Alzheimer Demenz: Können ginkgohaltige Mittel helfen?
Demenzerkrankungen treten vor allem im Alter auf: Etwa einer von 20 Menschen zwischen 70 und 79 Jahren hat mit der Erkrankung zu tun (5 %). Bei den 80- bis 89-Jährigen ist es knapp einer von sechs (rund 18 %), und von den über 90-Jährigen ist sogar jeder Dritte betroffen (32 %). Bei der häufigsten Demenzform, der Alzheimer Demenz, bilden sich aufgrund von unterschiedlichen Vorgängen im Gehirn im Laufe der Zeit immer mehr Gehirnzellen zurück. Diese Prozesse beginnen häufig schon Jahre vor dem Eintreten erster Symptome. Die Alzheimer Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung.
Menschen mit Alzheimer erscheinen anfangs zerstreut und vergesslich. Im Verlauf der Erkrankung nimmt die Gedächtnisleistung, insbesondere das Kurzzeitgedächtnis, stark ab. Betroffene haben Probleme mit der räumlichen und zeitlichen Orientierung, und es wird für sie schwieriger, Abläufe und Situationen einzuschätzen. Es fällt immer schwerer, den Alltag zu organisieren und Tätigkeiten wie Einkäufe und Hausarbeiten zu bewältigen. Auch die Persönlichkeit der erkrankten Menschen kann sich stark verändern. Neben der zunehmenden Hilfebedürftigkeit der Betroffenen bedeutet dies für Angehörige meist eine besondere Herausforderung.
Die Behandlungsmöglichkeiten bei Alzheimer sind begrenzt. Es gibt jedoch einige Medikamente (Antidementiva) und pflanzliche Mittel, die vor allem im Anfangsstadium dieser Erkrankung eingesetzt werden können. Außerdem werden häufig Maßnahmen wie Gedächtnisübungen oder Verhaltenstherapien angewendet. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – der Herausgeber dieser Website – untersucht derzeit, was Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen von solchen Mitteln und Maßnahmen erwarten können.
Studien zu Präparaten aus Ginkgo biloba
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG haben in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin ginkgohaltige Mittel bewertet. Diese pflanzlichen Präparate werden aus Blättern des Ginkgo-biloba-Baums gewonnen. Ihnen werden unterschiedliche Wirkungen zugeschrieben, unter anderem, dass sie die Durchblutung verbessern und Nervenzellen schützen. Ginkgo-Präparate können rezeptfrei gekauft werden. Bei Demenzerkrankungen kann die Ärztin oder der Arzt sie auch verschreiben.
Um herauszufinden, ob Menschen mit Alzheimer tatsächlich von ginkgohaltigen Präparaten profitieren, hat das IQWiG alle aussagekräftigen Studien zu dieser Fragestellung analysiert. Dabei handelte es sich um Studien, in denen Menschen mit Alzheimer nach dem Zufallsprinzip in zwei oder mehr Gruppen eingeteilt worden sind und anschließend entweder Ginkgo, ein Scheinpräparat (Placebo) oder ein anderes Medikament erhielten. Alle diese randomisierten kontrollierten Studien waren "verblindet". Das bedeutet, weder die Teilnehmenden noch ihre betreuenden Ärztinnen und Ärzte wussten, welches der Mittel sie nahmen.
Insgesamt wertete das IQWiG sieben Studien mit knapp 1800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus. In sechs Studien wurde Ginkgo mit einem Placebo verglichen, während eine das Mittel gegen ein Alzheimer-Medikament (Donepezil) testete. Diese Untersuchung war jedoch nicht darauf angelegt, abschließende Ergebnisse zum Vergleich dieser beiden Medikamente zu liefern.
In allen Studien wurde ein ganz bestimmtes Ginkgopräparat mit dem Extrakt EGb 761 untersucht. Zu anderen ginkgohaltigen Mitteln und Zubereitungen konnte das IQWiG keine aussagekräftigen Studien finden. Die Dosierungen, die jeweils geprüft worden waren, lagen bei 120 mg oder 240 mg pro Tag. Alle Studien bis auf eine wurden vom Hersteller des Ginkgoextrakts finanziert.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten eine leichte bis mittelschwere Alzheimer Demenz. In anderen Aspekten unterschieden sie sich jedoch deutlich voneinander. So lag das Durchschnittsalter in einigen Studien bei 65 Jahren, in anderen bei 78. Auch in Bezug auf die Symptome gab es recht große Unterschiede: So nahmen an manchen Studien vor allem Menschen teil, bei denen die Erkrankung zu psychischen Veränderungen – etwa Unruhe oder Depressivität – geführt hatte.
Alle Studien prüften, ob der Ginkgoextrakt die Gedächtnisleistung verbessert hatte und ob die Teilnehmerinnen und Teilnehmer alltägliche Aufgaben, wie Einkaufen, Körperpflege oder den Haushalt führen, wieder besser erledigen konnten. Die meisten Studien untersuchten außerdem, ob das Mittel psychische Begleitsymptome der Demenz besserte, wie zum Beispiel Depressionen oder Wahnvorstellungen. Andere wichtige Aspekte, wie die Lebensqualität der Teilnehmenden und ihrer Angehörigen, wurden nur in wenigen Studien berücksichtigt.
Ginkgoextrakt EGb 761 in hoher Dosierung könnte den Alltag erleichtern
Die Studien zeigten, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die den Ginkgoextrakt in der höchsten Dosierung (240 mg pro Tag) einnahmen, alltägliche Tätigkeiten wie Haushaltsarbeiten oder die eigene Körperpflege wieder besser bewältigen konnten. Diese Wirkung war jedoch von Studie zu Studie unterschiedlich stark ausgeprägt. Daher lässt sich nicht eindeutig sagen, wie viele Menschen von Ginkgo profitieren könnten und wie bedeutsam dieser Effekt ist. In der Dosierung von 120 mg pro Tag zeigte der Ginkgoextrakt keine eindeutige Wirkung auf die Alzheimer-Symptome.
Möglicherweise profitieren jüngere Patientinnen und Patienten mit Alzheimer Demenz sowie Menschen mit erkrankungsbedingten psychischen Problemen mehr von dem Mittel als andere. Eine abschließende Aussage hierzu ist jedoch noch nicht möglich.
Die Studien lieferten auch Hinweise darauf, dass Ginkgo in hoher Dosierung die Gedächtnisleistung verbessern und die psychischen Symptome lindern könnte. Die Anwendung des Mittels schien auch die emotionale Belastung der Angehörigen zu verringern. Um eine eindeutige Aussage zu diesen Aspekten treffen zu können, sind jedoch weitere Studien erforderlich.
Unerwünschte Wirkungen kommen nicht sehr häufig vor, Wechselwirkungen sind nicht auszuschließen
Die meisten unerwünschten Wirkungen, die bei anderen Medikamenten gegen Demenz vorkommen, traten unter Ginkgo nicht häufiger auf als unter dem Scheinmedikament. Dennoch brachen Patientinnen und Patienten die Einnahme von Ginkgo häufiger wegen Nebenwirkungen ab.
Es ist nicht auszuschließen, dass Ginkgo-Präparate Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln haben können. So ist in seltenen Fällen berichtet worden, dass die Wirkung blutverdünnender Medikamente verstärkt wurde – dazu gehören zum Beispiel ASS (Acetylsalicylsäure, zum Beispiel in Aspirin) und Warfarin. Daher ist es wichtig, der Ärztin oder dem Arzt mitzuteilen, welche Arzneimittel und anderen Präparate außer dem Ginkgo-Präparat eingesetzt werden.
Mehr Informationen zur Anwendung von pflanzlichen Mitteln finden Sie hier.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- Erstellt am: 10. März 2009 10:56
- Letzte Aktualisierung: 11. Dezember 2009 14:22
- Historie: Liste anzeigen
- Quellen:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Ginkgohaltige Präparate bei Alzheimer Demenz. Abschlussbericht A05-19B. Version 1.0. Köln: IQWiG. September 2008. [Volltext]
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