Alzheimer Demenz: Wie gut helfen Cholinesterasehemmer?
Cholinesterasehemmer können bei Menschen mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer Demenz den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit leicht verzögern. Dadurch können sie den Alltag eventuell länger selbst bewältigen. Ob Cholinesterasehemmer effektiver wirken als andere Behandlungen, ist noch unklar.
Eine Demenz ist eine chronische und fortschreitende Erkrankung des Gehirns, in deren Verlauf sich die Nervenzellen des Hirns verändern oder zerstört werden. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer Demenz. Bei dieser Erkrankung verschlechtern sich die geistige Leistungsfähigkeit, das Gedächtnis und die emotionale Kontrolle. Alltägliche und vor der Erkrankung selbstverständliche Aktivitäten wie Einkaufen und Haushaltsführung, aber auch Essen und Trinken, werden zunehmend schwieriger. Zusätzlich können Begleitsymptome wie Depressionen, Ängstlichkeit und Schlafstörungen die Lebensqualität stark einschränken. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung steigt der Pflege- und Betreuungsaufwand, und für die Angehörigen gilt es einen Weg zu finden, mit den psychischen Veränderungen ihrer Nächsten umzugehen.
In Kürze werden wir ein umfangreiches Spezial zum Thema Demenz mit Informationen zu medikamentösen und nichtmedikamentösen Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten veröffentlichen und dann an dieser Stelle darauf verweisen.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Alzheimer Demenz kann nicht geheilt werden, aber es gibt verschiedene Medikamente und andere Maßnahmen, die die Symptome lindern und das Fortschreiten der Erkrankung bremsen sollen. Zu den nichtmedikamentösen Behandlungen gehören zum Beispiel das Gedächtnistraining oder die Förderung von sozialen Aktivitäten. Es stehen aber auch Medikamente wie Cholinesterasehemmer und Memantin sowie das pflanzliche Arzneimittel Ginkgo biloba zu Verfügung. Hier können Sie mehr über die Behandlungsmöglichkeiten in den verschiedenen Stadien der Erkrankung nachlesen.
Im Gehirn sind bestimmte Nervenzellen (sogenannte cholinerge Neuronen) wichtige Vermittler für die Regulation vieler Körpervorgänge. Forscherinnen und Forscher konnten beobachten, dass diese Nervenzellen bei Menschen mit fortgeschrittener Alzheimer Demenz deutlich weniger aktiv sind. Dies verlangsamt die Signalübertragung im Gehirn. Die Cholinesterasehemmer sollen die Kommunikation zwischen den Nervenzellen wieder anregen und somit die Symptome der Erkrankung mildern. Sie sind zur Behandlung von leichter und mittelschwerer Alzheimer Demenz zugelassen. In Deutschland sind derzeit drei Cholinesterasehemmer auf dem Markt: Donepezil, Galantamin und Rivastigmin. Sie werden als Tabletten eingenommen. Rivastigmin ist inzwischen auch als Pflaster erhältlich, bei dem der Wirkstoff über die Haut in den Körper gelangt.
Vorgehen bei der Bewertung
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben gemeinsam mit Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Freiburg und der Universität Ulm randomisierte kontrollierte Studien zur Wirkung von Cholinesterasehemmern bei Menschen mit Alzheimer Demenz ausgewertet. In diesen Studien erhielt entweder eine Teilnehmergruppe einen der drei Cholinesterasehemmer und eine Kontrollgruppe ein Scheinmedikament (Placebo), oder die Wirkstoffe wurden direkt miteinander verglichen. Warum dieses Vorgehen für die Aussagekraft einer Studie wichtig ist, können Sie hier nachlesen. Die Forscherinnen und Forscher fanden bei ihrer ersten, im Jahre 2007 durchgeführten Bewertung 27 Studien mit insgesamt über 9800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die über mindestens 16 Wochen liefen.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interessierte unter anderem, ob die Medikamente die kognitive (geistige) Leistungsfähigkeit verbessern, psychische Beschwerden mildern oder die Bewältigung des Alltags erleichtern. Die unterschiedliche Qualität der Studien ließ nicht zu allen dieser wichtigen Therapieziele eine Aussage zu.
Die Ergebnisse
Die Auswertung der Ergebnisse zeigte, dass die Cholinesterasehemmer Donepezil, Galantamin und Rivastigmin bei Menschen mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer Demenz den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit leicht verzögern können. Konkret bedeutet dies: Patientinnen und Patienten, die eines der Medikamente über mindestens vier Monate einnahmen, konnten sich beispielsweise Dinge etwas besser merken als die Menschen, die ein Scheinmedikament einnahmen.
Außerdem gab es Hinweise, dass Menschen, die eines der Medikamente einnahmen, ihren Alltag etwas länger selbst bewältigten als Menschen, die ein Scheinmedikament einnahmen. Um beurteilen zu können, ob dies tatsächlich der Fall ist, ist aber noch weitere Forschung notwendig. Zu den psychischen Begleitsymptomen wie Depressionen oder Angstzustände ließ die mangelhafte Datenlage keine Schlüsse zu. Bei Galantamin gibt es zwar Hinweise auf eine lindernde Wirkung, diese ist jedoch sehr gering. Galantamin könnte möglicherweise auch den Betreuungsaufwand mindern und die Lebensqualität der Angehörigen verbessern, allerdings ist der gefundene Effekt ebenfalls sehr klein.
Ob die Medikamente die krankheitsbezogene Lebensqualität, die Notwendigkeit einer vollstationären Pflege (Pflege im Heim) oder die Sterblichkeit beeinflussten, ließ sich nicht beurteilen, da zu wenig aussagekräftige oder gar keine Daten vorlagen. Auch waren keine Aussagen dazu möglich, ob Alter, Geschlecht oder Begleiterkrankungen die Wirkung beeinflussen.
Nach den Ergebnissen der IQWiG-Forscherinnen und -Forscher kann derzeit keine der drei Substanzen gegenüber einer der anderen als überlegen bezeichnet werden. Es hat sich gezeigt, dass alle drei Cholinesterasehemmer in höherer oder mittlerer Dosierung stärker wirken, als wenn sie sehr niedrig dosiert werden. Donepezil wirkt allerdings auch schon in niedrigeren Dosen – bei Galantamin und Rivastigmin war im Niedrigdosisbereich keine oder nur eine unsichere Wirkung sichtbar. Alle drei Substanzen können unerwünschte Wirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall hervorrufen, die verstärkt auftreten, je höher die Dosis ist. Bei Rivastigmin treten diese wahrscheinlich am häufigsten auf. Informationen über seltene oder erst nach längerer Einnahmedauer auftretende unerwünschte Wirkungen lieferten die Studiendaten nicht.
Auch bleibt weiterhin unklar, wie nützlich die Therapie mit Cholinesterasehemmern langfristig und im Vergleich zu anderen medikamentösen und nichtmedikamentösen Behandlungen ist. Das IQWiG prüft darüber hinaus weitere Behandlungsmöglichkeiten für Alzheimer Demenz, und zwar ginkgohaltige Präparate, den Wirkstoff Memantin und nichtmedikamentöse Therapien. Über die Ergebnisse dieser Berichte informieren wir Sie hier.
Im September 2009 hat das IQWiG recherchiert, ob es neue Studien zum Einsatz von Cholinesterasehemmern bei Menschen mit leichter oder mittelschwerer Demenz gibt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden insgesamt 9 neue Studien. Die Studien lieferten keine Anhaltspunkte dafür, dass es zu den beiden Wirkstoffen Donepezil und Rivastigmin in Tablettenform wesentliche neue Erkenntnisse gibt.
Die Ergebnisse einiger Studien zum Cholinesterasehemmer Galantamin waren zum Zeitpunkt der Recherche noch nicht veröffentlicht. Daher konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht einschätzen, welchen Einfluss die Studien auf die Bewertung von Galantamin haben.
Darüber hinaus wurde der Wirkstoff Rivastigmin in vier Studien als Pflaster untersucht. Auch hier waren nur zwei dieser Studien veröffentlicht. Ohne die unveröffentlichten Studien konnte das IQWiG nicht abschließend bewerten, wo die Vor- und Nachteile von Rivastigmin in Pflasterform liegen.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG sind nun dabei, eine ausführliche Bewertung der neuen Studien zu den Cholinesterasehemmern Galantamin und Rivastigmin vorzunehmen. Im Rahmen dessen wird das Institut die Hersteller der Mittel bitten, Informationen zu den noch unveröffentlichten Studien zur Verfügung zu stellen, um eine vollständige Bewertung vornehmen zu können. Sobald die Ergebnisse der IQWiG-Auswertung veröffentlicht sind, werden wir an dieser Stelle darüber berichten.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Hinweis
Die vorliegende Gesundheitsinformation gibt die Inhalte des wissenschaftlichen Gutachtens des IQWiG wieder und ist keine leistungsrechtliche Bewertung der Behandlungsmethode, aus der Rückschlüsse auf die Kostenerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung zulässig wären. Die Entscheidung über die Kostenübernahme diagnostischer und therapeutischer Verfahren ist per Gesetz dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorbehalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss bezieht die Gutachten des IQWiG in seine Beschlussfassung ein. Informationen zu den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses erhalten Sie auf dessen Website unter www.g-ba.de.
- Letzte Aktualisierung: 10. Mai 2011 14:21
- Erstellt am: 15. April 2009 15:40
- Historie: Liste anzeigen
- Quellen:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Cholinesterasehemmer bei Alzheimer Demenz. Abschlussbericht A05-19A. Version 1.0. Köln: IQWiG. Februar 2007. [Volltext]
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Aktualisierungsrecherche zum Bericht A05-19A (Cholinesterasehemmer bei Alzheimer Demenz). Auftrag A09-03. Version 1.0. Köln: IQWiG. Oktober 2009. [Volltext]
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„Relevant, objektiv und unabhängig“



