Früherkennungsprogramme: Welche Auswirkungen hätten Hörtests für alle Neugeborenen?
Durch eine Reihenuntersuchung (Screening) für alle Neugeborenen könnten Hörstörungen bei Säuglingen früher erkannt und behandelt werden als bisher. Dies kann die frühe sprachliche Entwicklung von Kindern mit Hörstörungen verbessern.
Fast alle Kinder können gut hören: Nur etwa ein bis drei von 1000 Kindern in Deutschland kommen mit einer mittelgradigen oder stärkeren Hörstörung zur Welt. Nur eine Minderheit dieser Kinder kann gar nichts hören, ist also "taub". Das Risiko einer Hörstörung ist bei einigen Gruppen von Babys erhöht, zum Beispiel bei Frühgeborenen. Wenn ein Baby mit einem verminderten Hörvermögen geboren wird, nennt man das eine angeborene Hörstörung. Sie kann zum Beispiel erblich sein oder ist durch eine Infektion vor der Geburt entstanden. Das Gehör kann auch später geschädigt werden, zum Beispiel durch schwere Ohrinfektionen oder Virusinfektionen. Dies nennt man erworbene Hörstörung.
Man hofft, dass eine frühe Behandlung, zum Beispiel mit einem Hörgerät, einigen Folgen einer angeborenen Hörstörung vorbeugen kann. Bislang werden Hörstörungen bei Kindern durchschnittlich in einem Alter zwischen 21 Monaten (knapp unter 2 Jahren) und vier Jahren, oder sogar später diagnostiziert. Mit dem Ziel, eine frühere Diagnose und Behandlung von Hörproblemen zu erreichen, wird derzeit in Deutschland diskutiert, routinemäßige Hörtests ("Hörscreenings") für alle Neugeborenen einzuführen. Hörtests werden bislang nicht überall routinemäßig bei allen Kindern durchgeführt.
Ein Screeningprogramm könnte auch in einem anderen Alter durchgeführt werden, aber der einzige Zeitpunkt, zu dem fast alle Säuglinge für ein solches Programm erreichbar sind, ist kurz nach der Geburt im Krankenhaus. Ein solches Screening in der ersten Woche nach der Geburt hat den Vorteil, dass fast alle Neugeborenen untersucht werden. Kinder, die erst im Laufe ihrer Entwicklung eine Hörstörung erwerben, kann es jedoch nicht erfassen.
Es gibt verschiedene schmerzfreie Tests, mit denen man das Hörvermögen von Neugeborenen testen kann. Einer ist der "Otoakustische Emissionen"-Test (OAE), der eine Art Echo im Ohr misst. Die so genannte Hirnstammaudiometrie misst die elektrische Aktivitäten der Hörnerven und des Gehirns. Hier können Sie mehr über die am häufigsten angewandten Hörtests für Neugeborene und Säuglinge lesen. In einigen Bundesländern laufen derzeit Modellprojekte für solche Früherkennungsprogramme.
Analyse der Ergebnisse von Neugeborenen-Hörscreenings
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus England und des deutschen Cochrane Zentrums untersucht, welchen Nutzen ein routinemäßiges Hörscreening für Neugeborene haben könnte. Sie wollten insbesondere wissen, ob es möglich ist herauszufinden, wie viele Babys mit Hörstörung durch ein regelmäßiges Screening zusätzlich erkannt werden können und ob eine frühere Behandlung kurz- oder langfristig wirksamer ist. Sie interessierten sich vor allen Dingen dafür, ob sich das Screening und eine möglicherweise nachfolgende Behandlung direkt auf die persönliche und schulische Entwicklung der Kinder sowie auf deren Lebensqualität auswirken.
Um herauszufinden, ob entsprechende Screenings für Kinder mit angeborenem Hörverlust wertvoll sein könnten, sind vor allem die Konsequenzen wichtig, die sich aus einer früheren Diagnose ergeben. Ein Screening wäre zum Beispiel dann sinnvoll, wenn sich herausstellt, dass eine frühe Behandlung für die Kinder vorteilhaft ist. Sollte eine frühe Behandlung jedoch keinen Unterschied bedeuten, oder sogar bestimmte Risiken haben, würde ein Screening keinen Sinn machen.
Ob ein Screeningprogramm erfolgreich ist, hängt auch grundlegend davon ab, ob der Test zuverlässige Ergebnisse ergibt. Zum Beispiel, wie häufig "falsch-positive" (wenn der Test irrtümlich eine Schwerhörigkeit feststellt) oder "falsch-negative" (wenn der Test irrtümlich eine normale Hörfähigkeit feststellt) Testergebnisse vorkommen. Solche fehlerhaften Ergebnisse können unnötig beunruhigen und überflüssige Behandlungen zur Folge haben - oder im Fall eines "falsch-negativen" Ergebnisses aufgrund unberechtigter Sicherheit zu einer verzögerten Diagnose und Behandlung führen.
Studien zu Screening und früher Behandlung
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eine gründliche und ausführliche Suche nach geeigneten Studien durchgeführt. Am aussagekräftigsten wären Studien, bei denen Forscherinnen und Forscher die Entwicklung zweier Gruppen von Kindern - eine, in der die Kinder getestet und eine, in der sie nicht getestet wurden - über längere Zeit verfolgen und so die Auswirkungen der Tests vergleichen könnten. Dies könnte in einer Studie geschehen, in der die Kinder in "Screening"- und "Nicht-Screening"-Gruppen eingeteilt werden. Eine weitere Möglichkeit wäre, Kinder aus einer Region, in der ein Hörscreening angeboten wurde, mit Kindern einer Region zu vergleichen, in der es kein Screening gab. Oder es wäre möglich, Kinder aus einer Region zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu vergleichen: Indem man Kinder, die vor der Einführung des Screenings geboren wurden, mit Kindern vergleicht, die gescreent wurden.
Die Forscherinnen und Forscher fanden zwei relevante vergleichende Studien, in denen man Kinder aus unterschiedlichen Regionen oder zu verschiedenen Zeiten untersucht hatte. Die eine wurde in England, die andere in den USA durchgeführt. Vier weitere Studien verglichen den Nutzen einer frühen Behandlung für diagnostizierte Hörstörungen mit einer späteren. Zusätzlich flossen neun Studien in die Bewertung ein, die die Zuverlässigkeit der gängigen Testverfahren untersucht hatten. Die Qualität vieler dieser Studien war allerdings nicht gut genug, um verlässliche Schätzungen und eindeutige Antworten auf die Frage zu ermöglichen, was von einem routinemäßigen Screening zu erwarten wäre.
Genauigkeit des OAE-Hörtests bei Neugeborenen
Neun Studien untersuchten die Zuverlässigkeit von Hörtests bei Neugeborenen. Sie fanden in Nordamerika, China und Europa (Deutschland eingeschlossen) statt. Eine Studie wurde an Babys mit einem erhöhten Risiko für eine Hörstörung durchgeführt, die anderen nicht. In allen Studien wurden OAE-Tests eingesetzt. In acht Studien ging es darum herauszufinden, wie genau der Test Hörprobleme diagnostizieren kann. Zum Vergleich wurde die Hirnstammaudiometrie genutzt.
In einer Studie war der Test Teil einer Studie zu routinemäßigem Hörscreening. Das heißt, dort wurden zwei Testschritte durchgeführt. Der OAE-Test wurde als Screening-Test genutzt, um Babys zu identifizieren, die möglicherweise Hörprobleme haben. Die Hirnstammaudiometrie wurde am selben Tag als zweiter Test bei den Babys durchgeführt, die ein positives OAE-Ergebnis hatten. Gründlichere diagnostische Untersuchungen erfolgten bei diesen Kindern zu einem späteren Zeitpunkt.
In diesen neun Studien hatte der OAE-Test eine Empfindlichkeit (Sensitivität) von ungefähr 70 %. Das bedeutet, dass der OAE-Test in der Lage war, 70 % der Babys mit Hörstörungen zu entdecken. Von 100 Babys mit Hörstörung blieben jedoch 30 Babys während des ersten Tests unerkannt. Die Ergebnisse für die zweistufigen Tests waren besser: Diese entdeckten 92 von 100 Babys mit Hörstörung. Dies ist trotz allem nur ein grober Anhaltspunkt für die Genauigkeit des Tests: Um mit Sicherheit zu wissen, wie verlässlich er ist, braucht man genauere Untersuchungen.
Zwar war die Sensitivität des Zwei-Phasen-Tests nicht besonders hoch, dafür aber seine Spezifität. Die Spezifität sagt etwas darüber aus, wie oft ein Test bei gesunden Kindern tatsächlich ein unauffälliges Ergebnis liefert. In diesem Fall lag die Spezifität bei 98,5 %. Mit anderen Worten: Es gab nur relativ wenig "falsch positive" Testergebnisse. Von 100 Babys, die ein normales Gehör hatten, wurden höchstens zwei fälschlicherweise zunächst als hörgeschädigt diagnostiziert. Folgeuntersuchungen helfen herauszufinden, welche Babys falsch-positiv diagnostiziert wurden.
In diesen Studien bedeutete eine Hörstörung, dass das Baby einen mittelgradigen oder starken Hörverlust von 40 Dezibel oder mehr hatte. Hier können Sie mehr über die Bedeutung dieser Maßeinheit lesen.
Ergebnisse der Screeningprogramme und der frühen Intervention
Es gab nur zwei Studien zu Screeningprogrammen. Keine davon war eine randomisierte kontrollierte Studie, die die größte Sicherheit über den Nutzen der Programme hätte geben können. In vier Studien wurde eine frühe Behandlung mit einer späteren verglichen. Zusammen weisen sie darauf hin, dass eine frühe Diagnose und Screening Kindern mit einem angeborenen Hörverlust helfen könnte.
Ein Screeningprogramm wurde in den USA, das andere in England durchgeführt. Die Studien (und Programme) waren sehr verschieden. Die Untersuchungen zeigen aber, dass eine Hörstörung bei einem Neugeborenen-Screening meist viel früher diagnostiziert wird als ohne routinemäßiges Screening. In der englischen Untersuchung wurde nur bei 3 von 10 Kindern mit Hörstörung, die nicht direkt nach der Geburt gescreent wurden, die Hörstörung innerhalb ihrer ersten neun Lebensmonate erkannt (27 %). Im Vergleich dazu wurden bei den Kindern der Testgruppe 7 von 10 schwerhörigen Säuglingen (67 % der schwerhörigen Säuglinge) innerhalb von neun Monaten erkannt. Anders gesagt: Das frühe Hörscreening konnte zusätzlich 4 von 10 Säuglingen mit einer Hörstörung diagnostizieren.
Die abschließende Frage ist, ob eine frühe Diagnose einen wichtigen Unterschied bedeutet oder nicht. Die Untersuchungen zeigten, dass Kinder, deren Hörstörung durch ein Screening festgestellt wurde, sich zu Beginn sprachlich besser entwickelten als Kinder, deren Hörstörung erst spät diagnostiziert wurde. Dieser Hinweis wird in den vier Studien bestätigt, in denen früh behandelte Kinder mit spät behandelten Kindern verglichen wurden. Verschiedene Therapien wurden untersucht, insbesondere gezielte Schulungen oder der Einsatz von Hörgeräten. Wie sich ein Neugeborenen-Hörscreening langfristig auf andere für die Kinder wichtige Bereiche, wie schulische Entwicklung, psychisches Wohlbefinden und Lebensqualität auswirkt, ist bisher nicht ausreichend untersucht.
Die Modellprojekte in einigen Regionen Deutschlands zeigten, dass die Früherkennung großen Zuspruch findet: Nur sehr wenige Eltern lehnten die Untersuchung ab, wenn sie verfügbar war. Ob die Screeningprogramme die Sorgen der Eltern beeinflusst haben oder nicht, ist unklar, da es hierzu nicht genug Informationen gibt.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG kamen zu folgendem Schluss: Ein allgemeines Hörscreening für Neugeborene kann die Chancen verbessern, dass ein Kind mit einem angeborenen Hörverlust früher diagnostiziert und behandelt wird, als wenn es nicht an einem Screening teilnimmt. Dies kann die frühe sprachliche Entwicklung von Kindern mit Hörstörungen verbessern. Es ist jedoch nicht sicher, welche Auswirkungen dies für die untersuchten Kinder hat, weil es nicht genug gute Studien gibt, die den Einfluss einer frühen Diagnose und Behandlung auf die Hörstörung von Babys untersuchten. Falls solche Programme eingeführt werden, empfehlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG, diese so anzulegen, dass ihre Qualität und die Auswirkungen für die Kinder verlässlich erfasst werden können.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Hinweis
Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de
- Letzte Aktualisierung: 27. Oktober 2011 11:35
- Erstellt am: 15. Mai 2008 16:25
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- Quellen:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Früherkennungsuntersuchung von Hörstörungen bei Neugeborenen. Abschlussbericht S05-01 Version 1.0. Köln: IQWiG. Februar 2007. [Volltext]
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„Relevant, objektiv und unabhängig“



