Chronische Mittelohrentzündung: Wie sinnvoll ist das Einsetzen von Paukenröhrchen?

Foto von Baby mit Mutter

Bei langwierigen Mittelohrentzündungen mit Paukenerguss kann eine Behandlung mit Paukenröhrchen das Hörvermögen kurzfristig leicht verbessern. Nach etwa einem halben Jahr haben Paukenröhrchen jedoch keinen Vorteil mehr, da sich das Hörvermögen in dieser Zeit auch ohne Operation wieder erholt.

Mehr zur akuten Mittelohrentzündung bei Babys und Kindern in diesem Film.
Wie das Ohr funktioniert, erfahren Sie in einem zweiten Film.
Kinder sind oft erkältet, und nicht selten werden dabei die Ohren in Mitleidenschaft gezogen. Besonders bei kleinen Kindern breiten sich Infektionen des Nasen- und Rachenraums leicht in das Mittelohr aus. Eine akute Mittelohrentzündung ist zwar sehr schmerzhaft, heilt aber meist innerhalb von zwei bis drei Tagen ab. Mittelohrentzündungen sind bei fast jedem dritten Kind zwischen einem und drei Jahren von einem Paukenerguss begleitet, einer Flüssigkeitsansammlung hinter dem Trommelfell, die die Hörfähigkeit mindert.


Direkt hinter dem Trommelfell liegt die Paukenhöhle des Mittelohrs. Der kleine Hohlraum ist normalerweise mit Luft gefüllt, über die sich der Schall in das Innenohr überträgt. Wenn die Schleimhäute infolge einer Erkältung oder Mandelentzündung anschwellen und Sekret absondern, füllt sich die Paukenhöhle mit Flüssigkeit. Dies wird Paukenerguss genannt. Auch der Gang, der das Mittelohr mit dem Rachen verbindet (Ohrtrompete), kann verstopfen.

Wenn kein Sekret mehr abfließen kann, sammelt sich Schleim hinter dem Trommelfell und das Kind hört schlechter. Wird der Druck auf das Trommelfell zu stark, reißt es ein und die Flüssigkeit ergießt sich nach außen in den Gehörgang. Dann lassen die Schmerzen nach, und in der Regel wächst das Trommelfell problemlos wieder zu.

Zu einem Paukenerguss kann es auch ohne deutliche Entzündungszeichen kommen. Er bildet sich ebenfalls meist von selbst wieder zurück. Einige Kinder entwickeln jedoch eine chronische Mittelohrentzündung. Sie verläuft schleichend und schmerzt kaum, es staut sich jedoch immer wieder Sekret im Mittelohr und beeinträchtigt die Hörfähigkeit. Dadurch könnte sich bei Kleinkindern auch die Sprachentwicklung verzögern. Anzeichen für eine chronische Entzündung sind schlechtes Hören und ein wiederholt "laufendes" Ohr.

Behandlungsmöglichkeiten

Zur Behandlung werden zunächst oft schleimlösende und abschwellende Medikamente (zum Beispiel als Nasentropfen) sowie Antibiotika eingesetzt. Bisher konnte allerdings noch keine Untersuchung nachweisen, dass diese Mittel die Heilung entscheidend fördern. Mehr Informationen dazu, ob Antibiotika bei Säuglingen und Kleinkindern mit Mittelohrentzündung die Beschwerden lindern können, lesen Sie hier. Löst sich der Paukenerguss nicht auf, kommt ein kleiner chirurgischer Eingriff in Betracht: Durch einen Schnitt in das Trommelfell (Parazentese) kann das Sekret nach außen abfließen, oder es wird abgesaugt.

Wenn sich trotzdem immer wieder Flüssigkeit ansammelt und das Kind auch nach drei Monaten noch schlecht hört, wird häufig der Einsatz eines Paukenröhrchens empfohlen. Die feinen Röhrchen aus Kunststoff oder Metall sorgen für die Belüftung des Mittelohrs von außen. Sie sollen den Paukenerguss beseitigen helfen, die Hörfähigkeit verbessern und Sprachentwicklungsstörungen vorbeugen. Paukenröhrchen werden gewöhnlich unter Vollnarkose eingesetzt und meist nach sechs bis zwölf Monaten von selbst wieder abgestoßen.

Forschung zu Paukenröhrchen

Da der Nutzen von Paukenröhrchen bei chronischer Mittelohrentzündung umstritten ist, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration – einem internationalen Forschungsnetzwerk – nach randomisierten kontrollierten Studien zu diesem Thema gesucht. In solchen Studien werden die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip zwei oder mehr Behandlungsgruppen zugeteilt. Am Ende wird verglichen, wie sich die unterschiedlichen Behandlungen ausgewirkt haben. Bei der Behandlung von Kindern, die eine Mittelohrentzündung mit Paukenerguss haben, bedeutet dies: Die eine Gruppe von Kindern erhält Paukenröhrchen, die andere Gruppe erhält keine Behandlung oder einen Trommelfellschnitt. Mehr dazu, wie gute Studien durchgeführt werden, lesen Sie hier.

Die Forschergruppe fand 10 Studien, an denen insgesamt mehr als 1700 Kinder mit Mittelohrentzündung und Paukenerguss teilgenommen hatten. Die Auswertung der Untersuchungen ergab, dass das Einsetzen von Paukenröhrchen die Hörfähigkeit innerhalb der ersten sechs Monate etwas verbessern kann. Mehr Informationen rund um unsere Hörfähigkeit und wie sie gemessen wird finden Sie hier.

Paukenröhrchen verbessern die Hörfähigkeit nur kurzfristig

Die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Cochrane Collaboration ausgewerteten Studien zeigen aber auch, dass sich das Hörvermögen von Kindern mit und ohne Paukenröhrchen nach sechs bis neun Monaten kaum noch unterscheidet. Nach einem Jahr gab es gar keine Unterschiede mehr: Die Kinder hörten gleich gut, unabhängig davon, ob sie ein Paukenröhrchen bekommen hatten.

Bisher wurde nicht nachgewiesen, dass Paukenröhrchen die Sprachentwicklung positiv beeinflussen. Es traten auch unerwünschte Ereignisse auf. Vor allem bei Kindern unter drei Jahren kam es zu vermehrtem Schleimausfluss aus dem Ohr. Bei etwa einem Drittel der Kinder mit Paukenröhrchen entstanden narbige Veränderungen im Trommelfell, die ihrerseits die Hörfähigkeit geringfügig beeinträchtigen können.

Abwartende Behandlungsstrategie meist sinnvoll

Aufgrund der insgesamt unklaren Effekte der Paukenröhrchen erscheint es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sinnvoll, Kinder mit Paukenerguss nicht bereits nach drei Monaten zu operieren, sondern unter sorgfältiger ärztlicher Beobachtung weiter abzuwarten. Diese Behandlungsstrategie war langfristig ebenso erfolgreich wie ein Eingriff.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schließen nicht aus, dass einige Kinder stärker von der Behandlung mit Paukenröhrchen profitieren als andere. Der Einsatz eines Paukenröhrchens geht aber wie jede andere Operation mit gewissen Risiken einher. Um besser bestimmen zu können, in welchen Fällen der kurzfristige Nutzen eines Paukenröhrchens die Risiken eines Eingriffs rechtfertigt, sind weitere Studien nötig.

Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)


  • Letzte Aktualisierung: 13. Oktober 2011 08:15
  • Erstellt am: 03. Juli 2008 13:56
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    Die IQWiG-Gesundheitsinformationen stützen sich auf Forschungsergebnisse aus der internationalen Literatur. Wir identifizieren die zuverlässigsten aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere aus sogenannten „systematischen Reviews“. Darin werden wissenschaftliche Studien zum Nutzen und Schaden von Behandlungen und anderen Maßnahmen der Gesundheitsversorgung zusammenfassend analysiert, sodass Fachleute und Betroffene deren Vor- und Nachteile abwägen können. Mehr Informationen dazu, wie systematische Reviews aufgebaut sind und warum sie die zuverlässigsten Belege liefern, finden Sie hier. Außerdem bitten wir stets die Autorinnen und Autoren der zentralen systematischen Reviews, auf denen unsere Informationen beruhen, um ihre Unterstützung, um die medizinische und wissenschaftliche Korrektheit unserer Produkte sicherzustellen.

    Browning GG, Rovers MM, Williamson I, Lous J, Burton MJ. Grommets (ventilation tubes) for hearing loss associated with otitis media with effusion in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 10. CD001801. [PubMed-Zusammenfassung]


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