Bell’sche Parese: Welche medikamentösen Therapien erhöhen nachweislich die Chance, sich zu erholen?

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Kortikosteroide können durch die Bell’sche Parese verursachten Langzeitsymptomen vorbeugen. Möglicherweise helfen auch zusätzlich verabreichte antivirale Medikamente. Zur Beantwortung dieser Frage ist jedoch weitere Forschung notwendig.

„Parese” bedeutet Lähmung: Muskeln oder Nerven sind nur zum Teil oder überhaupt nicht funktionsfähig. Die Bell’sche Parese, auch bekannt als idiopathische Fazialisparese, schwächt oder lähmt eine Gesichtsseite. Diese lässt sich dadurch nicht mehr wie gewohnt bewegen und kann sichtbar nach unten hängen.

Die Bell’sche Parese ist nach dem englischen Chirurgen Charles Bell benannt, der die Symptome im englischsprachigen Raum als erster beschrieben hat. Sie entwickelt sich normalerweise ziemlich rasch, ohne dass starke Schmerzen oder andere Probleme auftreten. Allerdings kann es schwierig sein, das Auge zu schließen, problemlos zu sprechen oder zu lächeln. Die Parese kann sich über einen oder zwei Tage verschlechtern, sie klingt in der Regel aber innerhalb weniger Wochen auch ohne Behandlung von selbst ab. Bei etwa 15 bis 30 % der Betroffenen kommt es jedoch nicht zu einer zufriedenstellenden Erholung. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt, wenn die Symptome sehr ausgeprägt sind.

Man kann nicht sagen, wodurch die Bell’sche Parese hervorgerufen wird. Der medizinische Fachbegriff für eine Erkrankung unbekannter Ursache wie dieser lautet „idiopathisch”. Man geht davon aus, dass der Gesichtsnerv (Nervus facialis, daher die ebenfalls gebräuchliche Bezeichnung „idiopathische Fazialisparese“) durch eine Entzündung geschädigt wird. Als eine mögliche Ursache wird von einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Virusinfektion vermutet.

Gelegentlich werden bei einer Bell’schen Parese Behandlungen (wie die Akupunktur) angewendet. Die bislang einzige Therapie, welche die Chancen auf eine Erholung von der Bell’schen Parese nachweislich erhöht, ist jedoch eine ungefähr einwöchige Gabe von Kortikosteroiden, die die Entzündung lindert. Eine andere medikamentöse Behandlungsmöglichkeit ist die Therapie mit antiviralen Mitteln, die derzeit jedoch noch erprobt wird.

Studien, in denen Medikamente gegen die Bell’sche Parese getestet werden

In Kanada haben Wissenschaftler der Universität von Toronto und der McMaster-Universität nach randomisierten kontrollierten Studien gesucht, in denen eine oder beide Klassen von Medikamenten allein oder in Kombination untersucht wurden. Sie werteten insgesamt 18 Studien aus, an denen rund 2800 Personen teilgenommen haben. Die Teilnehmenden wurden zufällig einer Gruppe zugeteilt, die ein bestimmtes Medikament, eine Kombination beider Klassen oder ein Placebo (Scheinmedikament) erhielt. Die Wissenschaftler haben die Wirkung der Medikamente auf die kurzzeitige Erholung (weniger als 4 Monate) oder auf die langzeitige Erholung (4 Monate bis zu einem Jahr) geprüft und auch untersucht, ob unerwünschte Wirkungen auftraten.

Studien sind erforderlich, um sicher sagen zu können, wie Behandlungen wirken. Wenn ähnliche Personengruppen in Studien zufällig zugeordnet unterschiedliche Therapien (oder Placebos) erhalten, dann ist es wahrscheinlich, dass die bei ihnen auftretenden Verbesserungen oder unerwünschten Wirkungen durch die Therapien bedingt sind – und nicht dadurch, dass sich beispielsweise ihr Zustand ohnehin gebessert hätte. Mehr über diese Art von Forschung können Sie hier nachlesen.

Kortikosteroide können helfen – doch der Stellenwert von antiviralen Medikamenten ist noch ungeklärt

Von 100 Patienten mit Bell’scher Parese können rund 76 erwarten, dass sie sich auch ohne Behandlung wieder erholen werden. Mit einer Kortikosteroidtherapie, so haben die Wissenschaftler festgestellt, würde es bei zusätzlichen 8 Personen zu einer Erholung kommen – sprich: bei insgesamt ungefähr 84 von 100 Betroffenen. Selbst bei höheren Dosierungen verursachten die Kortikosteroide in den Studien über den etwa einwöchigen Einnahmezeitraum keine schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen. Einige Patientinnen und Patienten, die Kortikosteroide einnahmen, berichteten über Schlafstörungen.

Die gleichzeitige Anwendung von Kortikosteroiden und antiviralen Medikamenten könnte den Nutzen der Kortikosteroide steigern; dies konnte allerdings nicht sicher nachgewiesen werden. Es bedarf weiterer Studien, um herauszufinden, ob die Ergänzung der Kortikosteroide durch antivirale Medikamente die Chancen auf einen Nutzen für bestimmte Gruppen oder für alle von Bell’scher Parese Betroffenen verbessern hilft. Wissenschaftler werden beispielsweise der Frage nachgehen, ob Patienten mit schwereren Symptomen oder Patienten, die eher an Virusinfektionen erkranken, davon profitieren.

Bei Personen, die allein antivirale Medikamente einnahmen und nicht zusätzlich Kortikosteroide anwendeten, zeigte sich kein Nutzen. Daher ist gegenwärtig unklar, ob antivirale Medikamente bei der Bell’schen Parese hilfreich sind. Allein oder in Kombination mit Kortikosteroiden zeigten sich bei antiviralen Medikamenten bislang keine schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen, wenn die Dosierung der bei der Bell’schen Parese üblichen entsprach. Möglich sind aber vorübergehende Wirkungen wie Übelkeit oder Durchfall.

Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)


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  • Letzte Aktualisierung: 08. April 2011 10:45
  • Erstellt am: 25. Januar 2011 16:03
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    De Almeida JR, Al Khabori M, Guyatt GH, Witterick IJ et al. Combined corticosteroid and antiviral treatment for Bell palsy: a systematic review and meta-analysis. JAMA 2009; 302: 985-993. [Volltext]

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