird deutlich, dass der natürliche Erkrankungsverlauf leichter Sehschwächen noch nicht ausreichend erforscht und verstanden ist.
Nur eine der Studien hat unerwünschte Wirkungen einer frühen Behandlung erfasst. Dort zeigte sich, dass etwa eins von 10 Kindern, die schielen, unnötig operiert wurden (12 %). Außerdem benötigten die frühzeitig behandelten Kinder häufiger eine zweite Operation.
Aufgrund der widersprüchlichen Studienergebnisse kommt die Wissenschaftlergruppe zu dem Schluss, dass ein ideales Behandlungsalter für Amblyopien aus der bisherigen Forschung nicht abgeleitet werden kann.
Genauigkeit von Sehtests bei Kindern
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden 27 Studien zur Zuverlässigkeit von Sehtests. Unter den geprüften Verfahren waren Sehtafeln, mit denen die Sehschärfe gemessen wird, apparative Untersuchungsverfahren und Sehtests, mit denen geprüft wird, ob das Zusammenspiel beider Augen gelingt (Binokulartests). Es zeigte sich, dass alle Tests ihre Schwächen haben. Die Sehtafeln und die apparativen Sehtests haben zum Beispiel sehr oft Fehlalarm geschlagen: Im Mittel haben sie bei 11 beziehungsweise 23 von 100 normalsichtigen Kindern irrtümlich eine Sehschwäche diagnostiziert.
In einigen Studien waren die Sehtests zuverlässiger. Es gab jedoch kein Untersuchungsverfahren, das in der Lage war, sowohl die normalsichtigen Kinder als auch die sehgeschwächten Kinder sicher zu erkennen. Ein Problem ist, dass die meisten Tests bei jüngeren Kindern weniger genau sind als bei älteren Kindern. Vermutlich wäre eine genauere Diagnose möglich, wenn mehrere Tests hintereinander eingesetzt werden. Welche Kombination sinnvoll sein könnte, ist bislang jedoch nicht untersucht.
Insgesamt kamen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu dem Schluss, dass weder die Wirkungen noch die unerwünschten Wirkungen eines routinemäßigen Sehtests, der zusätzlich zu den bestehenden Früherkennungsuntersuchungen durchgeführt wird, bislang abschätzbar sind.
Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind Probleme beim Sehen hat, könnte es wichtig sein, dies von einer Augenärztin oder einem Augenarzt kontrollieren zu lassen – unabhängig davon, ob Ihr Kind bereits an einem routinemäßigen Sehtest teilgenommen hat oder nicht. Mehr über Amblyopie und die Forschungsergebnisse zu den Behandlungsmöglichkeiten finden Sie hier (URL: http://www.gesundheitsinformation.de/index.516.ru.html) .
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Hinweis
Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de (URL: http://www.g-ba.de) .
- Erstellt am: 28. Mai 2009 17:01
- Letzte Aktualisierung: 27. September 2011 14:01
- Quellen: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Früherkennungsuntersuchung von Sehstörungen bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres. Abschlussbericht S05-02. Version 1.0. Köln: IQWiG. April 2008. [Volltext (URL: http://www.iqwig.de/download/S05-02_Abschlussbericht_Sehscreening_bei_Kindern.pdf) ]