Bewertung von internationalen Leitlinien: Adipositas
In den letzten Jahren ist die Zahl adipöser (stark übergewichtiger) Menschen in den Industriestaaten gestiegen. In Deutschland gilt etwa jeder fünfte Erwachsene als adipös. Diesen Anstieg erklären sich Fachleute vor allem dadurch, dass sich die Menschen anders ernähren, älter werden und sich im Schnitt weniger bewegen als noch vor einigen Jahrzehnten. Dabei spielen wahrscheinlich auch soziale Lebensumstände, Bildung und Einkommen eine Rolle.
Bei einer Adipositas kommt es zu einer übermäßigen Vermehrung des Körperfettes. Damit wird ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen in Verbindung gebracht: Adipöse Menschen haben beispielsweise häufiger einen erhöhten Blutdruck, wodurch das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte steigt. Je höher das Gewicht, desto höher ist auch das Risiko für Begleiterkrankungen.
Das gängige Maß zur Feststellung einer Adipositas ist der Body-Mass-Index (BMI). Dieser misst das Verhältnis des Körpergewichts zur Körpergröße. Nach der üblichen Einteilung gelten Menschen mit einem BMI von über 30 als adipös. Einen BMI von 30 hat beispielsweise ein Mensch, der 1,80 m groß und 97 kg schwer ist. Der BMI alleine ist jedoch nicht aussagekräftig genug, um eine Adipositas festzustellen und auf das damit verbundene Krankheitsrisiko zu schließen. So haben sehr muskulöse Menschen oft einen hohen BMI, da Muskeln verhältnismäßig schwer sind. Auch ältere Menschen haben oft einen höheren BMI, ohne dass dies zwingend gesundheitliche Nachteile mit sich bringt.
Außerdem spielt es eine Rolle, wie das Fett im Körper verteilt ist. Als besonders risikoreich gelten Fettablagerungen an den inneren Organen und im Bauchraum. Deshalb messen Ärztinnen und Ärzte häufig auch den Taillenumfang oder das Verhältnis von Taille und Hüfte. Ein Taillenumfang von 88 cm und mehr gilt derzeit bei Frauen als ein Zeichen für ein erhöhtes Krankheitsrisiko; bei Männern sind es 102 cm und mehr.
Mehr darüber, welche Auswirkungen auf die Gesundheit Übergewicht haben kann und was die gesundheitlichen Vorteile des Abnehmens sind, können Sie hier lesen.
Strukturierte Behandlungsprogramme
Um die Versorgung von Menschen zu verbessern, die chronisch erkrankt und zugleich stark übergewichtig sind, sollen bestehende Disease-Management-Programme (DMPs) um ein Modul für diese Gruppe erweitert werden. Disease-Management-Programme – auch „strukturierte Behandlungsprogramme“ genannt – haben das Ziel, chronisch erkrankte Menschen bestmöglich zu versorgen. Dies soll zum Beispiel durch regelmäßige Arzttermine, individuelle Behandlungspläne und Patientenschulungen erreicht werden. Bisher gibt es zum Beispiel strukturierte Behandlungsprogramme für Menschen mit Asthma und Diabetes mellitus. Mehr über Disease-Management-Programme und sogenannte evidenzbasierte Leitlinien, an denen sie sich ausrichten sollen, können Sie hier lesen.
Ein Disease-Management-Programm soll sich an den Kriterien der evidenzbasierten Medizin ausrichten. Gemeint ist damit eine Medizin, die nach den stärksten wissenschaftlichen Belegen fragt und sich auf die Ergebnisse aussagekräftiger, hochwertiger Studien stützt, insbesondere sogenannter randomisierter kontrollierter Studien. Mehr darüber, wie solche Studien aufgebaut sind, können Sie hier erfahren.
Auswertung der aktuellen internationalen Leitlinien
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beauftragt, die Empfehlungen für die Behandlung der Adipositas aus aktuellen internationalen Leitlinien zusammenzufassen, die für das geplante Modul von Bedeutung sein können. Der Gemeinsame Bundesausschuss ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärztinnen und Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland. Hierzu hat das IQWiG zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ) in Berlin 10 medizinische Leitlinien aus unterschiedlichen Ländern systematisch überprüft. Die Ergebnisse der IQWiG-Analyse fließen in die Beratungen des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Erstellung eines Adipositas-Moduls für Disease-Management-Programme ein.
Die Auswertung der Leitlinien gibt einen Überblick über den gegenwärtigen Standard in der Versorgung adipöser erwachsener Menschen. Ihre Empfehlungen beruhen auf Studien unterschiedlicher Qualität. Nicht immer konnten randomisierte kontrollierte Studien gefunden werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass für bestimmte versorgungsrelevante Fragen auch keine randomisierten kontrollierten Studien durchgeführt werden. Das IQWiG hatte nicht den Auftrag, nachzuprüfen, wie gut der Nutzen der in den Leitlinien empfohlenen Maßnahmen tatsächlich wissenschaftlich belegt ist.
Solche hochwertigen Studien liegen vor allem vor für die Bereiche Ernährungstherapie, Bewegungstherapie, Verhaltenstherapie, Pharmakotherapie und operative Therapie vor. Nur wenige gute Studien gibt es in den Bereichen Diagnostik, Maßnahmen zur langfristigen Gewichtsstabilisierung, Versorgungskoordination und Qualitätsindikatoren.
Was die Leitlinien empfehlen
Bevor man eine Behandlung beginnen kann, muss man sicherstellen, dass die Adipositas richtig diagnostiziert wird. Internationale Leitlinien empfehlen hierfür, den Body-Mass-Index (BMI) zu messen, die Menschen sorgfältig zu untersuchen und sie ausführlich zu ihrer Krankheitsgeschichte zu befragen. Zusätzlich wird die Messung des Taillenumfangs befürwortet.
In den Leitlinien wird adipösen Menschen empfohlen, Gewicht abzunehmen, um ihr Krankheitsrisiko zu senken. Um dies zu erreichen, helfe vor allem die Änderung des Lebensstils in den Bereichen Ernährung und Bewegung in Kombination mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen:
- Mehrere Leitlinien empfehlen eine fettreduzierte und/oder mäßig energiereduzierte Ernährung, um langfristig abzunehmen.
- Die Leitlinien heben hervor, dass Bewegung wichtig ist, um Gewicht abzunehmen, das neue Gewicht zu halten und so einen positiven Effekt auf Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Typ-2-Diabetes zu erzielen. Auch wenn alle Leitlinien die Bedeutung von Bewegung betonen, empfehlen sie generell keine bestimmte Trainingsform. Die Wahl einer Bewegungs- oder Sportart hänge vom körperlichen Zustand und den Wünschen der oder des Einzelnen ab. Sinnvoll sei jedoch ein moderates und regelmäßiges Bewegungstraining. Die Angaben zur Dauer unterscheiden sich: Genannt werden Zeiten zwischen 10 bis 30 Minuten an 3 Tagen der Woche bis hin zu 3 bis 5 Stunden pro Woche.
- Auch eine Verhaltenstherapie (eine bestimmte Form der Psychotherapie) wird als begleitende Maßnahme empfohlen.
Mehrere Leitlinien führen an, dass manche Menschen von gewichtsreduzierenden Medikamenten profitieren können. Es wird jedoch betont, dass die Medikamente nur angewendet werden sollten, wenn sie Teil eines umfassenden Therapiekonzeptes sind. Auch weisen einige Leitlinien darauf hin, dass diese Mittel häufig unerwünschte Wirkungen haben.
Auch eine Operation kann den Leitlinien zufolge nur für bestimmte Personengruppen eine Therapieoption sein. Ein solcher Eingriff ist zum Beispiel das Anlegen eines Magenbandes. Dabei wird ein Teil des Magens mit einem Band abgeschnürt, wodurch die Person weniger Nahrung aufnehmen kann. Eine solche Operation kann jedoch auch Komplikationen nach sich ziehen. Die Leitlinien betonen, dass sie nur das letzte Mittel sein sollte.
Es gibt gesunde und ungesunde Arten des Abnehmens. Deshalb ist es von großer Bedeutung, auf welche Weise man Gewicht verliert. Mehr Informationen zum Thema Gewichtsabnahme finden Sie in unserer entsprechenden Rubrik. Wie sich ein Gewichtsverlust auf einen erhöhten Blutdruck auswirken kann, können Sie hier nachlesen.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Erstellt am: 15. Juli 2009 13:28
- Letzte Aktualisierung: 12. November 2009 15:49
- Historie: Liste anzeigen
- Quellen:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Systematische Leitlinienrecherche und -bewertung sowie Extraktion relevanter Inhalte zu Adipositas für die Erstellung eines DMP-Moduls Adipositas. Abschlussbericht V06-06. Version 1.0. Köln: IQWiG. Februar 2009. [Volltext]
Häufig gestellte Fragen
Links zum Glossar
Themen vorschlagen
Vermissen Sie ein Thema?
Hier können Sie uns Vorschläge zusenden, wir berücksichtigen Ihren Bedarf bei der Auswahl neuer Themen.
Nutzerbefragung
Um unsere Webseite laufend zu verbessern, benötigen wir Ihre Mithilfe.
Bitte nehmen Sie hierzu an unserer Befragung teil.
Bitte nehmen Sie hierzu an unserer Befragung teil.
- zur Befragung (Link öffnet sich im neuen Fenster)


