Unser Wunsch ist es, unsere Mutter zu Hause zu pflegen

Foto von älterer Frau im Garten

Martin, 46 Jahre

„Unser Wunsch ist es, unsere Mutter zu Hause zu pflegen und wir wollen das bis zum Ende durchboxen. Wir wollen meine Mutter gern in einer großen Gemeinschaft, in einer großen Familie versorgen.“

Das erste Anzeichen bei meiner Mutter war die Vergesslichkeit. Aber das war in einem Maß, wo ich dachte, jeder alte Mensch vergisst mal etwas. Das habe ich nicht in den Zusammenhang mit einer Erkrankung gebracht.

Meine Mutter hat immer Geschichten aus ihrem Leben aufgeschrieben. Sie hat mit dem Computer gearbeitet, aber diese Arbeit am Computer wurde mit der Zeit immer weniger. Sie hat immer weniger geschrieben oder mich gefragt, wie der Computer angeht. Man kann an den Briefen gut nachvollziehen, wann es mit dem Schreiben aufgehört und wie sie mit der Zeit abgebaut hat. Das haben wir immer noch nicht in Verbindung mit der Alzheimer-Krankheit gebracht, weil sie zu dieser Zeit auch noch Auto gefahren ist.

Meine Nichte hat irgendwann bemerkt, dass sie sehr unsicher Auto fährt und die Vorfahrt nimmt, wenn sie keine Vorfahrt hat. Da haben wir gedacht, wir müssen etwas tun. Ich selber habe das gar nicht bemerkt, denn wenn ich mit meiner Mutter unterwegs bin, dann habe ich sie nicht fahren lassen, sondern bin immer selbst gefahren. So konnte ich das gar nicht beurteilen. Wir haben dann gesagt, dass das Auto kaputt ist. Sie hat dann schon nachgefragt, wann das Auto wieder da ist. Sie ist ja ihr ganzes Leben lang selbstständig gewesen und war immer mit dem Auto unterwegs. Das war schon ein schwerer Schlag. Das war für mich aber immer noch nicht der Grund, auf Alzheimer zu tippen.

Wir hatten den Verdacht, dass meine Mutter einen Schlaganfall hatte

Wir hatten dann irgendwann den Verdacht, dass meine Mutter eine halbseitige Gesichtslähmung hat. Wir sind mit ihr ins Krankenhaus gefahren und haben mit dem Verdacht auf eine neurologische Untersuchung durchführen lassen. Der Verdacht hat sich nicht bestätigt. Es wurde jedoch eine durchgeführt und in den Aufnahmen zeigte sich der Verdacht auf Alzheimer. Wir haben mit dem Hausarzt gesprochen und gefragt, wie wir weiter vorgehen sollen. Er hat uns zu einem Neurologen überwiesen, der dann auch die gestellt hat.

Dann haben wir uns Unterstützung und Informationen bei einer Selbsthilfegruppe geholt. Wir wollten Antwort auf die Frage finden, wie wirkt sich das aus, wie müssen wir zu Hause damit umgehen.

Meine Mutter ist körperlich noch sehr fit

Meine Mutter ist körperlich noch sehr fit und sie schafft es noch, hier im Dorf herumzugehen, sich in den Bus zu setzen, in die Stadt zu fahren und einzukaufen. Sie sagt mir Bescheid, wenn sie spazieren geht und ich achte dann darauf, dass sie nach zwei oder drei Stunden wieder zu Hause ist. Sie ist im Dorf bekannt und bittet die anderen Leute um Hilfe. Sie hat meine Visitenkarte und den Notfallausweis in der Tasche. Ein Handy habe ich ihr auch schon mal gegeben, aber das ist ihr zu technisch, damit kann sie nicht umgehen.

Das Thema Patientenverfügung haben wir schon früh, vor etwa zehn Jahren, angesprochen. Ich hätte mit meiner Mutter zu einem späteren Zeitpunkt keine mehr machen können, weil ich dann schon das Gefühl hatte, dass sie das gar nicht mehr richtig einschätzen konnte. Ich habe auch die Betreuung meiner Mutter übernommen. Dabei war die eine große Hilfe. Dadurch war das Betreuungsverfahren unproblematisch. Der Amtsrichter hat die gesehen und das Verfahren lief ganz gut.

Für mich war die Übernahme der Betreuung an der Zeit

Sie klagt oft, dass sie zu wenig Geld hat. Aber sie kauft jeden Artikel doppelt und dreifach. Als sie noch geschäftsfähig war, hat sie an der Tür Kaufverträge über größere Summen abgeschlossen, zum Beispiel für und Wein in größeren Mengen. Bevor ich die Betreuung übernommen habe, gab es oft solche Kaufverträge. Deswegen war für mich die Übernahme der Betreuung an der Zeit, obwohl es mir sehr schwer gefallen ist, meine Mutter quasi zu entmündigen. Aber es war letztlich einfacher, als wenn ich mich dann mit den Firmen wieder auseinandersetzen und die Verträge widerrufen muss.

Früher war meine Mutter immer sehr schick angezogen. Heute ist das nicht mehr so. Sie hat zwar noch eine Riesenauswahl, aber sie zieht immer dasselbe an, die ganze Woche. Sie sagt mir dann, dass sie ihre Kleider gerade gewechselt hat.

Schwierig ist auch das Haarewaschen. Wenn ich sie frage, warum sie sich nicht die Haare wäscht, dann sagt sie: „Das habe ich in meinem Alter nicht nötig.“ Sie geht dann lieber zum Friseur. Ich muss dann ab und an mit der Friseurin sprechen, dass sie sie nicht jeden Tag dran nimmt. Wenn sie ihre Spazierwege macht, ist sie schwuppdiwupp beim Friseur, wenn sie genügend Geld dabei hat.

Wenn man nicht mehr zuhören möchte, wird sie böse

Meine Mutter beleidigt uns auch ab und zu. Da habe ich ein dickes Fell, das prallt an mir ab. Wenn sie in einer solchen Phase ist, dann schlage ich ein anderes Thema an oder lenke sie ab, zum Beispiel mit fernsehen. Aber sie kann nicht mehr lange einem Film folgen. Sie meint dann, dass sie ihn gestern schon gesehen hat. Sie kann in der Zeitung nur noch die Überschriften erfassen, die Artikel kann sie nicht mehr lesen. Sie kommentiert dann das, was sie liest. Manchmal drei-, viermal hintereinander. Sie vergisst auch, dass sie mit mir über ein Thema gesprochen hat und fängt nach drei Minuten wieder von vorne an. Wenn man dann nicht mehr zuhören möchte, wird sie böse. Mit Vorwürfen, dass man sie nicht im Haus haben möchte, bis zur Androhung von Selbsttötung. Sie sagt dann „Ich will nicht mehr leben.“ Ich weiß, dass sie das nicht ernst meint. Wenn sie dann abgelenkt ist, ist dieser Gedanke schnell wieder verschwunden.

Einmal hat sie gekocht und alle Herdplatten angemacht, die dann rot glühten. Daraufhin musste ich den Herd abschalten und wir haben einen dicken Schalter einbauen müssen, den sie nicht sehen und bedienen konnte. Als nächstes haben wir das Bad ein wenig sicherer gemacht: Antirutschmatten und Griffe montiert. Wir haben die Steckdosen gesichert und die Medikamente weggeräumt.

Wir zanken uns nicht nur, sondern wir berühren uns auch manchmal

Momentan bekommt sie sechs Medikamente. Manchmal möchte sie sie nicht nehmen und sagt, dass sie erstmal die Beipackzettel lesen und mit dem Arzt sprechen möchte. Sie versucht uns manchmal auszutricksen und ist da auch sehr gewitzt. Sie steckt dann manchmal die Medikamente in die Tasche. Ich habe auch schon Tabletten unter dem Blumentopf auf unserem Tisch gefunden.

Was ich in der letzten Zeit bemerkt habe ist, dass meine Mutter manchmal zu mir kommt und mich in den Arm nimmt und drückt. Wir zanken uns nicht nur, sondern wir berühren uns auch manchmal. Früher hat sie den körperlichen Kontakt eigentlich nicht gesucht. Aber das kommt jetzt schon ein bisschen wieder. Das beruhigt mich ein wenig. Da weiß ich, dass sie das mag und ich ihr damit etwas Gutes tun kann. Zum Beispiel als mein Sohn Geburtstag hatte, das habe ich ihr am Morgen gesagt. Und beim Frühstück ist sie irgendwann aufgestanden, ist zu meinem Sohn gegangen, hat ihn umarmt und hat „Herzlichen Glückwunsch“ gesagt. Früher hätte sie gefragt, was er sich wünscht und ihm Geld gegeben. Aber heute steht sie auf und drückt meinen Sohn. Das war früher nicht so.

Wenn ich sie auf Dienstreisen mitnehme, macht ihr das Spaß

Sie möchte gerne reisen. Und wenn ich sie dann auf Dienstreisen mitnehme, macht ihr das Spaß und mir auch, wenn ich sehe, wie sie sich freut. Ich setze sie dann in einem Café ab. Sie bekommt dann einen Kaffee und ein Stück Kuchen und ich hole sie nach einer Stunde wieder ab. Ich sage dann der Kellnerin Bescheid, dass meine Mutter nicht weggehen soll und dass ich auf alle Fälle wiederkomme. Ich hinterlasse meine Karte bei der Kellnerin und bitte, auf meine Mutter in der Zeit zu achten. Sie hat Spaß dabei und mich kostet es nicht viel. Sie ist dann ein ganz anderer Mensch. Sie ist fröhlich, es kommt nicht mehr zu dieser Zankerei und den vorwurfsvollen Gesprächen. Das ist etwas, mit dem ich ihr noch eine Freude bereiten kann.

Wie ich demnächst mit dem Weglaufen umgehen könnte, habe ich in einer geschlossenen Abteilung hier in einem Altersheim gesehen. Dort war die Ausgangstür genauso gestrichen wie die Wand mit der Blümchentapete. So dass sie das nicht erkennen können. Ich war in einer solchen Abteilung und habe auch den Ausgang nicht gefunden. Und genauso, stelle ich mir vor, kann ich es mit Mutter irgendwann machen. Das sind so Punkte, wo wir in den Startlöchern stecken, wenn es notwendig wird. Wir sind dann vorbereitet.

Wir wollen das bis zum Ende durchboxen

Meine Mutter ist in unseren Haushalt integriert. Die Mahlzeiten werden nach Möglichkeit zusammen eingenommen und am Abend sitzen wir zusammen und schauen gemeinsam fern. Ich bin selbstständig und habe mein Büro zu Hause, so dass wir das gut organisieren können.

Unser Wunsch ist es, unsere Mutter zu Hause zu pflegen und wir wollen das bis zum Ende durchboxen. Wir wollen meine Mutter gern in einer großen Gemeinschaft, in einer großen Familie versorgen. Wir wollen sie nicht ins Krankenhaus bringen. Wir haben medizinische Versorgung: Wir haben Fachkräfte in der Familie und mein Hausarzt wäre bereit, die Betreuung zu Hause zu übernehmen. Ich möchte, dass sie zu Hause sterben kann.

Danksagung

Erfahrungsberichte fassen Interviews mit Betroffenen zusammen. Alle Gesprächspartnerinnen und -partner haben der Veröffentlichung zugestimmt. Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Die Berichte geben einen Einblick in den persönlichen Umgang und das Leben mit einer Erkrankung. Die Aussagen stellen keine Empfehlung des IQWiG dar.

Hinweis: Um die Anonymität der Interviewten zu wahren, ändern wir ihre Vornamen. Die Fotos zeigen unbeteiligte Personen.

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Aktualisiert am 25. August 2021

Nächste geplante Aktualisierung: 2024

Herausgeber:

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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