Chronisch obstruktive Lungenerkrankung: Sind bestimmte Beta-Blocker auch für Menschen mit COPD geeignet?
Es gibt Befürchtungen, dass Beta-Blocker bei Menschen mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) die Atembeschwerden verschlimmern können. Aus den bislang vorliegenden Studien ergibt sich jedoch kein Hinweis darauf, dass die Symptome durch bestimmte Beta-Blocker zunehmen. Menschen mit Herzerkrankungen können daher meist auch dann mit diesen Medikamenten behandelt werden, wenn sie gleichzeitig eine COPD haben.
Bei einer COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) sind die Atemwege dauerhaft verengt und die Lunge geschädigt. Ursache ist eine chronische Entzündung der Bronchien und / oder eine Zerstörung der Lungenbläschen. Die Folgen sind anhaltender Husten, die Ansammlung von Schleim und verengte Atemwege. Den Betroffenen fällt das Atmen schwer. Bei fortgeschrittener Erkrankung empfinden sie selbst alltägliche Verrichtungen wie Waschen oder Anziehen als sehr anstrengend. Die Krankheit entwickelt sich von Person zu Person aber sehr unterschiedlich. Ausführliche Informationen zu COPD finden Sie in unserem Spezial.
Viele Menschen mit COPD haben gleichzeitig auch eine Herzerkrankung, die mit Beta-Blockern behandelt werden kann. Beta-Blocker sind Medikamente, die den Herzschlag verlangsamen und den Blutdruck senken. Sie werden beispielsweise bei Bluthochdruck, Herzschwäche oder koronarer Herzkrankheit (KHK) eingenommen. Man weiß aus vielen Studien, dass Beta-Blocker das Risiko senken können, an diesen Erkrankungen zu sterben. Jedoch bestehen zum Teil Bedenken, sie bei einer COPD einzusetzen. Der Grund: Man befürchtet, dass die Beta-Blocker die Krankheitssymptome der COPD verschlimmern.
Beta-Blocker bei COPD
Dass manche Ärztinnen und Ärzte bei der Verschreibung von Beta-Blockern zurückhaltend sind, wenn jemand neben einer Herzerkrankung eine COPD hat, scheint auf den ersten Blick verständlich. Denn die COPD geht mit einer Verengung der Atemwege einher. Beta-Blocker wiederum hemmen bestimmte Rezeptoren in den Atemwegen, die dafür sorgen, dass sich diese entspannen und weiten können. Deswegen besteht die Befürchtung, dass Beta-Blocker bei Menschen mit COPD Atembeschwerden auslösen oder die vorhandenen Atemprobleme noch weiter verschlimmern.
Diese Befürchtung rührt auch daher, dass es in der Vergangenheit bei Patientinnen und Patienten mit COPD zu Anfällen akuter Atemnot gekommen ist, nachdem sie Beta-Blocker eingenommen hatten. Allerdings wendeten sie Beta-Blocker an, die zu einer Gruppe gehörten, die nicht nur das Herz, sondern auch die Atemwege stark beeinflussen. Diese Gruppe wird als „nicht selektive Beta-Blocker“ bezeichnet. Davon unterscheidet man die „selektiven Beta-Blocker“, die überwiegend das Herz beeinflussen und deutlich weniger auf die Atemwege wirken. Sie werden deshalb auch „kardioselektive Beta-Blocker“ genannt (von „kardio“, griechisch: Herz und „selectio“, lateinisch: Auswahl).
Studien zur Einnahme von selektiven Beta-Blockern bei COPD
Eine Wissenschaftlergruppe der Cochrane Collaboration – einem internationalen Forschungsnetzwerk – hat untersucht, welche Folgen die Einnahme von selektiven Beta-Blockern für Menschen mit COPD hat. Sie suchten nach Studien, die geprüft haben, wie sich die Einnahme von selektiven Beta-Blockern im Vergleich zur Einnahme eines Scheinmedikamentes (Placebo) auswirkt. Die Forschungsgruppe interessierte sich vor allem für zwei Fragen:
- Wirken sich die Beta-Blocker auf COPD-typische Beschwerden wie Luftnot, Auswurf von Schleim, Husten und pfeifende Atmung aus?
- Können die Betroffenen in einer bestimmten Zeit weniger Luft ausatmen, wenn sie Beta-Blocker einnehmen? Wenn dies der Fall ist, deutet das darauf hin, dass die Medikamente zu einer Verengung der Atemwege führen?
Die Forschergruppe fand 22 Studien mit insgesamt rund 320 Teilnehmenden. In 11 Studien wurde untersucht, wie sich die einmalige Einnahme eines Beta-Blockers auswirkt. In den 11 anderen Studien wurden die Folgen einer längeren Einnahme geprüft – je nach Studie nahmen die Teilnehmenden die Medikamente zwischen 2 Tagen und 16 Wochen ein.
Selektive Beta-Blocker verschlimmerten die Beschwerden nicht
Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer, die selektive Beta-Blocker einnahmen, hatten nicht häufiger Atembeschwerden, Husten oder schleimigen Auswurf als diejenigen, die ein Scheinmedikament eingenommen hatten. Weder die einmalige Einnahme noch die über mehrere Wochen führte dazu, dass solche Probleme häufiger auftraten. Bei keinem der Teilnehmenden, die eine einmalige Dosis einnahmen, kam es zu einer Verschlimmerung der Luftnot. Insgesamt traten nur sehr wenige dieser Ereignisse auf, so dass diesbezüglich für eine ausreichend sichere Aussage noch weitere Forschung notwendig ist.
Um die Luftmenge zu bestimmen, die jemand auf einmal ausatmen kann, wurde in den Studien das sogenannte „forcierte Ein-Sekunden-Volumen“ (FEV1) oder Sekundenluft bestimmt. Bei diesem Test geht es darum, aus voller Lunge so schnell wie möglich auszuatmen. Gemessen wird die Luftmenge, die in der ersten Sekunde ausgeatmet wird. Wenn man sehr wenig ausatmet, deutet das auf verengte Atemwege hin. Die selektiven Beta-Blocker hatten auf das Ergebnis aber keinen Einfluss: Weder nach einmaliger Einnahme eines selektiven Beta-Blockers noch bei einer Einnahme über mehrere Wochen änderte sich die Luftmenge. Dies war sowohl bei leichten und mittelschweren als auch bei schweren Formen der COPD zu beobachten. Das Fazit aus diesen Tests: Es gibt keinen Hinweis, dass selektive Beta-Blocker die Atemwege bei einer COPD verengen.
Einen weiteren Hinweis, ob selektive Beta-Blocker die Atemwege verengen, liefert folgender Test: Man nimmt einen selektiven Beta-Blocker ein und inhaliert anschließend ein Spray mit einem Wirkstoff, der die Atemwege erweitert. Reagiert man nach der Einnahme des Beta-Blockers stärker auf das Spray – sprich: erweitern sich die Atemwege deutlicher – spricht das dafür, dass die Atemwege durch den selektiven Beta-Blocker vorher verengt waren. In den Studien reagierten Menschen, die einen selektiven Beta-Blocker einnahmen, jedoch nicht stärker auf das Spray. Dies ist ein weiteres Zeichen dafür, dass selektive Beta-Blocker bei COPD die Atemwege nicht verengen.
Selektive Beta-Blocker scheinen auch für Menschen mit COPD geeignet
Die Sorge, dass selektive Beta-Blocker bei Menschen mit COPD zu Atemproblemen führen können, hat sich in wissenschaftlichen Untersuchungen bislang nicht bestätigt. Daher folgert die Cochrane-Forschungsgruppe, dass selektive Beta-Blocker auch für Menschen mit COPD und einer Herzerkrankung geeignet sind. Beta-Blocker sind vor allem für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine gute Behandlungsmöglichkeit, da die Medikamente nachgewiesenermaßen das Risiko senken, an diesen Herzerkrankungen zu sterben.
Allerdings gibt es auch Patientinnen und Patienten, die neben einer COPD Asthma haben. Das zeigt sich daran, dass zusätzlich Zeichen einer Überempfindlichkeit der Bronchien bestehen. Diese Patientengruppe wurde in den meisten wissenschaftlichen Studien nicht oder nur zum Teil eingeschlossen. Deswegen kann man nicht ausschließen, dass manche Menschen mit besonders anfälligen Bronchien auch auf selektive Beta-Blocker reagieren und sich die Beschwerden bei ihnen verschlimmern. Denn die bisherigen Studien sind insgesamt zu klein, um unerwünschte Wirkungen zu entdecken, die nur bei wenigen Menschen auftreten. Aber unabhängig davon, ob Sie Beta-Blocker einnehmen oder nicht: Wenn Sie eine COPD haben, ist es generell wichtig, auf Veränderungen der Atembeschwerden zu achten und diese gegebenenfalls mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt zu besprechen.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Nächste geplante Aktualisierung: April 2014. Mehr darüber, wie unsere Gesundheitsinformationen aktualisiert werden, erfahren Sie hier.
- Letzte Aktualisierung: 26. Mai 2011 08:56
- Erstellt am: 26. April 2011 16:53
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Salpeter SR, Ormiston TM, Salpeter EE. Cardioselective beta-blockers for chronic obstructive pulmonary disease. Cochrane Database of Systematic Reviews: Version 2011, Issue 1. CD003566. [Cochrane-Zusammenfassung]
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